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Stern Investigativ - Rüstung und Militär

Aktenvernichtung beim Verfassungsschutz: Staatssekretär verheddert sich im NSU-Schredderskandal

Klaus-Dieter Fritsche war jahrelang Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt. Als hochrangiger Verfassungsschützer gehörte er zu denen, die die Gefahr des Rechtsterrors unterschätzten.

Bei der jahrelangen Pannenserie der Sicherheitsbehörden bei der Aufklärung der NSU-Mordserie spielte der jetzige Staatssekretär im Bundesinnenministerium Klaus-Dieter Fritsche eine größere Rolle als bislang bekannt. Das berichtet der stern in seiner neuen Ausgabe basierend auf zahlreichen Gesprächen sowie Akten und E-Mail-Protokollen aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz und dem Bundesinnenministerium.

Die Ende Juni bekannt gewordene Vernichtung von Akten im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) zur Anwerbung von V-Leuten bezog sich auf die großangelegte "Operation Rennsteig", in die Fritsche als stellvertretender Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz 1997 eingebunden war.

Als die "Operation Rennsteig" 2003 auslief, unterlief Fritsche nach stern-Informationen eine fatale Fehleinschätzung: Die damals aufgekommene These von einer "braunen RAF" erinnerte den BfV-Vize zwar an die untergetauchten "drei Bombenbauer aus Thüringen" – das spätere NSU-Trio. Fritsche konnte aber den Informationen zufolge "keine Absichten" für "einen bewaffneten Kampf aus der Illegalität" erkennen, zumal es "ein potenzielles Unterstützerumfeld" nicht gebe. Zu diesem Zeitpunkt hatten die mutmaßlichen Nazi-Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe bereits vier Menschen getötet. Der Staatssekretär war von 2005 bis 2009 Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt.

Fritsches Abteilung gab Anordnung zum Schreddern

Nur wenige Tage nachdem im Bundesamt für Verfassungsschutz der Referatsleiter Axel M. aus bislang ungeklärten Gründen zahlreiche Akten zur "Operation Rennsteig" schreddern ließ, kam am 14. November 2011 aus Berlin ein weiterer "Vernichtungserlass". Aus einer Abteilung im Bundesinnenministerium aus dem Bereich des Sicherheits-Staatssekretärs Fritsche wurde angeordnet, umfangreiche Abhörprotokolle von Rechtsextremisten zu vernichten.

Fragen zu seiner Verantwortung für Fehleinschätzungen und Aktenvernichtungen wird sich Fritsche voraussichtlich im Oktober im Berliner NSU-Untersuchungssausschuss stellen müssen.

Außerdem enthüllt der stern die bislang nicht bekannte Vernichtung von Akten zu einem früheren Liebhaber der mutmaßlichen NSU-Terroristin Beate Zschäpe. Thomas S. war ein führender Kopf der mittlerweile verbotenen Neonazi-Organisation Blood & Honour und hielt noch Kontakt zu dem Terror-Trio als dieses bereits untergetaucht war.

Dirk Liedtke / print