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Malaya Stern Takeda und Magdalena Laubisch Die "Love Addicts"-Hauptdarstellerinnen über Sex, Aufklärung und Quarterlife-Crisis

Malaya Stern Takeda und Magdalena Laubisch
Wollen mehr Liebesbriefe schreiben: Malaya Stern Takeda (links) und Magdalena Laubisch
© filmcontact
Die Amazon-Serie "Love Addicts" begleitet vier junge Menschen in die Sexualtherapie. Die Hauptdarstellerinnen Malaya Stern Takeda und Magdalena Laubisch wollen einen realistischen Blick auf Liebe und Aufklärung ermöglichen. 

Nach dem internationalen Erfolg der britischen Netflix-Produktion "Sex Education" zieht der Streamingdienst Amazon Prime nun für den deutschen Markt nach. In "Love Addicts" kommen vier junge Menschen aus Hamburg in einer gemeinsamen Sexualtherapie zusammen. Geleitet wird die Gruppe von Annette Frier, die Anja spielt.

Während Zoé und Ben unter Sexsucht leiden, kämpfen Nele und Dennis mit einer besitzergreifenden Partnerin und zu hohen Ansprüchen an Tinder-Dates. Gemeinsam suchen die vier ungleichen Freund:innen nach einem gesunden Umgang mit ihrer Sexualität. Im Gespräch mit dem stern sprechen die Hauptdarstellerinnen Malaya Stern Takeda (Zoé) und Magdalena Laubisch (Nele) über persönliche Aufklärungserfahrungen, patriarchalische Darstellungen von Sex und ihre Vorstellungen von Romantik.

Sex geschnallt an ein Rhönrad, Ü50-Swingerparties und intime Momente mit einem Luftballon – was habt ihr gedacht, als ihr das Drehbuch zum ersten Mal gelesen habt?
Magdalena Laubisch: Es war schon krass. Eine ganz eigene Welt und ganz eigene Charaktere. Dann ging direkt das Kopfkino an: Wie wollen sie das machen? Sex im Röhnrad? Swinger-Partys? Das hat mich sehr neugierig gemacht.

Malaya Stern Takeda: Die Rollen sind krass von Extremen geprägt und super ambivalent. Sie widersprechen sich konstant. Ich habe die Figur als Spielplatz empfunden, auf dem man extrem viel ausprobieren kann. Grade weil die Storyline so relatable ist: Tinder, Liebe, Einsamkeit. Gerade im Sommer nach der Corona-Pandemie hatte man einfach das Bedürfnis, etwas Neues zu erleben. So was zu spielen, macht halt einfach Bock.

Ist das deutsche Publikum bereit für eine Serien wie "Love Addicts" oder immer noch zu prüde?
Magdalena Laubisch:
 Mir ist letztens ein witziger Fauxpas auf einer Familienfeier passiert. Ich habe gar nicht daran gedacht hat, dass es eventuell komisch sein könnte, den Trailer rumzuzeigen. Da wurde der Laptop doch sehr schnell wieder zugeklappt.

Malaya Stern Takeda: Ich glaube aber, dass es auf jeden Fall richtig coole junge Menschen, insbesondere junge FLINTA* (das Akronym "Flinta" steht für Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen), in Deutschland gibt, die Lust haben, so eine Serie zu sehen. Unsere Serie ist offen gegenüber Sex und durchdringt viele Tabuzonen.

"Love Addicts" umgeht das männliche Sex-Verständnis

Die Sexszenen in "Love Addicts" wirken oft wild und romantisch. Ist das ein realistisches Abbild des Liebeslebens struggelnder junger Menschen?
Malaya Stern Takeda: 
Wir zeigen keinen perfekten Glossy-Glamour-Sex. Es ist auch nicht aus dem typisch männlichen Blick. Man sieht einfach realistische, unangenehme und peinliche Sexszenen. Also so realistisch wie es eben ein Serien-Format erlaubt.

Magdalena Laubisch: Im besten Fall soll man sich mit vier jungen Leuten identifizieren und damit, wie sie ihrer Lust nachgehen und herausfinden, was sie gut oder weniger gut finden.

Was macht diese vier jungen Menschen aus?
Magdalena Laubisch: 
Dennis, gespielt von Anselm Bresgott, lebt in einer toxischen Beziehung mit seiner Freundin Yvonne. Er kann sich nicht daraus lösen, weil er seine eigenen Bedürfnisse hinter die der anderen stellt. In der Therapie lernt er, wo seine eigenen Grenzen liegen.

Malaya Stern Takeda: Dann haben wir noch Ben, gespielt von Dimitri Abolt. Ben ist beziehungsunfähig und ein Playboy im klassischen Sinne. In den Therapiesitzungen sehen wir dann, dass er eigentlich einen sehr weichen Kern und das Bedürfnis nach Nähe hat. Er hat aber auch sehr viel Angst, sich das einzugestehen.

Magdalena Laubisch: Meine Figur Nele hat einen Problem-Pieper und sucht sich immer den falschen Frosch zum Küssen aus. Sie driftet in eine Märchenwelt ab, in der sie sich ihren Traumprinzen ausdenkt, acht Kinder zeugt und für immer und ewig auf einem Schloss lebt. All das hält der Realität natürlich nicht ansatzweise stand.

Malaya Stern Takeda: Ich spiele Zoé, eine junge sexsüchtige Frau. Sie ist wie so ein Wildpferd, das eigentlich komplett durchdreht. Für sie kostet es mega viel Mut, sich der Liebe zu stellen, weil man sich da sehr verletzlich macht. Ich glaube, davor haben auch sehr viele da draußen Angst.

Der "Love Addicts"-Cast: Anja, Nele, Ben, Dennis und Zoe
Der "Love Addicts"-Cast: Anja, Nele, Ben, Dennis und Zoe (v.l.n.r.)
© Gordon A. Timpen

Habt ihr euch in euren Rollen wiedererkannt?
Malaya Stern Takeda: 
Ich bin safe viel mehr Nele als Zoé. Ich bin eher eine Romantikerin.

Wie seid ihr mit der Akwardness am Set umgegangen?
Magdalena Laubisch: 
Wir hatten während des ganzen Prozesses eine Intimitäts-Coachin. Alev Imak, eine ganz tolle Frau. Meistens haben wir uns ein paar Tage vor dem Dreh mit dem Spielenden auf einen Kaffee getroffen, mit denen wir die Sexszenen hatten. Dann haben wir kurz abgecheckt, was bei uns geht, wo sind die Grenzen des anderen und dann haben wir eine Choreo ausgearbeitet.

Malaya Stern Takeda: Es gab einen ziemlich klaren Ablauf. Es geht grundsätzlich einfach darum, dass man im sicheren Rahmen bleibt. Das klingt erst mal unsexy, aber Spiel ist Verabredung, Spiel ist auch Vertrauen. Man konnte jederzeit abbrechen, wenn man sich nicht wohl gefühlt hat. Dafür war ich total dankbar.

Magdalena Laubisch: Gerade wenn man Leute zum ersten Mal trifft, ist es vorteilhaft, wenn man nicht direkt nackt nebeneinander im Bett liegt, sondern sich erstmal kurz kennenlernt. Das gibt eine unglaubliche Sicherheit und ist ein großes Geschenk fürs Spiel, weil man sich in dem Moment wirklich aufeinander einlassen kann.

Malaya Stern Takeda: Akwardness ist ja auch was Gutes. Wenn euch die Serie peinlich berührt, haben wir alles richtig gemacht. Stay akward!

Gab es irgendwelche Szenen, die zu absurd waren?
Malaya Stern Takeda: 
Ich steh' auf Absurd.

Eure Charaktere sind Mittzwanziger, die den bisherigen Verlauf ihres Lebens an vielen Punkten infrage stellen. Inwieweit ist das sinnbildlich für eure Generation?
Malaya Stern Takeda: 
Ich glaube, wir sind alle auf der Suche. Die Serie trifft dieses grundsätzliche Gefühl des 'Lost'-Seins. Man denkt sich 'Fuck, ich bin jetzt 25. Jetzt wird es langsam ernst.' Auf der einen Seite ist man erwachsen und im Berufsleben, auf der anderen Seite eben noch ein Kind und will einfach nur gestreichelt werden.

Magdalena Laubisch: Ich finde total interessant, wie unsere Generation mit Liebe umgeht. Grade in der Pandemie ist alles viel unpersönlicher geworden. Man lernt Menschen heute hauptsächlich über Instagram oder Tinder kennen. Nur hier traut man sich, den ersten Schritt zu machen. Ich denke es ist sehr wichtig, persönlich miteinander zu reden und offen auf die Menschen zuzugehen. Heute lebt jeder für sich, weil es im Internet eben auch möglich ist.

Malaya Stern Takeda: Schreibt wieder Liebesbriefe!

Hauptdarstellerinnen kritisieren persönliche Aufklärung

Hattet ihr persönlich den Raum, offen über Sex zu sprechen?
Malaya Stern Takeda
: Ich habe keine wirklich gute Aufklärung gehabt. In der Schule gab es ein wenig Sexualkunde, aber es war mega langweilig und alle haben nur gekichert, wenn jemand Penis oder Vagina gesagt hat. Sonst wurde ich vor allem durchs Internet erzogen. Wir sind ja die Porno-Generation. Mich hat das aber immer ein wenig abgeschreckt. Ich bin da vielleicht zu romantisch. Aber klar, man sieht dort zum ersten Mal Sex und denkt, so soll es angeblich sein. Natürlich immer mit einem komischen männlichen Pornoblick.

Magdalena Laubisch: Ich glaube, am wichtigsten waren für mich Freundschaften, um über Sex zu sprechen. Dadurch habe ich meinen eigenen Körper kennengelernt und Selbstermächtigung erlangt. Was macht mir Spaß, worauf habe ich Lust? Wir sind Ende der 90er geboren, da wurden in der Schule solche Themen nur sehr einseitig besprochen.

Malaya Stern Takeda: Die Klitoris wurde erst sehr spät entdeckt. 

Nachdem ihr jetzt eine Staffel in Therapie wart: Habt ihr einen Rat, den ihr euren Charakteren mitgeben würdet?
Malaya Stern Takeda: 
Liebe Zoé, du hast es verdient, geliebt zu werden. Hab nicht so viel Angst vor deinem Licht.

Magdalena Laubisch: Liebe Nele, lass dich fallen.

Beide: …und schreibt Liebesbriefe!

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