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Weltgesundheitstag Depression: Was Angehörigen depressiver Menschen hilft – zehn Tipps

Eine Depression ist für erkrankte Menschen eine enorme Belastung. Doch während einer depressiven Phase leiden auch die Familien. Worauf Sie achten sollten.

Von Anika Geisler und Nina Poelchau

Wenn ein Familienmitglied an Depressionen erkrankt, wollen Angehörige helfen. Nur wie?

Wenn ein Familienmitglied an Depressionen erkrankt, wollen Angehörige helfen. Nur wie?

1. An sich selbst denken

Das mag egoistisch klingen, ist aber wichtig: Denn nur wer auf sich achtet und sich gut um sich selbst kümmert, kann andere unterstützen. Denken Sie an Fluggesellschaften – auch die bitten ihre Gäste, sich bei einem kritischen Ereignis zunächst selbst die Sauerstoffmaske aufzusetzen, bevor sie hilfsbedürftige Mitreisende versorgen. Das heißt: Schaffen Sie sich kleine Freiräume im Alltag, gehen Sie spazieren oder zum Sport, treffen Sie Freunde, tun Sie sich selbst etwas Gutes – damit Sie Ihre Energiereserven auffüllen. Und: Fühlen Sie sich deshalb nicht schuldig.

2. Auf Profis vertrauen

Versuchen Sie nicht, den Erkrankten im Alleingang zu retten. Dauern Niedergeschlagenheit, Wut, Rückzug und Antriebslosigkeit länger an, suchen Sie gemeinsam Hilfe bei einem Fachmann: dem Hausarzt, einem Psychiater oder Psychotherapeuten. Bitten Sie auch um ein gemeinsames Gespräch. Sie selbst finden praktische und emotionale Unterstützung bei Selbsthilfegruppen für Angehörige (Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen). Zudem gibt es in manchen Kliniken Sprechstunden für Angehörige. Wenn der Erkrankte Suizidgedanken äußert, nehmen Sie das ernst. Im akuten Fall rufen Sie die 112 oder wenden Sie sich an einen Krisendienst bzw. eine psychiatrische Klinik.

3. Kinder, Verwandte und Freunde aufklären

Sprechen Sie kindgerecht über die Krankheit. Machen Sie deutlich, dass Depressionen nicht für immer da sind. Erklären Sie, dass Sie sich kümmern und dass das Kind nicht schuld an der Traurigkeit des Elternteils ist. Klären Sie nahestehende Freunde und Verwandte auf, was in Ihrer Familie los ist und warum Sie nicht mehr so häufig an Treffen teilnehmen. Das ist für alle einfacher, als die Probleme zu verheimlichen.

4. Um Hilfe bitten

Freunde, Großeltern, Verwandte können zum einen im Alltag entlasten, etwa indem sie die Kinder betreuen, einkaufen oder kochen. Zudem ist es wichtig, dass Sie und der Erkrankte im Kontakt zu anderen Menschen bleiben und nicht zu sehr vereinsamen.

5. Vertagen Sie wichtige Entscheidungen

Solange Ihr Partner eine depressive Episode hat, sollten Sie Entscheidungen wie einen Jobwechsel, einen Umzug oder teure Anschaffungen vermeiden.

6. Rituale stabilisieren

Versuchen Sie, den gemeinsamen Alltag aufrechtzuerhalten: aufstehen, Zähne putzen, Mahlzeiten, Verabschiedungen und Begrüßungen. Der Umgang mit schwer depressiv Erkrankten gleicht oftmals einer Gratwanderung zwischen Unterstützung und Bevormundung. Entlasten Sie den Erkrankten, aber nehmen Sie ihm nicht alles ab. Damit die Selbstachtung und das Selbstwertgefühl nicht verloren gehen.

7. Nehmen Sie es nicht persönlich

Versuchen Sie, die Apathie, die Wut, das vermeintliche Desinteresse des erkrankten Familienmitglieds nicht persönlich zu nehmen. Es ist die Depression, die derart in den Vordergrund tritt und sich zeigt.

8. Finden Sie einen Mittelweg

Studien zeigen, dass sowohl ein allzu großes Engagement als auch eine besonders kritische Haltung der Angehörigen sich negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken können. "Expressed Emotions" nennen Experten diese Art des Verhaltens. Damit meinen sie beispielsweise übertriebene Ängstlichkeit, zu große Fürsorge, überzogene Beteiligung oder Ärger, harsche Kritik und Enttäuschung. Diese Verhaltensweisen führen zu häufigeren Rückfällen und Klinikeinweisungen. Zudem erhöhen sie den Stress und die erlebte Belastung bei den zu unterstützenden Personen. Gut sind: Gelassenheit und eine Art milde Resignation. Mit der Einstellung: "So ist es eben, da kann ich jetzt wenig tun", helfen Sie oftmals besser.

9. Grenzen setzen

Trauen Sie sich, über Ihre eigenen Gefühle zu sprechen, Sie müssen nicht alles aushalten oder runterschlucken. "Ich sehe das anders als du. Das ist mir jetzt zu viel. Ich gehe spazieren und bin um 19 Uhr zurück" – Derartiges darf man ruhigen Gewissens sagen, wenn die Belastung zu groß wird. Treffen Sie verlässliche Absprachen. Sagen Sie, was Ihnen im Alltag missfällt, was Sie brauchen. Sie haben das Recht, Ihre Bedürfnisse zu äußern.

10. Schöne Momente wahrnehmen

Nicht alles ist grau. Es gibt im Alltag auch positive Momente. Eine Kiste mit Fotos, Briefen, Zetteln, die Sie gemeinsam anschauen, einen Ausflug, ein schönes Essen – all das kann helfen, sich dessen bewusst zu werden.

Bücher zum Weiterlesen:

  • Matthew und Ainsley Johnstone: "Mit dem schwarzen Hund leben. Wie Angehörige und Freunde depressiven Menschen helfen können, ohne sich dabei selbst zu verlieren", Antje Kunstmann, 14,90 Euro
  • Huub Buijssen: "Depression. Helfen und sich nicht verlieren", Beltz, 17,95 Euro
  • Ulrike Borst: "Wenn die Liebe überschattet wird", Patmos, 14,90 Euro
  • Erdmute von Mosch: "Mamas Monster", Kids in Balance, 14,95 Euro, ab drei Jahre
  • Kirsten Boie: "Mit Kindern redet ja keiner", Fischer, 5,95 Euro, ab neun Jahre
  • Wolfgang Schmidbauer: "Die Seele des Psychologen", Orell Füssli, 19,95 Euro

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