Kultur Der Anker geht von Bord


Wenn Wolf von Lojewski das "heute journal" moderierte, gab es immer ein bisschen mehr als bloße Nachrichten. Jetzt müssen wir ohne seine feinen Zwischentöne auskommen, weil er in den Ruhestand gegangen ist. Fast...

Was ein Anchorman ist? Ein Ankermann, unter Fernsehleuten kurz Anchor oder Anker genannt. Ein Kerl also, wie Uli Wickert gern einer wäre, sozusagen der Bleiklotz am Hintern des Zuschauers. Der Anker soll verhindern, dass dem Sender die Quote abdriftet. Indem er vertrauenswürdig in die Kamera guckt, geistreich und stotterfrei formuliert, intelligente Fragen stellt und witzig überleitet. Und noch etwas muss ein guter Anker können: stoisch das ewige Chaos abwettern, welches bei der Produktion einer Nachrichtensendung anfällt. "Wenn ein Beitrag nicht da ist, hält die Kamera gnadenlos auf den Anchorman", sagt Wolf von Lojewski. "Der muss sich dann was einfallen lassen. Er ist die letzte Karte, bevor man ein Stördia sendet."

Bei ihm ging es am Ende immer hektischer zur Sache. Das "heute-journal" angepfiffen, und kein einziger Beitrag vorhanden: kam schon vor. Jetzt cool bleiben, improvisieren, Zeit schinden. Im Schnitt kannte der Moderator vor der Sendung gerade mal zwei von fünf Beiträgen. "Das wird immer abenteuerlicher", sagt Lojewski. "Liegt an den vielen Nachrichtensendungen, die heutzutage mit Material versorgt werden müssen. Meine Nachfolger sind nicht zu beneiden."

Wenn es im deutschen Fernsehen einen soliden Ankermann gegeben hat nach Hajo Friedrichs, dann war es dieser kleine, schmale Mann. Zehn Jahre ist er auf dem Dickdampfer ZDF geschippert. Zehn Jahre lang hat Lojo, wie sie ihn nennen, einer Millionenschaft die Welt zu erklären versucht, das Kasperletheater der Degerlocher Tarifverhandlungen ebenso wie die Tragödien in Ruanda oder Tschetschenien. Hat den Irrsinn der laufenden Ereignisse analysiert, ohne die Moralkeule zu schwingen, die üblichen Verdächtigen aus Politik und Wirtschaft einvernommen, ohne sich als Großinquisitor aufzuspielen.

Was ihn hervorhob, war das Wie. Diese sanfte Skepsis. Scheinbar affirmative Ansagen, die subversiv rüberkamen. "In der Regierung sind Planstellen frei geworden und rufen nach neuen Talenten", sagte er, listig in die Linse grienend. Klang für Lojo-Fans so: "Ein paar Gurken in Berlin sind gegangen worden, neue Gurken werden sie ersetzen." Nicht wahr, Herr von Lojewski? "Das muss ich namens meines Senders und meiner Partei aufs Schärfste dementieren!", lacht er. Es ist jungenhaftes, etwas vergackertes Lachen. Er lacht viel, rudert dabei manchmal mit den Armen, schaukelt vor und zurück. Kaum glaublich, dass so einer im Rentenalter ist.

Gewieft in diversen Genres

Ein alter Fahrensmann, wohl wahr, gewieft in diversen Genres. Bei der ARD hat er von "Extra drei" über "Tagesthemen", "Weltspiegel" und Washingtoner Büro viele Anstaltsflure durchlaufen, bis er 1992 als Leiter des "heute-journals" zum Zweiten wechselte. Heiß geliebt haben ihn die Zuschauer, vor allem die weiblichen, für sein Skurrilitätenmagazin "Rund um Big Ben". Das entstand ab 1982 während seiner Zeit als London-Korrespondent, und gern vertellt er Döntjes über exzentrische Schlossbesitzer oder verrückte Rekordjäger.

"Journalist bin ich geworden, weil ich reisen, viele Leute kennen lernen und ein spannendes Leben führen wollte", sagt er fröhlich. "Keinesfalls, um für die Armen und Entrechteten zu kämpfen." Ihm ging's um Action. Denn seine wunderbare Einzelkindheit auf dem mütterlichen Gut in Ostpreußen hatte einen Fehler. "Es war nichts los", sagt Lojewski, nachträglich noch schaudernd, "einfach nichts los!" Reisen kann man auch als Tourist. Aber das ist halb so spannend, erkannte Lojewski, dessen Vater als Journalist ganz hübsch herumkam. "Der Beruf hat den Vorteil, dass man überall hingehen kann, und die Leute erzählen einem was. In Afrika sagst du dem Informationschef, ich bin vom German Television und möchte Ihren Präsidenten sprechen. Und wo sind hier die Revolutionäre, mit denen will ich auch sprechen. Abends hockst du an der Hotelbar und steckst cleveren einheimischen Jungs 100-Dollar-Scheine zu, damit sie dich zu tollen Locations bringen." Lojewski lacht auf ansteckende Weise. "Sie müssen mal dieses Buch über TV-Reporter in Krisengebieten lesen", rät er, "wie war doch gleich der Titel? Ach ja: ,Anybody here been raped and speaks English?'" Der Job verroht ein bisschen, das weiß er, und deshalb begeht er ausgleichshalber immer wieder mal eine gute Tat. Wirkt in kirchlichen Gremien mit und so. Hält sich nicht ganz an das berühmte Credo des verehrten Kollegen Hajo Friedrichs, wonach man einen guten Journalisten daran erkenne, dass er sich mit keiner Sache gemein mache - auch nicht mit einer guten. "Es gibt Sachen, mit denen ich mich sehr wohl gemein mache. Solidarität mit Flutopfern zum Beispiel muss sein, und die Spendennummer muss in die Sendung. Jawohl." Doch verbricht er niemals Bücher über Ehrliche, die die Dummen sind, quasselt nicht über Kant und lässt nicht den Weltmann raushängen, der er fraglos ist.

O ja, natürlich hat auch er die unvermeidlichen 68er-Wirrungen durchgemacht. "Als wir die Welt klüger machen wollten, damit sich keiner mehr streiten brauchte, da er ja informiert sein würde." Heute gibt sich sein freundlicher Zynismus mit kleineren Brötchen zufrieden. "Wenn ein Deutscher nach London oder sonst wo hin kommt, weiß er schon ein bisschen was von der Mentalität dort, weil er Nachrichten und Auslandsberichte gesehen hat. Ist doch ein Vorteil gegenüber' nem Amerikaner, der denkt, die ganze Welt müsse wie Kansas City sein."

Er hat übrigens auch gegen den Zeitgeist gelebt. Wurde 1963 Sozi, als das nicht sehr populär war. Heiratete im Revoluzzerjahr 68, als die Parole ging: Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment. Seine Frau Ute, Lehrerin, hielt sich in seinem Schatten. Was über das kinderlose Paar bekannt ist, stammt zumeist aus Lojewskis Autobiografie "Live dabei".

Und dieser ganze Newsbrei, den er täglich anrührt, nützt der wem? Warum müssen wir verdammt noch mal wissen, dass in Wuhan ein Hochhaus kollabiert ist, woran ein betrügerischer Bauunternehmer und ein korrupter Lokalmatador schuld sind? Was soll der Zuschauer mit den Namen der ungezählten Politgangster anfangen, die ihre Volkschaften knechten? Sind wir nicht overnewsed and underinformed? "Ich denke oft darüber nach, ob die Menschheit nicht glücklicher wäre, wenn es uns Journalisten nicht gäbe", sagt Lojewski. "Ob man Leuten etwas Gutes tut, wenn man ihnen ein schreckliches Ereignis in die Stube kippt. Andererseits, viele Dinge da draußen betreffen auch uns..."

Wie, uns soll das betreffen? Die gesunkene Fähre auf den Philippinen? Der Wirbelsturm über Belize? "Mein Traum war immer folgender", sagt Lojewski versöhnlich, "ich sage zu Beginn der Sendung, liebe Zuschauer, heute ist nichts passiert, das Wetter morgen wird prima, schlafen Sie schön. Und aus." - Das wäre ein wunderbares Geschenk an das Fernsehvolk, nicht wahr? "Aber ich hätte einen völlig verwirrten Sendeleiter. Und 28 Minuten bliebe der Schirm schwarz..." Allein die Vorstellung! Kein leidenschaftlicher Fernsehmensch vermöchte die zu ertragen.

Dabei hat ihm das Fernsehen viele Monate seines Lebens versaut. Es brachte ihn mit trüben Figuren zusammen, die ihm Lug und Trug, Mist und Müll vorsetzten, gestellte Fragen umgingen, nicht gestellte beantworteten. Fühlt man da nicht Wut- und Rachewallungen gegen die Klasse der Profischwätzer? "Im Gegenteil, mir tun Politiker manchmal regelrecht leid", sagt Lojewski. "Was die vor sich hin schwafeln müssen! Wolkig, unpräzise, damit sie möglichst keiner nageln kann. Dagegen wir Journalisten, wir können immer wieder nachfragen, was macht zwei und zwei? Der Politiker wird zwar nicht vier sagen. Aber das Publikum wird merken, dass es auf vier hinausläuft." Er hegt ja längst nicht mehr die Illusion, dass der Journalist den ausgebufften Medienprofis von heute noch irgendwas Spontanes entlocken könnte. "Aus einem wie Schröder kriegt man nichts raus, was der nicht definitiv vorhat zu sagen. Ich nicht und die anderen auch nicht." Es war das "heute-journal", wo Schröder kurz vor der Wahl seine linke Kriegskarte groß ausspielte - ungefragt übrigens. Was die Koalition mutmaálich rettete.

Schröder, Stoiber, Fischer, Westerwelle, Gysi, er hatte sie alle in der "Schalte". Was sie kundtaten, war selten erhellend. Dennoch, kleine Triumphe gab es immer wieder mal. Wie das Gespräch mit Schäuble, der sich in der Beschreibung der Spenden-Transaktionen heillos verhedderte, indes der Moderator immer wieder ausrief: "Versteh ich nicht!" Der Zuschauer kapierte umso mehr. "Es gibt Politiker, die sind nicht ohne Unterhaltungswert", sagt der Befrager. "Fischer als Außenminister schläfert jeden ein. Aber Fischer als Grüner, der lohnt sich. Schröder, wenn er nicht den Staatsmann gibt, sondern von früher spricht, von der Schulzeit vielleicht." Ein Gespräch mit Angela Merkel hat ihn nahezu enthusiasmiert, so klug, einsichtig und charmant kam die Dame seinem inneren Sozi vor. "Leider hat sie am nächsten Tag vor dem Mikro genau das Gegenteil zum Besten gegeben." So ist das mit der Politik, und Lojo kann das garstig Lied im Schlafe summen.

Auch er ist ein bisschen schizo

Er selber ist ja auch ein bisschen schizo, wie jeder in seinem Gewerbe. Weiß einerseits genau, was bei den Öffentlich-Rechtlichen so abgeht an Machtspielchen und Rankünen. Was für Charaktermasken sich da tummeln und an welcher Leine sie laufen. Wie die Parteienwirtschaft alles zu erdrosseln sucht, was den Anstalten an kreativem Potenzial verblieben ist. Gleichwohl erklärt er gleich zu Beginn: "Von mir werden Sie nichts Böses über frühere und jetzige Arbeitgeber hören." Zu ändern sind die eh nicht. Würde das offene Proporzterrorregime in den Funkgremien abgeschafft, so ersetzten es Undercover-Lobbyisten, fürchtet er: "So wie das System jetzt ist, ist es wenigstens transparent."

Er klagt über die Verlotterung des privaten Fernsehjournalismus, wie sie durch den TV-Fälscher Born offenbar wurde. Der hat ihm aus dem Knast heraus schriftlich die Beichte abgeliefert. "Seine Fakes waren ziemlich durchsichtig", findet Lojewski. "Wenn nämlich einer dauernd die irrsinnigsten Storys aus den unterschiedlichsten Themenbereichen anschleppt, muss die Redaktion den Braten riechen." Er kritisiert den auf Born reingefallenen Kollegen Günther Jauch, der den Schwindel hätte wittern müssen, schimpft auf Redakteure, die bei einer Naturkatastrophe ohne Bilder kurzerhand die Bilder der letzten Katastrophe senden. Oh, er hält es hoch, das Ethos des Echten. Dass aber auch bei ARD und ZDF die Grenzen zwischen Authentischem und Inszeniertem immer öfter verschwimmen, leugnet er tapfer. Pension, na ja... Ein klassischer Ruhestand mit Rosenschneiden und Gassigehen wird das nicht. Mr Anchor will das tun, was in Ehren ausgemusterte Fernsehkämpen wie Ruge und Bednarz vor ihm taten, beide mit Erfolg. Reisen nämlich, mit richtigen Menschen reden, Filme machen, dieselben den alten Brötchengebern verkaufen. Befreit vom Stallhasenjoch auf dem Lerchenberg, bereit für die Sonne, die Freiheit! Die Drehorte stehen schon fest. "Im Prinzip überall, wo es warm ist und man gut surfen kann." Surfen ist sein Schönstes. Warten wir mal ab. "Rund um Palme 14", das könnte eine spannende Serie werden.

Wolfgang Röhl print

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