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"Der Baader Meinhof Komplex": Neues aus Stammheim

Kurz bevor Bernd Eichingers mit Spannung erwartete Verfilmung in die Kinos kommt, hat Stefan Aust seinen Bestseller "Der Baader Meinhof Komplex" noch einmal überarbeit. Grundlegend neue Einsichten über den RAF-Terror liefert er nicht - dafür konnte Aust sein Werk mit einigen interessanten Details anreichern.

Von Carsten Heidböhmer

"Der Baader Meinhof Komplex" kommt zwar erst am 25. September in die Kinos, und bislang haben ihn auch nur wenige Journalisten zu Gesicht bekommen, dennoch sind sich schon jetzt alle einig, dass es der Film dieses Herbstes werden wird. Bernd Eichinger könnte mit seinem neuen Werk Ähnliches gelingen wie vor ziemlich genau vier Jahren mit "Der Untergang". Damals entfaltete sein Film über die letzten Tage im Führerbunker eine ungeheure Öffentlichkeitswirkung. So waren plötzlich viele ganz erstaunt, die "menschliche Seite" von Adolf Hitler gezeigt zu bekommen. Genau umgekehrt könnte der Effekt nun bei "Der Baader Meinhof Komplex" eintreten: Die RAF-Terroristen waren ja gar keine obercoolen Widerstandskämpfer für eine bessere Welt, sondern eiskalte Killer!

Kurz bevor der mediale Hype um den Film alles andere übertönt, bringt der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe schnell noch eine Neuausgabe von Stefan Austs gleichnamigem Standardwerk über den RAF-Terror heraus. Der langjährige "Spiegel"-Chefredakteur hat sein erstmals 1985 erschienenes Buch um rund 200 Seiten erweitert, dabei zahlreiche Passagen neu geschrieben. Erstmals ist der Text illustriert, mit 120 zum Teil kaum bekannten Schwarzweißfotos. Zudem hat Aust ein komplett neues Kapitel hinzugefügt, das die weitere Geschichte der RAF nach dem "Deutschen Herbst" 1977 schildert. Alles in allem bringt er es nun auf stolze 896 Seiten. Deutlich schwerere Kost als ein lauschiger Kinoabend.

Neugeschrieben werden muss die Geschichte des Terrorismus jedoch nicht, stellte Aust gleich zu Beginn der Buchpräsentation in Hamburg klar. Er habe keine Thesen revidieren müssen, allerdings seien zahlreiche zuvor unbekannte Details in das Buch eingeflossen. Dadurch sei das Buch "viel lebendiger geworden", so Aust.

Die neuen Erkenntnisse betreffen vor allem die Arbeit der Geheimdienste. Im Rahmen seiner Recherchen sei er auf konspirativ operierende Abteilungen von Behörden wie dem Bundesgrenzschutz gestoßen, "über deren Existenz wir alle nichts gewusst haben". Insbesondere hat sich der Verdacht erhärtet, dass die Geheimdienste die RAF-Terroristen im Gefängnis Stammheim während der Schleyer-Entführung abhörten. Noch immer sind die Vorgänge der Todesnacht von Stammheim nicht restlos aufgeklärt, als drei der Inhaftierten Selbstmord begangen. Aust ist aber zuversichtlich, dass die Wahrheit noch ans Licht kommt. Dabei baut er vor allem auf die rund viereinhalb Meter Geheimakten zu Stammheim, die in Stuttgart lagern. Eine klare Antwort, ob er selbst in diese Akten Einsicht nehmen konnte, verweigert der Autor allerdings.

Lieber lobt Aust den am 25. September anlaufenden Kinofilm, der sich sehr stark an seinem Buch orientiere. Während es sich dabei also um einen klassischen Film über ein Buch handelt, hat Katja Eichinger, Ehefrau von Filmproduzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger, das "Buch zum Film zum Buch" geschrieben. In ihrem ebenfalls "Der Baader Meinhof Komplex" betitelten Band protokolliert sie den Entstehungsprozess des Films. Neben zahlreichen Fotos und Interviews ist das komplette Drehbuch enthalten.

Für die Autorin waren die letzten zwei Jahre eine spannende Zeit, ein "Leben wie im Hochdruckkessel", wie sie bei der Vorstellung des Buches sagte. Sie habe zeitweise das Gefühl gehabt, "Baader und Meinhof sitzen mit am Tisch". Eichingers Buch erscheint am 17. September, eine Woche bevor der Film in die Kinos kommt und die öffentliche Debatte auf Wochen prägen wird. Wer mitreden will, sollte jetzt zugreifen und sich schnell noch auf den aktuellen Stand bringen. Insbesondere um Stefan Austs Klassiker kommt nach wie vor keiner herum, der sich ernsthaft mit dem Terrorismus der 70er Jahre auseinandersetzen will.