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"Wetten, dass ..?" Nur zeitweilig "cringe": Gottschalk kann es noch

"Wetten, dass ..?" mit Michelle Hunziker und Thomas Gottschalk
Die "Wetten, dass ..?"-Sondershow wurde – natürlich – von Thomas Gottschalk moderiert. Unterstützung bekam er von Michelle Hunziker
© Daniel Karmann / Picture Alliance
Große Samstagabend-Unterhaltung so wie früher – kann das gut gehen? Bei der Rückkehr von "Wetten, dass..?" zeigte Thomas Gottschalk noch einmal, was er am besten kann: Aus dem Bauch heraus moderieren. Ein bisschen "cringe" war das natürlich auch.
Von Simone Deckner

Am Ende kommt dann doch noch, worauf alle gewartet haben: die Baggerwette. Ein Mann in einem Kettenbagger, eine Frau, die Frisbees wirft und Baggerschaufeln, die genau im richtigen Moment zugreifen sollen. Die Versuchsanordnung: äußerst seltsam und somit typisch "Wetten, dass... ?". Die große Samstagabend-Show, sie ist zurück – einmalig, wie das ZDF nicht müde ist im Vorfeld zu betonen. Man will nur etwas feiern. Die erste Sendung lief vor 40 Jahren am 18. Februar 1981. Frank Elstner hatte die Idee, moderierte die Show anfangs noch selbst.

Thomas Gottschalk entfachte später das viel beschworene "Lagerfeuergefühl" im TV: Holte jahrelang heute utopisch anmutende Einschaltquoten, war verantwortlich für eine ganze Generation Kinder in Schlafanzügen, die "ausnahmsweise länger aufbleiben durften", um mit Papa und Mama, Oma und Opa und Dalmatiner zuzusehen, wie ein Bagger auf vier Biergläsern balancierte.

Schnapsideen als Showkonzept, dazu Weltstars auf der Couch, die immer "leider wieder in den Flieger" mussten, dazu ein paar Lieblingsbands von Rockfan Thommy. Doch bei einer verunglückten Wette 2010 verletzte sich der Kandidat Samuel Koch schwer. Er ist seither vom Hals ab gelähmt. Gottschalk machte danach nicht mehr weiter. Markus Lanz‘ Versuche, in seine übergroßen Fußstapfen zu treten, scheiterten. 2014 war Schluss.

"Wetten, dass ..?": Shitstorms fürchtet Gottschalk nicht

Diesen Samstagabend ist (fast) alles wieder da: die bedeutungsschwere Eurovisionsmelodie, Gottschalks auffällige Klamotte (er trägt ein schwarz-goldenes Jackett wie aus dem Tapetenmusterbuch), das klatschsüchtige Publikum, Co-Moderatorin Michelle Hunziker, die immer ein bisschen zu viel Begeisterung versprüht und die Frage, in wie viele Fettnäpfchen Gottschalk wohl dieses Mal tritt. "Ab einem gewissen Alter sollte einem vieles egal sein und ich habe dieses Alter erreicht", cancelt der 71-Jährige jedoch direkt alle potentiellen Shitstorms. Aufregen sollen sich andere.

Natürlich ist trotzdem einiges an diesem Abend "cringe", also zum Schaudern: Gottschalks pseudo-boulevardeskes Interview mit der schwangeren Helene Fischer ("Dein Thomas ist ein cooler Geselle, meinen Segen hast du!"), sein plumper Altherrenwitz, als bei der Tierwette ein Hund vorbildlich Müll trennte ("Mancher Hund weiß ja nicht mal mehr, ob das Frauchen in die Plastik- oder Biotonne darf"), seine Frage an Sängerin Zoe Wees ("Ich weiß, man soll nicht immer fragen, woher kommst Du, aber: Woher kommst Du? Are you a Hamburger?").

Klaas Heufer-Umauf: "Wie in einem Fiebertraum"

Doch über weite Strecken zeigte Gottschalk, wofür ihn die Zuschauer lieben und was er nie treffsicherer einsetzen konnte als bei "Wetten dass..?", seine Königsdisziplin: aus dem Bauch heraus moderieren. Den achtjährigen Kinderwette-Kandidaten Emil fragt er etwa: "Hast du mich schon mal gesehen im Leben?" Als der abwesend antwortet: "Wen? Hab' nicht richtig zugehört", ermahnt ihn der Ex-Lehramtsstudent Gottschalk in gespielt-strengem Ton: "In ganzen Sätzen sprechen, bitte!" Als ein anderer Wettkandidat ihm etwas zu frech antwortet, kontert er: "Ich mache hier die Witze!"

Man hat das Gefühl, hier einen Menschen in seiner natürlichen Umgebung zu beobachten. Gottschalk ist "Wetten, dass..?" und "Wetten, dass..?" ist Gottschalk. Es funktioniert. Noch immer. Besondersdeutlich wird das in dem Moment, als er die Weltstars Björn Ulvaeus und Benny Andersson von Abba kurzzeitig Schlagerstar Helene Fischer an die Seite stellt. Agnetha und Annafrid sind nicht da. Und so singt eine sichtlich angespannte Helene Fischer den Abba-Welthit "SOS" mit den beiden Abba-Männern als Trio. Mit deutlichen Textschwächen zwar, aber mit viel Verve, das Publikum gibt dazu den vielstimmigen Chor. Es ist ein berührender Moment. Gottschalk strahlt und sagt etwas Wahres:"So was gibt es nur bei 'Wetten, dass..?'"

Das wird auch deutlich in der Anerkennung, die Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf ihrem erfahrenen Kollegen zollen: "Man denkt ja nicht, dass das wahr ist", sagt Heufer-Umlauf, "das ist wie in so einem Fiebertraum."

Es sind ausgerechnet die beiden für ihre albern-abenteuerlichen Mutproben bekannten ProSieben-Moderatoren, mit denen Gottschalk das ernsteste Gespräch führt: Darüber, wie wichtig es ist, "nicht immer nur Quatsch zu machen", sondern auch Themen wie das Flüchtlingselend in Moria und den deutschen Pflegenotstand in der Prime Time um 20.15 Uhr zu thematisieren.

Frank Elstner und Udo Lindenberg wollen Zugabe

Die Wette, bei der zwei Schwestern Songtitel nur an der Bewegung einer Klobürste im Becken erkennen können, könnte man sich hingegen mühelos auch bei Joko&Klaas vorstellen. Klaas grinst: "Eine Mischung aus lustig und doof." Songs wie "7 Nation Army" von den White Stripes mit der Klobürste zu schrubben – darauf muss man erst einmal kommen. Oder wie es Stargast Frank Elstner sagt: "Allein für diese Klobürsten-Arie muss man diese Sendung doch erfinden!"

Samuel Koch im Pool

Elstner, mittlerweile 79 Jahre alt, präsentiert die letzte Wette. Es ist die Baggerwette. Statt wie Gottschalk mit den Kandidaten herum zu schäkern, fragt der Moderator genau nach: Wie viele Meter beträgt die Frisbee-Wurfstrecke? Welche Arten von Kettenbaggern gibt es? Gottschalk: "Jetzt kommt hier mal Niveau rein!" Die Sendezeit ist da schon wieder überschritten, genau wie früher. "Meine erste Sendung war 40 Minuten zu lang", erinnert sich Elstner. Gottschalk: "Ich mache so lang, bis es durch ist." Er wird am Ende eine gute halbe Stunde überziehen

Aber: Sind sie beim ZDF nun am Ende mit "Wetten, dass..?" Wenn es nach Frank Elstner geht, nicht: Einmal im Jahr soll Gottschalk nach seinem Wunsch eine Extraausgabe moderieren. Und auch Musikgast Udo Lindenberg machte sich für eine Zugabe stark: "Gratuliere, geil wie du das machst! Es soll auch weitergehen." Und Thomas Gottschalk? Der verteilte (wie früher) Blumensträuße an die Frauen und sagte dann weder "Auf Wiedersehen" noch "Das war es dann endgültig." Memo an alle Baggerfahrer: Da könnte noch was gehen.


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