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Manipulation beim Nachrichtenmagazin: "Spiegel" deckt Betrug im eigenen Haus auf – Reporter fälschte zahlreiche Artikel

Ein Redakteur hat beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" mehrere Geschichten gefälscht und ganze Passagen frei erfunden. Nun bringt das Nachrichtenmagazin den Betrugsfall an die Öffentlichkeit.

Das "Spiegel"-Verlagsgebäude in Hamburg

Das "Spiegel"-Verlagsgebäude in Hamburg

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Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat einen Betrugsfall im eigenen Haus aufgedeckt. Ein Redakteur habe in "großem Umfang seine eigenen Geschichten gefälscht und Protagonisten erfunden", heißt es in einem auf "Spiegel Online" veröffentlichten Bericht. Aufgedeckt worden sei der Fall nach internen Hinweisen und eigenen Recherchen. Der Redakteur hat die Vorwürfe laut "Spiegel" eingeräumt. Er habe sein Büro am Sonntag ausgeräumt und seinen Vertrag am Montag gekündigt. 

Der Journalist schrieb erst als freier Mitarbeiter für den "Spiegel", seit anderthalb Jahren war er als Redakteur fest angestellt. Von ihm sind dem "Spiegel" zufolge seit 2011 knapp 60 Texte im Heft und bei "Spiegel Online" erschienen.

"Spiegel" schöpfte im November Verdacht

Erste Verdachtsmomente hatte es laut "Spiegel" nach einem im November 2018 veröffentlichten Text gegeben. Der Journalist habe in mehreren Fällen eingeräumt, Geschichten erfunden oder Fakten verzerrt zu haben. Seinen eigenen Angaben zufolge sind mindestens 14 Geschichten betroffen und zumindest in Teilen gefälscht. 

Ein Reporterkollege, der eine Geschichte zusammen mit dem Redakteur recherchiert habe, sei misstrauisch geworden und habe Bedenken geäußert, schreibt der "Spiegel". Ihm sei es gelungen, Material gegen den Kollegen zu sammeln.

Nach anfänglichem Leugnen habe der Journalist eingeräumt, dass er viele Passagen nicht nur in dem einen Text, sondern auch in anderen erfunden habe. Auch sei er Protagonisten, die er in seinen Storys zitiert habe, nicht begegnet.

"Glaubwürdigkeit in den Dreck gezogen"

Vor seiner Zeit beim "Spiegel" hatte der Journalist für mehrere andere Medien gearbeitet und einige Auszeichnungen, darunter den Reporterpreis, erhalten.

Die Leitung des "Spiegel" will eine Kommission aus internen und externen Experten einsetzen. Sie sollen den Hinweisen auf Fälschungen nachgehen. Die Ergebnisse sollen öffentlich dokumentiert werden, "um die Vorgänge aufzuklären und um Wiederholungsfälle zu vermeiden", wie es in dem Text des "Spiegel"-Chefredakteurs Ullrich Fichtner auf "Spiegel Online" heißt. "Ausschließen lassen sie sich, auch bei bestem Willen, nicht."

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat mit Betroffenheit auf den Betrugsfall beim Nachrichtenmagazin reagiert. "Der vermeintliche Reporter hat nicht nur dem "Spiegel" großen Schaden zugefügt, sondern die Glaubwürdigkeit des Journalismus in den Dreck gezogen", sagte DJV-Vorsitzender Frank Überall laut Mitteilung. Dem Journalisten habe offensichtlich jegliches Verantwortungsgefühl für sein Blatt und die Leser gefehlt. 

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union erklärte: "Das dürfte der größte Betrugsskandal im Journalismus seit den Hitlertagebüchern (die Fälschungen veröffentlichte der stern 1983, Anm. d. Red.) sein."

Anmerkung: Der Verlag Gruner + Jahr, in dem auch der stern erscheint, ist mit 25,5 Prozent am "Spiegel"-Verlag beteiligt.

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Quellen: "Spiegel Online"Deutscher Journalisten-Verband, Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union

wue / DPA