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Auf der Hollywoodschaukel mit ... Nazar: "Wir haben Verantwortung"

Was vom Sommer übrig bleibt. Der Rapper Nazar über Tattoos, Judenhass und islamistischen Terror.

Auf der Hollywoodschaukel: Nazar: Der Sommer meines Lebens

Eigentlich wollten wir mit Nazar auch über sein Lieblingseis der Kindheit ("Cheesy"), Sommer und Urlaubsgefühle ("am Meer sein") sprechen, aber dann hat er zu ganz anderen Themen sehr wichtige Dinge gesagt, Themen, die auch auf der Hollywoodschaukel Platz haben sollen.

Nazar wurde vor 30 Jahren im Iran geboren. Nachdem der Vater im ersten Golfkrieg starb, floh die Mutter mit den Kindern nach Österreich. So ist Nazar in Wien aufgewachsen. Seine Karriere als Rapper begann 2006. 2011 spielte er in dem hochgelobten Film "Schwarzkopf" die Hauptrolle. Sechs Alben hat er aufgenommen, wurde im Frühjahr von Universal unter Vertrag genommen und veröffentlicht nun mit "Camouflage" Nummer sieben.

Was ist Ihre Camouflage?

Das sind meine Tattoos. Zu der Zeit, als ich mich auf den Armen habe tätowieren lassen, war das für mich ein rebellisches Zeichen. Und auch eine Tarnung, um von Anfang an mit Menschen, die damit ein Problem haben, nichts zu tun haben zu müssen.

Wie eine Wand.

Genau.

Hat Ruhm auch etwas Gutes?

Es ist wichtig, dass man darüber nachdenkt und etwas findet. Im Großen und Ganzen hat Ruhm nichts Gutes. Aber ich merke, dass ich jungen Fans in dem kurzen Augenblick, da ich sie treffe oder ein Foto mit ihnen mache, etwas Gutes gebe. Ich kann mich glücklich schätzen, andere Menschen glücklich machen zu können.

Was sagen Sie jungen Menschen, die im Augenblick in den sozialen Medien auf der populären Hasswelle reiten?

Das Internet ist wie ein offenes Bildungsinstitut. Egal welche Altersgruppe, jeder kann auf Facebook Dinge sehen, die er vielleicht noch gar nicht sehen sollte. Rapper sind auch Meinungsmacher für Jugendliche. Leider Gottes hören die mehr auf das, was Rapper sagen und tun, als auf das, was ihre Eltern sagen oder was sie in der Schule beigebracht bekommen. Deshalb sollte man als Rapper sehr bewusst und vorsichtig damit umgehen, was man sagt und tut. Nehmen Sie aktuell den Gazakonflikt: Hetze gegen ein Volk, auf das schon immer eingedroschen wurde, geht nicht. Der Umgang mit Israel und den Juden ist ein Phänomen, bei dem sich alle Welt einig scheint: Wenn man anfängt, Juden zu beleidigen, ist das kein Problem, im Gegenteil, man findet schnell Freunde. Das darf nicht passieren.

Was tut man gegen den Hass?

Aufklären! Eigentlich sollten politische und religiöse Themen gar nicht in den sozialen Medien verhandelt werden. Ich habe eine große Ablehnung gegen die islamistischen Extremisten, die natürlich auch Youtube, Facebook und Twitter nutzen, weil sie wissen, dass da die Kinder unterwegs sind. Sie verwenden sogar die gleichen Instrumente wie HiopHop-Plattformen und machen es gezielt so einfach wie möglich, um zu manipulieren. Ich hoffe, dass dagegen etwas unternommen wird. Weil wir in einer Demokratie leben, kann es nicht heißen, dass jeder tun und lassen kann, was er will. Ja, es ist ein schwieriges Thema, aber wenn diese Leute junge Menschen aus Österreich und Deutschland – wie es gerade der Fall ist – dazu bringen, nach Syrien zu gehen und dort zu morden, wenn sie Hassbotschaften und Drohungen posten, dann muss man etwas unternehmen. Gerade gab es einen Bericht über zwei Mädchen aus Wien, 15 und 16, die plötzlich nach Syrien verschwunden sind und dann über Facebook eine Nachricht geschickt haben. Es tut mir im Herzen weh.

Glauben Sie, dass die Menschen rassistischer sind als vor fünf Jahren?

Ich glaube, sie sind mehr vom Hass geleitet. Und Hass ist eine einfache Form, schnell Anklang zu finden, wenn man mit sich selbst unzufrieden ist. Zum Teil sind daran aber auch die Medien schuld. Nach den Anschlägen vom 11. September wurde es sehr einfach gemacht, brutal auf den Islam einzudreschen, auf arabisch aussehende Menschen allgemein. Alle waren plötzlich Terroristen, und es wurde nur noch über Terroristen und den Islam gesprochen. Junge Muslime, die ihre Religion lieben, aber noch viel zu jung waren für ein offenes Weltbild, wurden in eine Ecke gedrängt. Dass hat es Extremisten und Hardlinern einfach gemacht, Hass zu schüren. Da wurde ein Hass gegen die ganze Welt kontinuierlich aufgebaut. Ich würde mich ehrlich darüber freuen, wenn nicht täglich über diese Themen berichtet würde. Außerdem glaube ich, dass die Abbildung von Brutalität in den Medien immer heftiger geworden ist. Die Hemmschwelle, Leichen und Verletzte zu zeigen, in niedriger geworden. Das alles hat als Resultat die Situation, in der wir heute stecken.

Was ist ein guter Mensch?

Jemand, der vorurteilsfrei und offen mit anderen Menschen umgeht. Der anderen Menschen hilft, egal, wo sie herkommen oder woran sie glauben.

Das Gespräch führte Sophie Albers Ben Chamo