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Wetterwandel: Früher Pollenflug erwischt Allergiker kalt

Dieser Winter war bisher ungewöhnlich warm. Die Folge: Pflanzen begannen zu blühen, Allergiker hatten schon im Dezember und Januar die Nase voll vom Pollenflug. Im stern.de-Interview erklärt Allergologe Johannes Ring, was Allergikern in Zukunft noch alles blühen wird.

Dieser warme Winter hat dafür gesorgt, dass schon im Dezember und Januar Pollen unterwegs waren. Ist das jetzt die neue Normalität für Allergiker?

Ich bin kein Prophet und kein Klimaforscher, aber es gibt Untersuchungen, dass die Blühzeit der Pollen tragenden Pflanzen in Mitteleuropa im Schnitt um 10-14 Tage pro Jahr zunimmt. Das bedeutet, dass wir im Herbst länger Pollen in der Luft haben und im Winter die Pollensaison früher beginnt. Es kann sein, dass sich Deutschland in großen Arealen in ein ganzjähriges "Pollenland" verwandelt - so wie viele andere Länder auch, die keine Pollensaison haben.

Noch eine Bemerkung zu den Pollen im Dezember: Die wurden eingeweht durch Ferntransport. Das haben die Allergiker zwar schon gespürt, aber erst im Januar lief die eigentliche "einheimische Pollen-Produktion" an, als die Haseln zu blühen begannen.

Bringt der Kälteeinbruch, den wir jetzt erleben, Linderung?

Ja, für die Allergiker ist das eine Linderung, denn es fliegen weniger Pollen.

Der Pollenkalender muss neu geschrieben werden?

Ja. Wir haben ja die Stiftung Polleninformationsdienst, die mit mehr als 50 Messstationen die Pollenbelastung in Deutschland seit vielen Jahrzehnten erfasst und wissenschaftlich auswertet.

Normalerweise beginnt man eine Hyposensibilisierungs-Therapie im Winter. Wie wird das in Zukunft sein?

Das ist ein wichtiger Punkt. Da müssen wir jetzt öfter kosaisonal beginnen, was wir eigentlich nicht so gerne tun. Natürlich ist der Herbst vom Zeitpunkt immer noch besser, weil die Pollenbelastung insgesamt geringer ist - aber man muss wohl mehr auf die Spezifizität der Allergie schauen. Wenn ich Hasel- oder Birken-Allergiker bin, dann sollte ich schon im Oktober, November mit der Hyposensibilisierung beginnen. Wenn ich Beifußallergiker bin, wäre das kein guter Zeitpunkt, weil dann diese Pollen noch in der Luft sind. Aber da werden wir alle lernen müssen.

Wer im Winter Schnupfen hat, denkt an eine Erkältung. Wie kann man denn einen allergischen Schnupfen erkennen?

Das ist die Domäne der Allergiediagnostik, am besten sollte man zu einem erfahrenen Arzt gehen.

Wenn Allergiker im Winter Antihistamine schlucken, wird ihr Immunsystem dann nicht geschwächt, sodass sie anfälliger sind für Infekte?

Blind etwas schlucken sollte man ohnehin nicht. Aber, wenn der Arzt einen allergischen Schnupfen diagnostiziert hat, kann man den auch im Winter ruhig mit Antihistaminika behandeln.

Allergiker sind prinzipiell ein wenig anfälliger für Infekte. Man kennt die Mechanismen noch nicht so genau, aber wahrscheinlich ist die Abwehr an den Schleimhäuten geringer.

Sollten sich Allergiker besser gegen Grippe impfen lassen?

Das macht auf jeden Fall Sinn. Allergiker sollten sich ohnehin eher besser impfen lassen als andere. Natürlich aber nicht gerade zu dem Zeitpunkt maximaler Beschwerden.

Johannes Ring ist Allergologe an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein der TU München und Vize-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie

Interview: Jens Lubbadeh
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