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"The Situation" - Premiere am Gorki: Migranten im Deutschkurs - bitterböse und extrem echt

Deutschkurs in Neukölln, Migranten aus dem Nahen Osten prallen aufeinander. Mit ihrer Uraufführung von "The Situation“ bringt die israelische Dramaturgin Yael Ronen weltpolitische Konflikte von der Straße auf die Bühne des Gorki Theaters. Mehr am Puls der Zeit geht nicht.

Von Larissa Schwedes

Alle zusammen und doch jeder allein: Im Neuköllner Deutschkurs gibt es jede Menge Konfliktpotential.

Alle zusammen und doch jeder allein: Im Neuköllner Deutschkurs gibt es jede Menge Konfliktpotential.

"Der Holocaust? Ich bin darüber hinweg. Er ist keine gute Idee. Funktioniert zwar, es sind unzählige Juden getötet worden – aber wiederholen sollte man ihn nicht." Was die israelische Sprachschülerin Noa erzählt, ist alles andere als politisch korrekt. Das Gleiche gilt für Hamoudis Prahlerei über seine engen Kontakte zum IS. "Und, schon selbst einen Kopf abgehackt?“ - "Nein, leider nicht“, grummelt der Syrer enttäuscht.

Viele Wurzeln, noch mehr Geschichten

Wer bringt solche Sätze auf die Bühne? Mit wehendem, bunten Rock und Blüten in der gelockten Haarpracht eilt die Regisseurin Yael Ronen bei der letzten Probe vor der Premiere energisch durch die Reihen des Gorki-Theaters in Berlin und ruft Anweisungen zur Bühne hinüber. Sie ist in Jerusalem geboren. Die Wurzeln ihrer Schauspieler liegen in Israel, Palästina und auch Syrien. Sie alle kennen "The Situation" aus eigener Erfahrung, sind aufgewachsen inmitten von Kriegen. Mit Gräuelbildern vor dem inneren Auge tut die schwarze Selbstironie manchmal weh, gleichzeitig wirkt sie erfrischend und echt.

Die Bühne strahlt im Gelb des Dudens, die Sprachschüler nehmen Platz: Deutsch als Fremdsprache, Lektion eins bis sieben. Es wird fleißig übersetzt, konjugiert, dekliniert – bis Streit ausbricht zwischen Noa und ihrem Mann Amir aus Palästina. Was auf den ersten Blick wie eine außergewöhnliche israelisch-palästinensische Liebe wirkt, bekommt Risse. Das Paar beschimpft sich, auf Hebräisch, Arabisch, dann auf Englisch und Deutsch. Sind die unterschiedlichen Nationalitäten und Religionen schuld – oder ist es doch nur der ewige Kampf der Geschlechter, fragt man sich.

Hilfe oder Hilflosigkeit?

Auf der Bühne nähert sich Deutschlehrer Stefan mit übergroßem Lächeln Hamoudi, der sein Geld damit verdient, auf der Straße Falafel zu verkaufen: "Hey, erzähl mir deine Geschichte. Ich habe Zeit für dich. Ich will dich integrieren!“ Der Syrer blickt regungslos auf diese hilflose Hilfsbereitschaft. Die Opferrolle, in die Stefan ihn drängt, ist ihm fremd.

Yael Ronen legt den Finger schonungslos in die Wunden unserer Gegenwart: Wenige Kilometer weiter nordwestlich, in Berlin-Moabit, harren Dutzende geflüchtete Syrer vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales aus. Hilfsbereitschaft ist dringend notwendig, doch nicht jede Hilfe ist die richtige.

Gestern, heute, morgen - der Konflikt bleibt

Nächste Lektion: die Vergangenheitsform. Die Übung schlägt schnell um in eine Debatte über widerstreitende Versionen von 100 Jahren Konflikt im Nahen Osten. Der Lehrer plant um: Gegenwartsform, die hat weniger Konfliktpotential. Oder?

"Wenn ich hier in Berlin auf andere Israelis treffe, schäme ich mich für meine eigenen Landsleute.“ – "Wenn ich hier in Berlin jemanden aus dem Libanon treffe, verstelle ich meinen Akzent, um nicht als Syrer erkannt zu werden.“ Nationale Feindschaften kochen hoch, mitten im multikulturellen Berlin. Trotz weniger Habseligkeiten bürden unlösbare Konflikte ihrer Heimatländer den Migranten ein tonnenschweres Gepäck auf.

Konjunktiv als Utopie

Bleibt nur noch eine Lektion: der Konjunktiv, grammatikalischer Ausdruck für unbegrenzte Möglichkeiten. Was wäre, wenn …? Was wäre, wenn man das schwere Gepäck abladen könnte? Wie würde man sich begegnen? Noa wird hoffnungsvoll. Man wird ja noch träumen dürfen.

Alles nur Theater? Dieses Gefühl bleibt aus, als die Lichter nach der fesselnden Aufführung den Saal erleuchten. "The Situation“ ist real, authentisch, ganz nah dran. Noch mehr Nähe geht nur in Neukölln, Deutsch als Fremdsprache, montags ab 9.15 Uhr.

Die Uraufführung "The Situation" feiert am heutigen Freitag am Berliner Gorki Theater Premiere.