HOME

Wasserpfeifen: Die neue Einstiegsdroge heißt "Shisha"

Bei Jugendlichen sind Wasserpfeifen beliebter als Zigaretten: Jeder vierte 13-Jährige hat sie schon einmal geraucht, zeigt eine neue Studie. Suchtpotenzial und Schadstoffmenge der Shisha werden unterschätzt.

Von Martin Knobbe und Keven Nau

Die Räucherhöhle ist mit rotem Teppich ausgelegt und hinter weißem Tüll versteckt. Dahinter hocken sie dann auf geblümten Kissen im Schein einer einsamen Lampe und kichern und quatschen und qualmen sich durchs Angebot. Pfefferminze oder Zitrone, Lakritze oder Cola, wobei Weintraube, da sind sie sich einig, am besten schmeckt. Acht Mädchen, 15 und 16 Jahre alt, acht Cola-Dosen, vier blubbernde Wasserpfeifen und reichlich Qualm von aromatisiertem Tabak, dazu Rapmusik von DMX, "Party Up, Party Up", und nebenan ein paar Goldfische im Aquarium. "Es ist die Atmosphäre", sagt Damla, "irgendwie so gemütlich." Deshalb sind sie, wenn das Wetter für den Park nicht schön genug ist, fast jeden Nachmittag hier, so ab vier: im orientalischen Café auf der Sonnenallee in Berlin-Neukölln, ihrer Räucherhöhle.

In Berlin rauchen 31 Prozent aller 10- bis 15-Jährigen Wasserpfeife. Das hat eine Umfrage des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg 2007 ergeben. Nur halb so viel, nämlich 16 Prozent, sind Zigarettenraucher. Das mag auch kulturelle Gründe haben: Für Familien aus arabischen Ländern etwa gehört die Wasserpfeife, die Shisha, zur Tradition. Doch dieser Trend ist nicht nur das Phänomen einer Metropole, in der viele Migranten wohnen. Er reicht über Berlin hinaus, wie eine noch unveröffentlichte Studie aus Baden-Württemberg zeigt.

Verwässerungstaktik

Wissenschaftler vom Thoraxklinikum Heidelberg haben 3000 Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren befragt. Demnach hat jeder vierte Jugendliche im Durchschnittsalter von 13 Jahren bereits Shisha geraucht. "Einige gaben an, mehr als dreimal pro Woche zu rauchen", sagt der Leiter der Studie, Chefarzt Felix Herth. Anders als bei Zigaretten würden Gymnasiasten genauso oft zur Shisha greifen wie Hauptschüler. "Wasserpfeifen sind die Alkopops der neuen Generation", sagt Herth.

Wird beim sogenannten Alkopop der Alkohol versüßt, also Bier mit Cola oder Wodka mit Limo gemischt, wirkt bei der Shisha das gleiche Prinzip. Der Tabak wird mit aromatisiertem Sirup oder Früchten angereichert, der Rauch über einen Schlauch durch einen Behälter voller Wasser gesogen. So gelangt er gekühlt in den Körper, schmeckt kaum nach Tabak, sondern mild und fruchtig und kratzt nicht im Hals.

Der Eindruck täuscht

"Shisha-Lokale gaukeln die Atmosphäre von Gesundheit und Behaglichkeit vor", sagt der Arzt Johannes Spatz, der 2007 an der Umfrage des Berliner Bezirksamtes mitgearbeitet hat. "Deshalb meinen viele, dass Wasserpfeifen harmlos sind." 77 Prozent aller befragten Mitarbeiter von Shisha-Lokalen glaubten, Wasserpfeifen seien weniger schädlich als Zigaretten.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt allerdings schon seit Längerem, dass über den Rauch von Wasserpfeifen zum Teil größere Schadstoffmengen aufgenommen werden als über filterlose Zigaretten. Glycerin etwa, das den Tabak feucht hält, bildet das Zellgift Acrolein, wenn es erhitzt wird. Der Gehalt von Chrom, Kobalt, Blei und Nickel ist im Rauch einer Shisha höher als in dem der Zigarette. Und die Konzentration von Nikotin im Blut ist nach Rauchen einer Shisha größer als nach dem Konsum von 20 Zigaretten innerhalb von sieben Stunden. Das Nikotin gelangt ins Gehirn und vermittelt dort das zufriedenstellende Gefühl, das auch jeder Zigarettenraucher kennt. Shisha-Qualmen berge deshalb das "gleiche Sucht- und Erkrankungspotenzial" wie Zigarettenrauchen, sagt Felix Herth, der Mediziner aus Heidelberg.

Der Besitzer des orientalischen Cafés in Berlin-Neukölln hat ein Plakat an die Tür geklebt, "Sag Nein zu Drogen", und doch möchte er nicht seinen Namen nennen. Er weiß, dass sein Laden bei Jugendlichen sehr beliebt ist, und er weiß, dass der Verkauf von Tabak nur an Volljährige erlaubt ist. "Wenn wir sehen, dass jemand minderjährig ist, schmeißen wir ihn raus", sagt er. "Aber man sieht es halt nicht immer."

print

Wissenscommunity