Schmerzen, Lähmung, Impfung
Zehn Dinge, die Sie über Gürtelrose wahrscheinlich noch nicht wussten

Gürtelrose klingt harmlos, ist jedoch eine Entzündung der Nerven mit entsprechend starken Schmerzen. Schon ein Luftzug auf der Haut oder die Reibung des T-Shirts können Schmerzattaken auslösen. 
Gürtelrose klingt harmlos, ist jedoch eine Entzündung der Nerven mit entsprechend starken Schmerzen. Schon ein Luftzug auf der Haut oder die Reibung des T-Shirts können Schmerzattaken auslösen. 
© Getty Images
Welcher Trick der Herpes-Viren macht die Gürtelrose so tückisch? Welche gravierenden Folgen kann eine Gürtelrose nach sich ziehen? Kann man sich gegen Gürtelrose impfen lassen? Überraschende Einsichten in eine häufig unterschätzte Erkrankung. 

Wie hoch ist die Chance, eine Gürtelrose zu bekommen? 

Das ist altersabhängig. Generell lässt sich sagen: Von denen, die Windpocken hatten und über 60 Jahre alt sind, wird ein Drittel an einer Gürtelrose erkranken. Wiederum ein Drittel von dieser Gruppe wird absehbar starke und langanhaltenden Komplikationen – wie z.B. den sog. Post-Zoster Schmerzen - entwickeln. Etwa die Hälfte der Betroffenen, jenseits des 70. Lebensjahres, kämpfen über mind. 12 Monate mit diesen Schmerzzuständen. Die Anzahl der Betroffenen nimmt zukünftig weiter zu, weil wir alle insgesamt älter werden.

Die Fragen zur Gürtelrose hat Dr. med. Michael A. Überall beantwortet. Er ist der Vizepräsident der Deutschen Schmerzgesellschaft DGS. e.V.  Kaum etwas verursacht größere Schmerzen als eine Gürtelrose. 
Die Fragen zur Gürtelrose hat Dr. med. Michael A. Überall beantwortet. Er ist der Vizepräsident der Deutschen Schmerzgesellschaft DGS. e.V.  Kaum etwas verursacht größere Schmerzen als eine Gürtelrose. 
© DGS/Carlucci

Warum sind von der Gürtelrose vor allem über 60-Jährige betroffen?

Zum einen lässt mit dem Alter die Immunkompetenz nach. Zum anderen liegt es an der Beschaffenheit des Varizella-Zoster-Virus und den Kontaktmöglichkeiten. Bei vielen anderen Erkrankungen kommt das Immunsystem häufiger mit den jeweiligen Erregern in Kontakt. Es wird also laufend trainiert, was sich später im Alter – z.B. bei einem alternden Immunsystem – insgesamt positiv auswirkt. Den Kontakt zu Windpocken hingegen hat man nur einmal, in der Regel als Kind. Ansonsten grassiert die Krankheit in Deutschland nicht wirklich und nach dem Erstkontakt zieht sich das Virus im Körper an Stellen zurück, an denen es vom Immunsystem nicht entdeckt oder bekämpft werden kann. Über die Jahrzehnte verliert das Immunsystem dann seine in der Kindheit erworbenen Abwehrfähigkeiten und erkennt dann das Virus nicht mehr zuverlässig, wenn es aus seinen Rückzugsorten ausbricht. Das Zoster-Virus gehört zur Gruppe der DNA-Viren, gegen die das körpereigene Immunsystem nur unzureichend wehren kann und die eine bekannte Neigung haben im menschlichen Körper überleben zu können. Daher fällt selbst bei Jüngeren die Immunantwort auf eine Gürtelrose eher schwach aus.

Warum taucht die Erkrankung bei einem am Bauch, bei anderen im Gesicht auf?

Das liegt an der Besonderheit des Zoster-Virus. Es verteilt sich wie jedes andere Virus über die Blutbahnen, gelangt in die Haut und verursacht dort den typischen bunten Windpockenausschlag. Nach dem Abheilen jedoch zieht es sich über die Nervenbahnen der Haut zurück bis in die Spinalganglien, das sind Nervenknoten links und rechts der Wirbelsäule oder die Kerngebiete der Hirnnerven. Dort kann das Virus unbehelligt vom Immunsystem beliebig lang überdauern. Bei einem geschwächtem Immunsystem sei es durch Stress, Erkrankungen oder Alterung kann sich das Virus wieder reaktivieren. Es gelangt dann über die Nervenbahnen des jeweiligen Ganglions in verschiedene Körperbereiche. Häufig ist im Rumpfbereich, daher (und aufgrund der meist umschriebenen strang- oder gürtelförmigen Form des Ausschlags) der Name Gürtelrose. Hat sich das Virus jedoch in den Ganglien der Hirnnerven eingenistet, die z.B. das Gesicht, das Auge oder das Ohr versorgen, kommt es dort zum Ausbruch der Krankheit. Dabei wird der Nerv und das umliegende Gewebe zerstört, was zu Gesichtslähmungen, Hör- und Sehverlust führen kann. 

Warum schmerzt die Erkrankung so sehr?

Das Virus beschädigt ausgerechnet jene Nerven in der Haut, die für das Schmerzempfinden verantwortlich sind. Man kann sich das wie bei einem Stromkabel vorstellen, bei dem irgendwo im Verlauf die Isolierung weggefressen wurde und die offen liegenden stromführenden Leitungen dann Kurzschlüsse und Fehlalarme verursachen. Diese Schmerzfasern sind besonders empfindlich, weil sie entwicklungsgeschichtlich zu den eher alten (weil auch für alle Vorläuferversionen des Menschen überlebensnotwendigen) Teilen des Nervensystems gehören und ja auch speziell für Wahrnehmung von Schmerzen gebildet wurden. Die Schmerzen Betroffener können dabei mitunter blitzartig elektrisierend urplötzlich und aus heiterem Himmel - wie aus dem Nichts heraus – auftreten oder aber auch durch nichtschmerzhafte Berührungen der Haut (z.B. durch das Tragen eines Kleidungsstückes oder einen Windhauch) ausgelöst werden. Unvorhersagbarkeit und Hartnäckigkeit der Schmerzen führen mitunter zu schweren psychische Belastung. Immer angespannt rechnen die Betroffenen stets mit einer erneuten Schmerzattacke. Das zermürbt. Ich kenne Patienten, die sagen, die Schmerzen der Gürtelrose hätten sie gebrochen.

So empfindlich, dass selbst ein Luftzug Schmerzen verursacht? 

Ja, das kann durchaus sein. Bei der Post-Zoster-Neuralgie, also den Folgeschäden nach der eigentlichen Gürtelrose, sprossen die geschädigten Nerven neu aus. Sie verändern sich und nehmen Signale von anderen Nerven auf. Diese Signale werden dann als Schmerz (fehl-)interpretiert, obwohl sie kein Schmerz sind. So kann die bloße Berührung der Haut vom Streicheln bis hin zum Tragen eines T-Shits, ja selbst Schweiß zu Schmerzen führen. Gleichzeitig erfüllt der geschädigte Nerv seine eigentliche Aufgabe nicht mehr. Patienten werden an den betreffenden Stellen unempfindlich gegenüber tatsächlichen Schmerzen oder sie nehmen z.B. Temperaturveränderungen oder Berührungen nicht mehr wahr. 

Welche Schmerztherapien gibt es?

Das ist genau das Problem! Der Schmerz ist nur dort, wo der Nerv geschädigt wurde und die eigentlichen Schmerzsensoren nicht mehr funktionieren. Die meisten Schmerzmittel wirken jedoch über den gesamten Körper und sind auf normale Schmerzvorgänge des Körpers optimiert – nicht auf solche bei denen das schmerzverarbeitende System geschädigt ist. Sie eignen sich daher für die Behandlung der Post-Zoster-Neuralgie nur bedingt. In der Therapie solcher Nervenschmerzen müssen wir deshalb auf Medikamente zurückgreifen, die die neuronale Übererregbarkeit und Spontanentladungen reduzieren. Da sind wir dann im Bereich der Antiepileptika und Antidepressiva, also von Wirkstoffen, die unter anderem auch die Signalweiterleitung vom Rückenmark ins Gehirn beeinflussen können. Beide Wirkstoffgruppen unterscheiden nicht zwischen den Orten im Körper an denen sie wirken sollen und denen, an denen sie (besser) nicht wirken sollten und gehen deshalb häufig mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen einher. Daher werden in der Therapie neuropathischer Schmerzen gerne lokal wirksame (sog. topische) Therapien eingesetzt wie z.B. Lidocain- oder Capsaicin-Pflaster. Lidocain und verwandte Wirkstoffe werden inder Medizin zur Lokalanästhesie eingesetzt. Capsaicin kommt in der Natur in Chillischoten vor und stimuliert in geeigneter Darreichungsform Nervenzellen so stark, dass sie sich energetisch erschöpfen, zurückbilden und nachfolgend neu regenerieren – was u.U. mit einer Reparatur des Nervenschadens verbunden sein kann. In jedem Fall sollte bei einer Post-Zoster-Neuralgien ein Schmerztherapeut konsultiert werden, da die üblichen Verfahren bei diesen Schmerzen meist nur unzureichend helfen. 

Lohnt die Impfung gegen Gürtelrose?

Auf jeden Fall. Die Impfung mit dem Tot-Impfstoff ist sehr wirksam und verhindert großangelegten Studien zufolge zu 95 Prozent eine Gürtelrose. Wer trotz Impfung eine Gürtelrose bekommt, muss keinen schweren Verlauf oder eine Post-Zoster-Neuralgie fürchten. Die Wirksamkeit geht hier nahe an die 100 Prozent. Geimpft wird zweimal im Abstand von zwei bis sechs Monaten. Ab 60 empfiehlt die Ständige Impfkommission diese Impfung als sog. Standardimpfung. Bei Menschen mit schwerwiegenden Begleiterkrankungen wird sie als sog. Indikationsimpfung bereits ab 50 Jahren von der STIKO empfohlen. Zugelassen ist der Impfstoff ab dem 18 Lebensjahr und mitunter kann der Einsatz der Impfung auch bei jüngeren Menschen sinnvoll sein- z.B. dann, wenn medizinisch die körpereigene Immunabwehr geschwächt werden muss (z.B. bei bestimmten Tumor- oder Immuntherapien). Aktuellen Zahlen zu Folge haben derzeit wenig mehr als zehn Prozent aller über 60-jährigen eine solche Impfung vollständig erhalten, was mir persönlich völlig unverständlich ist. 

Ist Gürtelrose ansteckend?

Mit Gürtelrose kann man sich nicht infizieren. Wer bislang keine Windpocken hatte, der kann diese nach Kontakt mit einem Patienten mit Gürtelrose bekommen. Wer diese aber bereits im Kindesalter hatte, oder dagegen geimpft wurde oder selbst sie gar schon eine Gürtelrose hatte, dem passiert gar nichts.

Bei welchen Anzeichen sollte man schnell zum Arzt?

Wenn sich Hautbereiche im Gesicht, dem Oberkörper oder dem Genitalbereich merkwürdig anfühlen, jucken oder brennen und dieses Empfinden anhalten und sich eine Rötung mit Erhabenheiten und Bläschen entwickelt, sollte man zum Arzt gehen und die Sache abklären lassen. Die ersten 72 Stunden sind für eine erfolgreiche Therapie entscheidend, denn in dieser Zeit lässt sich mit Virostatika die Ausbreitung der Viren hemmen. „Ausrotten“ kann man das Virus auch durch eine solche Therapie meist nicht, doch u.U. den Ausbruch der Gürtelrose verhindern oder den Verlauf verkürzen. Das gilt insbesondere für die Gürtelrose im Bereich des Gesichts, Auge und Ohr, die im schlimmsten Fall zu bleibenden Lähmungen, Taubheit oder Erblindung führen kann.

Wer Gürtelrose hatte, bekommt sie nicht wieder?

Das Gegenteil ist leider der Fall. Wer schon einmal eine Gürtelrose hatte, hat statistisch ein erhöhtes Risiko  eine weitere zu bekommen.

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