HOME
Interview

Comiczeichner Flix zu "Spirou in Berlin": "Spirou war nicht der Grund für den Mauerfall, jeder weiß, dass David Hasselhoff das gemacht hat"

Der Pilzexperte Graf von Rummelsdorf ist plötzlich verschwunden, Spirou ahnt, wohin: zum Pilz-Kongress nach Ost-Berlin. Aber da wollte er doch eigentlich gar nicht hin?! Comiczeichner Flix holt uns für ein Abenteuer noch einmal in die DDR – da werden Erinnerungen wach.

Spirou und Fantasio vor dem Palasthotel

Nach einer Undercover-Anreise kommen Spirou und Fantasio endlich am Palasthotel in Ost-Berlin an. Auf den ersten Blick wirkt die DDR-Welt wie ein wahr gewordener Traum.

Für den deutschen Comiczeichner Flix war es eine große Ehre, einen "Spirou"-Band zu "erfinden", er hat die Geschichten des Hotelpagen in roter Livree bereits als Kind gelesen, geliebt und durchgepaust. Der stern hat den Autor und Zeichner von "Spirou in Berlin" getroffen und gefragt, wie es dazu kam. Er hat ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert.

Du durftest den neuen Band für "Spirou" zeichnen, wie kam es dazu?
Das ist durchaus spannend, denn das gab es bisher nicht.

Du bist der erste Deutsche, oder?
Ich bin sogar der erste nicht franko-belgische Zeichner, der das machen darf. Und das kam so: "Spirou" hat ja jetzt 80-jähriges Jubiläum. Vor etwa dreieinhalb Jahren saßen der Dupuis-Verleger und die Lizenznehmer von Carlsen zusammen und haben sich über die anstehenden Projekte unterhalten. Ähnlich wie bei "Asterix" gibt es ja Orte, an die Spirou und Fantasio hinreisen und sie haben überlegt, wo die beiden noch nicht waren. Da kam man auf Deutschland und das wurde mit Berlin assoziiert. Und dann dachte man: "Spirou in Berlin", geiler Titel. Was der Inhalt sein könnte, wusste man noch nicht. Carlsen hat dann vorgeschlagen, das mal mit einem deutschen Zeichner zu versuchen, was sich Dupuis anfangs gar nicht vorstellen konnte, weil wir diese Comic-Tradition nicht so haben. Mit Graphic Novels sind wir in Frankreich inzwischen anerkannt, aber den Mainstream "können die Deutschen nicht". Deswegen haben sie angeboten, dass wir einen Pitch machen. Carlsen hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Und ich hab sofort Ja! gesagt, weil ich Spirou schon als Kind geliebt habe. Ich kannte bestimmt 70 Prozent von den inzwischen knapp 80 Bänden.

Cover "Spirou in Berlin"

"Spirou in Berlin", Flix, Carlsen Verlag, 16 Euro. Hier bestellbar.

"Spirou in Berlin" ist ein Spezialband außerhalb der Serie, ein sogenannter One Shot. Warum gibt es die?
Damit kommt frischer Wird rein. Viele Künstler würden gern mal einen Band machen, aber nicht gern die Serie fortsetzen. Das hat sich vor rund zehn Jahren in Frankreich etabliert, dass die Serie so offen gestaltet ist, dass das funktioniert. Deswegen hatten wir überhaupt eine Chance. Nach vielen, vielen Entwürfen und Probeseiten hat Dupuis gesagt: "Okay, ihr könnt das machen, wir wissen aber noch nicht, ob wir das übernehmen." Wir hatten also nur die Genehmigung, einen deutschen Band für den deutschen Markt zu machen. Inzwischen sieht es ganz gut aus, dass "Spirou in Berlin" auch auf Französisch übersetzt wird. Es gibt noch keinen Termin, vielleicht wird das auch erst kommendes Jahr was, dann jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal und das ist ja ein europäisches Thema, weil es auch das Ende des Kalten Krieges ist.

Deine Helden verpassen aber ja den Mauerfall.
Jein, man kann die Geschichte ja im Kopf fortspinnen. Es stimmt, das Album endet nicht mit der Öffnung der Mauer, sondern ein bisschen davor. Aber jeder, der sich ein wenig mit der Geschichte auskennt, weiß, worauf die Montagsdemonstrationen hinauslaufen. Mir war es wichtig, dass die Geschichte bei allem Slapstick auch einen gewissen realen Kern hat. Für mich hätte es nicht gepasst, wenn Spirou der Grund gewesen wäre, die Mauer zu öffnen. Das fänd ich zu dick. Jeder weiß, dass David Hasselhoff das gemacht hat.

So wie du die DDR beschreibst, erinnert man sich plötzlich wieder, was für ein eigenartiges Land das war. Gibt es eine historische Vepflichtung, an bestimmten Fakten nicht zu rütteln?
Die Hauptserie ist relativ losgelöst von der Realität. In den Spezialbänden gibt es das immer wieder. Émile Bravo hat zum Beispiel einen Band gemacht, der wie eine Ursprungsgeschichte von "Spirou" ist – aus dem Entstehungsjahr des Comics 1938. Da ist Belgien schon besetzt und der Beginn des Zweiten Weltkrieges steht ins Haus. In dem Hotel, in dem Spirou arbeitet, treffen sich noch einmal Abgesandte von Begien und Deutschland, um zu verhandeln, ob doch noch Frieden möglich ist. Was dann nicht gelingt, wie wir wissen. Das spielt also auch in einem fiktiven Universum, in das sich die Realität mischt. Es könnte so gewesen sein. Es gab gescheiterte Friedensverhandlungen, die haben aber natürlich nicht im Hotel Moustique stattgefunden. Aber sie könnten! Und das ist genau der Punkt: So finde ich es spannend, eine Geschichte zu erzählen. Welchen Anteil könnte Spirou an der friedlichen Revolution haben, am Fall der Mauer?

Flix

Der Comiczeichner Felix Görmann aka Flix lebt mit seiner Familie in Berlin. Er ist der erste Nicht-Frankobelgier, der einen "Spirou"-Band schreiben und zeichnen durfte.

Spirou erlebt in Berlin einiges mit einer Freiheitskämpferin. Hast du darüber nachgedacht, dass er sich verlieben könnte?
Das ist ganz schwierig in diesem Universum, das ja eine Männerdomäne ist – alle Hauptfiguren sind männlich, bis zum Eichhörnchen Pips. Zudem habe ich Auflagen bekommen. Im Spirou-Universum gibt es keinen Sex, kein Blut und auch Sterben ist schwierig. Es wird mal geschossen, es wird auch mal jemand getroffen, aber es darf kein Blut spritzen. Ich kann das verstehen, denn es ist nach wie vor eine Jugendserie und die unterliegt bestimmten Auflagen. Und da ist es dann spannend zu gucken, wie weit man gehen kann.

Wenn Spirou ein Mann in seinen besten Jahren ist, was auch immer das bedeutet, da interessieren einen Frauen oder zumindest interessiert einen Sex. Darzustellen, dass in dem Universum auch ernstzunehmende Partnerinnen sein könnten, finde ich wichtig – Frauenfiguren zu erzählen, die etwas handfester sind. Keine wespentaillenschlanken Schönheiten, die dem Helden zuarbeiten, sondern solche, die selbst im Leben stehen und selbstständig handeln. Da ich die Hauptfiguren nicht ändern kann und will, sollten zumindest die Hauptnebenfiguren weiblich sein, das war mir wichtig.

Ein Strip aus dem Comic

Trabis, Stasi, eine Affenbande und eine starke Frau: Momo (unten Mitte). Flix hat gründlich recherchiert, um ein authentisches Bild der DDR zu zeichnen (die Affen lebten damals natürlich im Tierpark). Und für Findige hat Flix einige Easter Eggs versteckt, die das Herz erfreuen. Für den stern zum Beispiel die "Honnecker-Tagebücher". 😂

Die Beziehung zwischen Spirou und der Freiheitskämpferin ist sehr eng geworden.
Die beiden sind ein Team. Ich finde es toll, dass das so wahrgenommen wird bei einer Figur, die nur auf ein paar Seiten auftaucht. Ich habe mir beim Schreiben vorgestellt, Momo lebt in Ost-Berlin. Und ich habe gedacht, falls Spirou da irgendwann noch einmal hinfahren sollte, und sei es nur auf der Durchreise nach Moskau, dann kann er sie wiedertreffen.

Ist es das Ziel eines Zeichners, eine Figur zu schaffen, die noch einmal auftauchen kann?
Das wäre wirklich toll, aber das hat man natürlich nicht in der Hand. Aber da ist eine Menge denkbar, es sind ja auch noch Fragen offen. Da gibt es auf jeden Fall noch Potenzial, das man weitererzählen könnte, etwa die Zeit nach dem Mauerfall. Das wird ja auch ganz toll in der Serie "Weißensee" erzählt.

Als die Idee mit einem deutschen Zeichner aufkam, wurdest da nur du gefragt?
Es wurde überlegt, wer dazu passt. Mit Marvel haben wir überlegt, ob ich schreibe und Marvel zeichnet, hätte ich auch gut gefunden. Sascha Wüstefeld war im Gespräch, von ihm kennt man "Der kleine ICE" von der Deutschen Bahn. Er kann wunderbar zeichnen, das hätte sehr schön aussehen können. Aber er sagte– und das war allgemein ein Problem der Zeichner aus Ost-Deutschland –, dass sie Spirou zwar kennen, aber nicht so lieben, weil sie nicht damit großgeworden sind. Und dann ergab es sich bei mir beim Schreiben, dass ich dachte, ich habe die Bilder ohnehin im Kopf, ich würde das auch gerne zeichnen. Ich habe dann also geschrieben und gezeichnet, nur die Farben hat jemand anders gemacht. Das war Marvin Clifford, mein Freund und Atelierkollege, der toll mit Farben und Licht arbeiten kann.

Du warst beim Zeichnen anders eingeschränkt, als wenn du eine Geschichte komplett erfindest. Man muss die Figuren ja wiedererkennen können. Hast du Fantasio diesen Haarkranz verpasst?
Ja, die wegspringenden Haare sahen bei mir immer so aus wie eine New-Wave-Frisur, das fand ich blöd. Ich hatte eher so einen Stromberg-Typ vor Augen. Der ist ja auch so cholerisch und so komisch und auch ein bisschen doof. Und dann hab ich diese Fuddelhaare da oben weggemacht. Das hatte auch was Deutscheres.

Man hat den Eindruck, Fantasio ist alt geworden und Spirou der Held.
Muss er ja auch, das ist ja ein "Spirou"-Album. In einer meiner ersten Versionen lag der Schwerpunkt mehr auf Fantasio und Spirou lief einfach so mit. Ich mag Fantasio auch lieber, ich finde ihn interessanter und er macht zeichnerisch mehr Spaß. Spirou sieht immer so nett aus. Bei Fantasio kann man mehr Slapstick machen.

Dafür hast du dich aber ganz schön zurückgehalten.
Ja, man darf den Helden ja nicht überstrahlen. Das war tatsächlich auch eine klare Ansage.

80. Jahrestag: Gedenken an anti-jüdische Pogrome - "Die Schutzmänner grinsten nur"