"Nichts als die Wahrheit" Boah, Bohlen sein Buch!


"Bild" hat geholfen, seine Oma und natürlich das ewige Genaddel mit den Mädchen - die Autobiografie des PR-kundigen Pop-Prolls aus Tötensen ist in kürzester Zeit zum Bestseller avanciert.

Der Mann war Nummer eins auf der Frankfurter Buchmesse. Das lässt sich einfach nicht weghöhnen. 230.000 Exemplare seines Buches »Nichts als die Wahrheit« hat Dieter Bohlen nach Verlagsangaben bereits verkauft. Kein Buchtitel der vergangenen Jahrzehnte hat innerhalb weniger Tage einen solchen Bekanntheitsgrad erreicht. 500.000 Deutsche, so ermittelte ein Düsseldorfer Marktforschungsinstitut, wollen das Werk »auf jeden Fall« haben. Ohne Zweifel, Dieter Bohlen hat den Trend zum Erstbuch ausgelöst. Und »Bild« hat mitgebohrt.

Der rasante Erfolg verdankt sich einer gut geölten PR-Maschinerie und vorteilhaften Verbindungen: Erstens gehört Bohlens Verlag, Heyne, zu Springer; zweitens hat Springers »Bild« die Beichte tagelang prominent vorabgedruckt; drittens ist Bohlens Ghostwriterin Katja Keßler Chefreporterin bei »Bild«; und viertens ist die Chefreporterin verheiratet mit dem Chef von »Bild«, Kai Diekmann.

Der Held ist müde

Dazu noch Bohlen-Auftritte in der Kerner-Show und bei »Wetten, dass ..?« - glücklicher kann man es nicht treffen. Sollte man meinen, wenn man weiß, dass ein Bestseller schon bei 10.000 verkauften Exemplaren anfängt. Aber was sagt Bohlen? »Es wird immer schwieriger, einen Erfolgskick zu kriegen. Man hat mir angeboten, ein Buch zu schreiben. So ein Buch verkauft drei- bis vierhunderttausend Stück. Das ist ein programmierter Erfolg, keine Herausforderung«, spricht der Held müde. Das war 1999.

Das System Bohlen

Damit sind wir beim System Bohlen. Das ist einfach zu erklären und schwer zu machen. »Ich habe einen ziemlichen Durchschnittsgeschmack, der die Leute trifft«, sagt Bohlen. Das stimmt. Es ist diese unbekümmerte Größe zur Mittelmäßigkeit, die das System Bohlen zur bislang erfolgreichsten deutschen Popgruppe aufsteigen ließ: Modern Talking. Einfache Rhythmen, schlichteste Texte, Ohrwurm-Qualität. Bohlen und Thomas Anders hatten mit ihrer Disco-Ballade »You're My Heart, You're My Soul« einen Hit, der seit 1985 unermüdlich von München bis Moskau, von Velden bis Vietnam trommelt.

Bis heute hat Bohlen etwa 160 Millionen CDs verkauft und stapelt Tonnen Goldener Schallplatten. Er hat den Soundtrack für »Rivalen der Rennbahn« geschrieben, den erfolgreichsten der deutschen TV-Geschichte. Er hat für die Kitsch-Elite des deutschen Schlagers Songs produziert, komponiert, getextet. Nur in Amerika hat er es zu seinem großen Schmerz noch nicht geschafft.

120 Millionen Euro auf der Seite

Sein Vermögen wird auf 120 Millionen Euro geschätzt. Ein echter Leistungsträger also, der eher zu Stoiber statt Schröder neigt und den es schüttelt bei Joschka Fischer (»Kein Abitur. Lehre abgebrochen. Und dann einen auf Außenminister machen«). Ein Perfektionist, der sein Leben lang nur sich selbst vertraut hat. Nur Bohlen managt Bohlen, pünktlich und diszipliniert, wie er es als Diplomkaufmann gelernt hat.

Seine mediale Marktlücke: das Arschloch und der Kotzbrocken. Beides kultiviert er hemmungslos, aber immer nüchtern. Der Mann ist kein Weltmann unter deutschen Dächern, er ist so urdeutsch dem Land verhaftet wie Rotkohl mit Rouladen oder wie der kaschubische »Schlüpper« seiner Oma. Bohlen erhebt sich nicht - die meisten Lacher hat er in Talkshows stets dann, wenn er sich selber fertig macht. Was natürlich nur funktioniert, solange man nicht fertig ist. Er langweilt sein Publikum nicht mit Drogen-Alk-Loser-Geschichten, und das liebt ihn für seine bodenständige Direktheit. Bohlen weiß, dass der Spruch »Geld macht nicht glücklich« einer der dümmsten Sprüche überhaupt ist. Denn Geld macht unabhängig, und es gibt kein größeres Glück als Unabhängigkeit.

Bohlen als Stehaufmännchen

Er ist ein Stehaufmännchen, schlau und beharrlich, und ein Aufsteiger, was hierzulande zu Unrecht als Schimpfwort gilt. Natürlich erntet Bohlen, Jahrgang 1954, Hohngelächter bei »Wetten, dass...?«, wenn er erzählt, als Kind habe er nie den Luxus-Pelikan-Tuschkasten bekommen, nur die Billignummer aus Taiwan. Es sind aber gerade die Kinder der Fifties, die sich gut erinnern an die Kargheit der frühen Jahre und denen hammerhart die Leistungsbotschaft (»... sonst landest du in der Gosse!«) eingetrommelt worden ist. Wenn heute in diesem reichen Land ein armes Kind einen Luxus-Pelikan-Tuschkasten vom Sozialamt bekommt oder einen Scout-Schulranzen, dann ist das auch der Generation Bohlen zu verdanken.

»Vor den Erfolg hat der Heiland den Schweiß gesetzt«

Das System Bohlen funktioniert deshalb so gut, weil seine ostpreußische Oma ein solides Fundament in den Quadratschädel des ostfriesischen Knaben gepflanzt hat: unerschütterliche Oma-Liebe, Sparsamkeit und ein Segen von Kalendersprüchen, der auf den kleinen Dieter niedersauste und seinen Kopf bis heute nicht verlassen hat. »Vor den Erfolg hat der Heiland den Schweiß gesetzt«, sprach die gläubige Christin. Oder: »Wenn's dir zu gut geht, sticht dich der Hafer.« Und so sucht der bekennende Kirchgänger Bohlen am liebsten dann ein Gotteshaus auf, wenn es ihm gut geht, damit ihn nicht der Hafer sticht und über Nacht die Armut der Kinderjahre die schöne Villa im norddeutschen Tötensen überfällt.

Und noch was hat ihm Oma ins Pflichtenbuch geschrieben: Treue gegenüber Familie, Exfrau, Kindern. Absolutes Verantwortungsbewusstsein bescheinigen ihm da seine Freunde. Seine Hamburger Disco-Entourage hingegen lässt Bohlen abfahren wie ein Platzhirsch, der gnädig Audienzen gewährt - oder auch nicht. Im »Valentinos« hocken erwachsene Männer zu seinen Füßen und betteln um die Aufmerksamkeit, einen Witz erzählen zu dürfen. »Hau ab«, dröhnt der Platzhirsch, und schon robbt demütig der Nächste an den Multimillionär ran.

»Haste Kohle, haste Frauen, haste Autos«

Bei so viel Millionen gehen nicht nur Männer in die Knie, Frauen natürlich auch. Und nun kommt das Problem, nämlich das mit Oma. »Warum bist du nicht wie meine Oma«, möchte Bohlen am liebsten jeder Frau zurufen, die in seiner Küche steht und weder Omas Erdbeertorte noch Omas Bratkartoffeln kann. So kommt es, dass der Mann viele Frauen hat, aber keine Frau. Ein Altkader aus der Abteilung verblasste Macho-Mythen, ein Betonkopf mit der schlichten Philosophie: »Haste Kohle, haste Frauen, haste Autos.«

Stimmt ja auch. Bohlen ist exakt die Zielgruppe für herrenlose Aufsteigerinnen mit dem Promi-Prinzip im Kopf und der hysterischen Angst vor dem Verfallsdatum. Was, mit 25 noch keinen Mick Jagger hinter der Bühne? Mit 27 noch keinen Boris in der Besenkammer? Dann wenigstens einen Bohlen auf dem Teppich. So erfuhren wir die schöne Geschichte von Janina, dem Teppichluder (»Bohlen vernascht Perserin im Perser-Teppich-Laden«). Nichts davon, schwört Bohlen, ist wahr. Für Janina allerdings fielen ab: ein »Playboy«-Auftritt und massenweise Interviews für geschätzte 100000 Mark. Es ist nicht ohne Komik, wenn nun ausgerechnet Bohlen den »hübschen Geschossen« aus seinen Disco-Ställen rät, »was Vernünftiges zu lernen und anderweitig ihr Geld zu verdienen. Ich stehe in Zukunft nicht mehr zur Verfügung«.

Naddel will ebenfalls unter die Autoren gehen

Das hätte er mal Naddel sagen sollen. Die hübsche Deutsch-Sudanesin, Bohlens Gefährtin für zwölf Jahre, ist gelernte Apothekenhelferin, geht auf die 40 zu und barmt nun, sie habe keinen Job, kein Kind, keinen Mann. Dafür aber Rache im Herzen. Nadja Abd El Farrag will ein Buch schreiben, wo drinsteht, wie es wirklich war mit Bohlen. Dabei hatder ihr viele verliebte Seiten gewidmet (»Ich hatte meine Göttin der Nacht gefunden«), bis die Beziehung ins Koma fiel und alle Türen der Villa Tötensen eingetreten waren.

Das Prinzip Feldbusch

Das Prinzip Feldbusch hat Nadja Abd El Farrag nicht verinnerlicht. Die tüchtige Verona, die vor Bohlen kein Mensch kannte, kassierte nach einer Blitzehe mit dem Popstar 500.000 Mark und landete erfolgreiche TV- und Werbeverträge. Man kann sagen, dass Verona, »die Urmutter aller Luder« (Bohlen), eine geniale Eroberungsstrategie betrieben hat. KeinFummeln, kein Sex. Dafür balzt Bohlen monatelang nachts bei bitterer Kälte in seinem Ferrari, neben sich bibbernd die künftige Geliebte, und wagt noch nicht mal, eine warme Hotelbar anzusteuern. Aus Angst, sie könnte sofort aus dem Auto flüchten. Er zahlt ihre Schulden, 10.000 Mark, wartet stundenlang vor ihrer Haustür und darf nicht rein, während in seinem silberfarbenen SL-Mercedes zwei Piaget-Eheringe für 25.000 Mark rumliegen. Fürwahr, ein Sieger ist er da nicht, der Mann auf Verona-Droge, eher ein Hampelmann, der in einer Wedding Chapel von Las Vegas für 88,50 Dollar erschöpft »Yes« murmelt und damit für ein paar kurze Wochen eine, sagen wir, kapriziöse Gattin am Hals hat.

Und jetzt Estefania

Das neue junge Glück mit einer Frau, die seine Tochter sein könnte, versetzt den 48-Jährigen in Euphorie und Panik - wenn er 60 ist, wird sie 35 sein. Also noch mehr joggen, noch mehr Fruchtsaft, noch mehr Frischgemüse. Und schon wieder die alten Macho-Fehler. Denn was soll man davon halten, wenn Bohlen bei einem Videodrehvergangenes Jahr in Südafrika von seiner jungen Geliebten anbetungsvoll geknetet wird (»Ach, du hast so schöne Füße!«) und Bohlen undankbar in fröhlicher Runde mit Estefanias amouröser Ergebenheit protzt.

Noch ein paar so rüde öffentliche Rumhubereien, und das arbeitsame Mädchen mit dem flinken Leichtlohn-Mündchen wird in aller Eile auf Seite eins von »Bild« zurückdonnern, und zwar mit der Schlagzeile: »Bohlen, das Schwein«, wie Bohlen, das Schwein, heute schon düster vorausahnt. Oder, um den Künstler nochmal zu zitieren: »Ein fett gewordener Bär macht eben Fehler.« Immerhin wissen wir, dass Estefania Küster aus wohlhabendem südamerikanischen Elternhaus stammt, sich also nicht gleich wieder ausziehen muss. Andrerseits hat die 23-Jährige den verblüffenden Cinderella-Komplex der fünfziger Jahre. Wollten die Girlies der Achtziger noch ihre eigene Karriere und erst dann den Märchenprinzen, entblößen die Mädels heute mühelos ihre Scham für Pin-up-Fotos und träumen gleichzeitig von Kirche, Brautschleier und weißer Hochzeitskutsche. Das kann nicht gut gehen, wenn der Prinz Dieter Bohlen heißt.

Selbst die »FAZ« kommt nicht an Bohlen vorbei

Der Erfolg der Biografie brachte es mit sich, dass selbst die »FAZ« nicht vorbei konnte am Hit der Buchmesse. Aber natürlich ist es verlogen, wenn sie sich angeekelt abwendet von der »Aufdeckung seiner schmierigen Affären« - tatsächlich gibt es fürs Feuilleton nichts Lustvolleres, als ehrfürchtig der Koitusfrequenz eines Thomas Mann oder Bertolt Brecht nachzuschnüffeln. Unvergessen in diesem Sinne der geniale Oscar-Wilde-Biograf und Literaturwissenschaftler Richard Ellmann, der herausgefunden hatte, dass sein homosexueller Held Mundverkehr bevorzugte. »Gebend oder empfangend?«, wurde Ellmann gefragt. Darauf der: »Verdammt, das sind weitere sechs Monate Recherche.«

Das ist Könnerschaft vom Feinsten; Finessen wie diese, überhaupt: Eleganz findet sich nicht bei Bohlen. Das heißt nicht, dass wir hier die Ikonen der Klassik mit ihm vergleichen wollen. Das heißt nur, dass wir auch der Kundschaft des fleißigen Pop-Prolls aus Tötensen das Vergnügen gönnen, teilzuhaben an seinen Abenteuern.

Gerda-Marie Schönfeld

Mitarbeit: Ulrike von Bülow, Stephan Draf/Hannes Ross

DPA

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