Unterschätze Gefahr Gürtelrose
Auch wenn man sich jung fühlt, das Immunsystem ist es nicht

Der wohl schlimmste Fall einer Gürtelrose ist der Krankheitsverlauf im Gesicht. Neben unsäglichen Schmerzen kann es zur Erblindung oder Verlust des Gehörs kommen.
Der wohl schlimmste Fall einer Gürtelrose ist der Krankheitsverlauf im Gesicht. Neben unsäglichen Schmerzen kann es zur Erblindung oder Verlust des Gehörs kommen.
© lauraag/ / Getty Images

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Einer Ipsos-Umfrage zufolge fühlen sich die 50- bis 60-Jährigen oft um viele Jahre jünger. Doch selbst wer schlank und sportlich ist: Das Immunsystem altert. Wer die Impfvorsorge schleifen lässt, riskiert Krankheiten, die man nicht haben will. 

Herr Dr. Leischker, wie hat sich die Wahrnehmung von Alter in den letzten Jahrzehnten verändert? 

In den vergangenen 120 Jahren hat sich die Lebenserwartung in den Industrienationen nahezu verdoppelt. Ein Mädchen, das im Jahr 2021 geboren wurde, hat eine Lebenserwartung von 83 Jahren. Menschen fühlen sich heutzutage zudem deutlich jünger, als sie tatsächlich sind: Im Alter von 60 Jahren fühlen sich die meisten von uns wie Anfang 50. Und unsere Wahrnehmung des Altseins verschiebt sich immer weiter nach hinten: Je älter wir werden, desto stärker weicht unser gefühltes Alter vom chronologischen Alter ab. 

Subjektives Altern? Ich fühle mich jung, also bin ich es?

Während das chronologische Alter die Anzahl der Jahre seit der Geburt angibt, hängt das biologische Alter vom Zustand unserer Zellen ab. Durch Alterungsprozesse entstehen Schäden an den Zellbausteinen. Die aus geschädigten Zellen aufgebauten Organe und Organsysteme funktionieren dann nicht mehr optimal. Dan Belsky und sein Team von der Duke University haben mit einer Kombination verschiedener Laborparameter das biologische Alter von rund eintausend 38-jährigen Menschen bestimmt. Das daraus errechnete biologische Alter schwankte beträchtlich. Es lang zwischen 28 und 61 Jahren.

Dr. Andreas Leischker, Facharzt für Innere Medizin mit der Zusatzbezeichnung Geriatrie im Krankenhaus Maria-Hilf Krefeld.
Dr. Andreas Leischker, Facharzt für Innere Medizin mit der Zusatzbezeichnung Geriatrie im Krankenhaus Maria-Hilf Krefeld.
© Andreas Leischker

Was bedeutet das für den Alltag dieser Menschen? 

Die "biologisch Älteren" hatten eine schlechtere Koordination, konnten das Gleichgewicht schlechter halten und waren weniger leistungsfähig – sie hatten zum Beispiel beim Treppensteigen Probleme. Das subjektive Alter hängt auch von der körperlichen und geistigen „Fitness“ ab. Es wird jedoch zusätzlich durch die individuell unterschiedliche Wahrnehmung der Alterungsprozesse beeinflusst. Aus der Zwillingsforschung wissen wir, dass das Altern nur zu etwa 20 Prozent durch unsere Gene bedingt ist. Der Rest geht auf Lebensstil und Umwelteinflüsse zurück. Die drei wichtigsten Maßnahmen, um biologisch "jung" zu bleiben, sind regelmäßige körperliche Bewegung, Nichtrauchen und das Vermeiden von Übergewicht. 

Ist das sich jünger fühlen ein Trugschluss zum Beispiel hinsichtlich des Immunsystems

Menschen, die sich subjektiv jung fühlen, unterschätzen häufig ihr Risiko für altersassoziierte Erkrankungen. Wenn wir älter werden, funktioniert unser Immunsystem schlechter. Dadurch werden wir anfälliger für Infektionen. Der Alterungsprozess des Immunsystems beginnt etwa ab dem 30. Lebensjahr. Die Anfälligkeit für Infektionen steigt bereits ab dem 50. Lebensjahr, ab dem 60. Lebensjahr sind auch gesunde Menschen ohne Vorerkrankungen gefährdet. Das ist schon lange bekannt, wurde uns aber im Rahmen der Coronapandemie noch einmal ganz deutlich vor Augen geführt: Fast alle Menschen, die in den ersten Wellen der Pandemie an SARS-CoV-2 verstorben sind, waren über 60 Jahre alt. 

Wie altertet denn unser Immunsystem?

Unser Immunsystem besteht – vereinfacht gesagt – aus zwei Säulen: der B-Zellen-abhängigen und der T-Zellen-abhängigen Immunität. Die B-Zellen produzieren spezifische Antikörper und können dadurch Erreger sehr schnell gezielt bekämpfen. Dadurch können Erkrankungen oft ganz verhindert werden. Die T-Zellen sind das „Langzeitgedächtnis“ des Immunsystems. Sie schützen vor allem vor schweren Krankheitsverläufen. Beim Menschen nehmen Anzahl und Diversität der B-Zellen im Alter ab. Noch ausgeprägter ist im Alter die Abnahme der T-Zell-vermittelten Immunität. Der Thymus liegt hinter dem Brustbein und spielt eine wichtige Rolle bei der T-Zell-vermittelten Abwehr. Im Laufe des Lebens schrumpft er deutlich: Bei 70-jährigen Menschen hat er nur noch zehn Prozent seiner ursprünglichen Größe. 

Also wird Impfen im Alter wichtiger?

Ja. Impfungen bieten nicht nur Schutz gegen die Erkrankung, gegen die geimpft wurde, sondern sie trainieren auch das unspezifische Immunsystem, das in der Folge auch andere Krankheitserreger besser abwehren kann. Das „gealterte“ Immunsystem kann Erreger schlechter abwehren. Wenn ältere Menschen Kontakt zu Krankheitserregern haben, verläuft die Erkrankung deshalb schwerer, sie müssen häufig stationär, teilweise auch auf einer Intensivstation behandelt werden, und sie entwickeln häufiger schwere Komplikationen.

Können Sie hier ein Beispiel nennen?

Gürtelrose ist so eine Erkrankung, die einen jenseits der 60 Jahre ernsthaft Schwierigkeiten bereiten kann.  Das Varizella-Zoster-Virus verursacht zwei verschiedene Erkrankungen: Die Varizellen („Windpocken“) treten meist bei Kindern und Jugendlichen auf. Nach der Genesung "verstecken" sich Varizella-Zoster-Viren vor dem Immunsystem in den Spinalganglien – das sind gebündelte Nervenzellen neben dem Rückenmark. Wir merken Jahrzehnte lang nichts von ihrem „Winterschlaf“. Kommt es allerdings zu einer Schwächung unseres Immunsystems, "erwachen" die Varizella-Zoster-Viren. Sie wandern dann entlang der Nerven von den Spinalganglien in Richtung Hautnerven. Die betroffenen Nerven reagieren mit einer Entzündungsreaktion, die starke Schmerzen verursacht. Nach zwei bis drei Tagen haben die Viren die Haut erreicht – jetzt zeigt sich die Erkrankung durch die typischen flüssigkeitsgefüllten Bläschen. Besonders bei älteren Menschen bestehen auch nach Abheilung der Bläschen teilweise über Monate anhaltende starke Schmerzen, die auf die üblichen Schmerzmittel kaum ansprechen. 

Als Krankenhausarzt sehe ich im Akutstadium vor allem die besonders schweren Fälle, zum Beispiel Gürtelrose im Gesichtsbereich mit Augenbeteiligung. Noch häufiger sehe ich Patientinnen und Patienten, die nach einer Gürtelrose-Erkrankung über Monate so starke Schmerzen haben, dass sie im Alltag nicht mehr zurechtkommen. 

Sich jünger zu fühlen, hat also wenig mit dem Immunsystem zu tun?

Auch bei gesunden Menschen ist das Immunsystem durch Alterungsprozesse ab dem 60. Lebensjahr nicht mehr so leistungsfähig wie bei jungen Erwachsenen. Wir merken das leider erst, wenn wir an einer schweren Infektion erkrankt sind. Durch Vorsorgemaßnahmen können wir unser Immunsystem auch im Alter fit halten und dadurch schwere Erkrankungen verhindern

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