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Wechseljahre Wie ich die Midlife Crisis erfolgreich gemeistert habe


Wie einst im Teenager-Alter verändern sich in den Wechseljahren Körper und auch Geist erneut - bei Frauen und Männern. Hajo Schumacher alias Achim Achilles erzählt, wie er diese Zeit erlebt und was ihm geholfen hat.

Der erste Mann, der mit mir durch die Midlife- Crisis navigierte, war Max, der Urologe. Nach drei Jahren Zaudern hatte ich mich zu einer Prostata-Untersuchung durchgerungen. Für Frauen ist Vorsorge selbstverständlich. Für Männer nicht. Max war kein einfühlsamer Dr.-Best-Graubart, sondern grinste frech und fragte, ob ich gekommen sei, um mir über den Umweg der Prostata ein Viagra-Rezept zu erschleichen, so wie die meisten seiner Patienten. Nö, antwortete ich und bekam dennoch eine Probepackung. Die Prostata guckte er sich per Ultraschall an. Seine Finger behielt der Doc bei sich. Dafür großes Blutbild. 

Eine Woche später rief Max an. Mein Testosteronwert liege auf dem Level eines senilen Eunuchen. Eigentlich müsste ich Brüste tragen an einem muskelfreien Körper, der seit dem Mauerfall keinen Sex hatte. Nichts davon stimmte. Wie fühlen sich wohl Männer mit einem hohen Testosteronwert, wenn ich schon den Eindruck hatte, dass mir das Teufelszeug an vielen Falsch-richtig-Kreuzungen des Lebens zuverlässig den falschen Weg gewiesen hatte? "Alles normal für dein Alter", beruhigte Max. Wie ich diesen Satz hasste. Der Doc verschrieb mir Testosterongel, zum Testen. Super. Was Radprofis den Tourmalet hochschiebt, kann nicht ganz verkehrt sein. Und dann noch legal, auf Rezept. 

Nachfüllen reicht nicht 

Leider war das Zeug eine Enttäuschung. Mag sein, dass das Schlafbedürfnis etwas sank, dafür nahm die Alltagsaggression leicht zu. Sichtbarster Effekt des Gels waren die Schmierspuren in der Wäsche, die nach ranzigem Ejakulat aussahen. Mag der Testosteronspiegel ein messbares Indiz der männlichen Wechseljahre sein; Max hatte mir klargemacht, dass Nachfüllen nicht reicht. Der Körper taumelt nicht allein durch die Krise, sondern gemeinsam mit Geist und Seele. Quälend an der Körper-, Sinn- und Seelenkrise ist das Verworrene, das sich in einem Teufelskreis stetig wiederkehrender Grübeleien und Gefühle äußert: War’s das schon? Warum genüge ich nicht? Bin ich wirklich so ein lausiger Ehemann, Vater, Freund? Was bleibt von mir? Wo will ich noch hin? Was ist mir überhaupt wichtig? Was soll der ganze Scheiß überhaupt? Ich hätte, müsste, könnte, sollte. Aber ich kann, ich will nicht mehr. Mit Wein, Youporn, Fußball, Marathon lässt sich dieser Mindfuck jahrelang camouflieren, aber nicht abstellen. 

 Echter Respekt beginnt bei mir 

Das gelebte Leben entgiften, riet schon vor 20 Jahren der Rabbiner Zalman Schachter-Shalomi in seinem klugen Buch "From Ageing to Sageing", übersetzt etwa: "Weise statt greise". Aber wie? Bei meinem überfälligen Herz- und Hirn-Detox half mir ein zweiter Mann, der Neuseeländer Bruce Lyon. Er hatte mit Ende 40 sein Business aufgegeben und sich auf den spirituellen Weg gemacht, den er als heilsame Reise ins Unbekannte beschreibt. Heute lehrt er überall auf der Welt, wie brutale Zärtlichkeit und biblischer Zorn, Bier und Meditation, fröhlicher Sex, Achtsamkeit und ein saftiger Döner zu einem runden Leben zu integrieren sind. Ich verstehe kaum die Hälfte dessen, was Lyon sagt, den esoterischen Part schon gar nicht. Aber von ihm habe ich Respekt gelernt, eine Kunst, die ich seit Jahrzehnten zu beherrschen dachte, aber in Wirklichkeit nie begriffen hatte. Echter Respekt beginnt bei mir. 

Wer sich ständig selbst sabotiert, sich korrigiert und bemäkelt, wer die Seele ignoriert und den Körper vergewaltigt, wird mit anderen nie glücklich werden, am wenigsten mit seinen Allernächsten. Bruce hat mir Frieden mit mir selbst geschenkt, weil er mir beibrachte, dass ich meine Abgründe, Schatten, Zweifel und sogar die düstersten Bedürfnisse akzeptieren kann, wenn ich mich diesem elenden Knäuel aus Beziehungs-, Erziehungs-, Vergangenheits- und Zukunftsschmerzen mit blanker Brust stelle - volle Pulle in die eigene Verletzlichkeit. Eine Woche mit Bruce ersetzt Tonnen Viagra, Testosteron und Rotwein. Warum? Weil klar wird, dass die Midlife-Crisis mit angestrengtem Festhalten immer weiter wächst. Diesen Angst- und Krampfschmerz kann Pharmazie allenfalls betäuben. Loslassen muss man selbst. 

Schumachers aktueller Bestseller "Restlaufzeit" verrät, wie ein gutes, lustiges und bezahlbares Altern gelingen kann. Eichborn-Verlag, 288 Seiten, 19,99 Euro

Hajo Schumacher

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