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Wettkandidat Samuel Koch: Die nächste Woche ist entscheidend

Dem verunglückten Wettkandidaten Samuel Koch drohen dauerhafte Lähmungen. Wie schwer diese sein werden, vermögen Ärzte zurzeit noch nicht zu sagen. In einer Woche wollen sie eine Prognose abgeben.

Von Lea Wolz

Bei dem am Samstag bei "Wetten, dass..?" verunglückten Samuel Koch diagnostizierten die Ärzte eine "komplexe Verletzung der Halswirbelsäule mit einhergehender Schwellung des Rückenmarks". Bei dem Unfall wurde die Halswirbelsäule zuerst überstreckt und dann gestaucht. Mehrere Wirbelkörper brachen, das hinter der Halswirbelsäule verlaufende Rückenmark wurde geschädigt. Aus dem Koma ist der 23-Jährige zwar mittlerweile erwacht, ob er vollständig genesen wird, ist den behandelnden Ärzten zufolge allerdings ungewiss.

Doch warum ist der Bruch eines Halswirbels so gefährlich? "Ein Bruch in der Halswirbelsäule kann das Rückenmark schädigen", sagt Roland Thietje, Chefarzt des Querschnittgelähmten-Zentrums am Unfallkrankenhaus in Hamburg-Boberg. Unser Rückenmark ist Teil unseres Zentralen Nervensystems, gleichsam ein Kommunikationsweg zwischen Gehirn und Körper. Geschützt im Wirbelkanal verlaufen die Nervenstränge, die an unterschiedlichen Stellen im Körper wieder austreten und die Befehle des Gehirns an Arme, Beine und Rumpf weitergeben.

"Wird der Kopf bei einem Unfall mit sehr viel Energie Richtung Brustbein bewegt, brechen die knöchernen Strukturen zusammen", erklärt Thietje. Ärzte sprechen in diesem Fall von einem sogenannten Beugetrauma. "Knochenteile werden dann in den Rückenmarkkanal gepresst", sagt der Chefarzt. Die verschobenen oder gesplitterten Wirbelknochen drücken auf die Nervenstränge, quetschen sie ein oder durchtrennen sie schlimmstenfalls. Gefährlich werden können dem Mediziner zufolge auch verschobene Bandscheiben, Schwellungen oder Blutergüsse.

Impulse laufen ins Leere

Ist der Kommunikationsweg unterbrochen, können elektrische Impulse aus dem Gehirn nicht mehr weitergeleitet werden, der Körper ist unterhalb der Verletzung gelähmt. "Je höher die Verletzung liegt, desto mehr Nerven sind betroffen und desto mehr Funktionen sind eingeschränkt", sagt Thietje. Grob wird bei Querschnittslähmungen zwischen zwei Hauptformen unterschieden: Sogenannte Paraplegiker können die obere Hälfte ihres Körpers noch bewegen. Bei Tetraplegikern ist der gesamte Körper vom Hals abwärts gelähmt, wie es auch bei Samuel Koch der Fall ist. Er kann derzeit seine Beine und teilweise seine Arme nicht mehr bewegen.

"Warum die behandelnden Ärzte bei ihm einen Luftröhrenschnitt gemacht haben, kann ich nicht beurteilen", sagt Thietje. "Es könnte allerdings ein Hinweis darauf sein, dass die Verletzung erheblich ist und die Ärzte damit rechnen, dass der Patient länger beatmet werden muss." Laut Thietje deute es darauf hin, dass die Halswirbelsäule, die aus sieben Wirbelkörpern aufgebaut ist, im oberen Bereich verletzt ist. "Dann sind auch die Zwerchfellnerven betroffen", sagt der Mediziner. Im mittleren und unteren Bereich zweigen sich Nervenfasern ab, die für Arm- und Handfunktionen zuständig sind (siehe Grafik). Da die Nerven für Beine und Rumpf sich erst später trennen, können bei einer schweren Verletzung der Halswirbelsäule auch die unteren Extremitäten nicht mehr bewegt werden.

Vollständige Heilung ist unwahrscheinlich

Zweimal wurde Samuel Koch bereits operiert. "So versucht man das Rückenmark zu entlasten und die Wirbelsäule zu stabilisieren, um Schlimmeres zu verhindern", erklärt Thietje. Wie die behandelnden Ärzte wagt aber auch er keine Prognose, ob die Lähmungen bleiben oder sich zurückbilden. Denn erst nach dem Rückgang der Schwellungen zeigt sich, wie stark das Rückenmark verletzt ist. Generell gilt: "Sind die Nervenfasern strukturell zerstört und ist das Rückenmark durchtrennt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Lähmung bleibt. Dann wächst auch nichts mehr zusammen." Handele es sich allein um Schwellungen, könne es sein, dass die Areale nur vorübergehend ihre Funktion eingestellt haben. Komme Gefühl und Bewegungsfähigkeit innerhalb einer guten Woche nach dem Unfall zurück, so sei die Chance groß, dass die meisten Funktionen wieder hergestellt werden.

Auch der Samuel Koch behandelnde Neurochirurg Hans-Jakob Steiger von der Düsseldorfer Uniklinik erklärte am Dienstag, erst in einer Woche eine Prognose über möglicherweise bleibende Lähmungen abgeben zu wollen. "Das ist etwas, was ich zum jetzigen Zeitpunkt nur mit größter Unsicherheit abschätzen kann." Eine vollständige Heilung sei allerdings unwahrscheinlich.

Der Hamburger Chefarzt Thietje dämpft die Hoffnung in dieser Hinsicht ebenfalls. "83 Prozent der Patienten, die eine komplette Querschnittlähmung haben, behalten diese auch." Wie Samuel Koch erleiden laut Thietje etwa 1000 Menschen pro Jahr eine unfallbedingte Querschnittlähmung - durch Motorrad-, Auto- oder Sportunfälle oder durch Stürze. Aber auch Tumore oder Entzündungen des Rückenmarkes können die Ursache dafür sein. "Wobei die Prognose für unfallbedingte Lähmungen schlechter ist, da das Rückenmark zumeist schwerer geschädigt ist", sagt der Chefarzt.

In der Boberger Klinik bleiben die Patienten im Durchschnitt drei Monate. Ein Team aus Ärzten, Pflegern und Therapeuten kümmert sich dabei um sie und trainiert unter anderem die verbliebenen Funktionen. "Hat sich nach einem Vierteljahr nichts geändert, ist die Wahrscheinlichkeit allerdings gering, dass die Bewegungsfähigkeit danach wieder zurückkommt", sagt Thietje.

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