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Das neue Papstbuch: Mit einer Paddelfahrt fing alles an

Pünktlich zum 84. Geburtstag erscheint die neue Autobiografie des Papstes. Die wird wie Bohlen und Effenberg vermarktet: mit ganzseitigen Anzeigen und einem Vorabdruck in der "Bild"-Zeitung.

Geschickter, als der Vatikan die neue Autobiografie des Papstes lanciert, können das Popsänger und Fußballspieler mit ihren Büchern auch nicht. Schon vor Wochen machte der offizielle Papstsprecher bei einer Pressekonferenz in Rom Appetit, dann fütterte er diverse Zeitungen mit ein paar spärlichen Happen. Ganzseitige Anzeigen mit dem gebeugten alten Mann wurden geschaltet, die "Bild"-Zeitung druckt seit Dienstag Auszüge ab. So werden Bestseller kreiert. Pünktlich zu seinem 84. Geburtstag erschien das neue Werk des Kirchenoberhaupts. Wie üblich, überging der Papst seinen Ehrentag ohne Feiern. "Ein ganz normaler Arbeitstag", hieß es im Vatikan.

"Auf, lasst uns gehen! Erinnerungen und Gedanken", heißt das rund 200 Seiten dicke Buch. Zunächst kommt es in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Polen auf den Markt. Der italienische Verlag Mondadori, der zum Medienkonzern von Ministerpräsident Silvio Berlusconi gehört, wagt gleich eine Startauflage von einer halben Million. In Deutschland beginnt die Verlagsgruppe Weltbild etwas vorsichtiger mit 100.000 Exemplaren - ein ganze Menge für ein Buch, das über weite Strecken eher trocken-theologisch gefärbt ist.

In den Schlafsack eingerollt

Am schönsten ist der Anfang, als der alte Mann erzählt, wie ihn im Hochsommer 1958 der Ruf zum Bischof ereilte. Typisch Karol Wojtyla, könnte man sagen: Der junge Priester war damals gerade mit der Gemeinde unterwegs auf einer Paddelfahrt. Jetzt musste er schnellstens zum Kardinal. "So machte ich mich also auf dem Weg (...), zuerst auf den Wellen des Flusses im Paddelboot und dann auf einem Lastwagen, der mit Mehlsäcken beladen war." Als er auf den Zug nach Warschau wartete, rollte er sich kurzerhand in seinen Schlafsack.

Hemingway als Reiselektüre

Bei Kardinal Stefan Wyszynski versucht er dann gar, um die Beförderung herumzukommen: "Eminenz, ich bin zu jung, kaum 38 Jahre alt." Antwort des Primas: "Das ist ein Fehler, den sie bald überwinden werden." Das ist die Art Humor, die der Papst noch heute liebt. Nach der Nachricht über den neuen Job reiste der junge Priester übrigens flugs per Zug zurück zum Paddeln. Seine Reiselektüre: "Der alte Mann und das Meer" von Ernest Hemingway.

Alltäglichen Kampf gegen die Kommunisten

Johannes Paul II. ist ein Vielschreiber, und viele seine Bücher sind Bestseller. 20 Millionen Mal ist allein der erste Teil seiner Autobiografie "Geschenk und Geheimnis" weltweit verkauft worden, in der er seine frühen Jahre nachzeichnet. "Auf, lasst uns gehen!" beschäftigt sich mit den Jahren als Priester und Bischof: Er erzählt von seinem alltäglichen Kampf gegen die Kommunisten, von seinem Engagement für Familie und christliche Kindererziehung ("Ich war immer der Meinung, dass wir ohne das Gebet die Kinder nicht gut erziehen können.").

Alter Wein in neuen Schläuchen

Neues oder gar Enthüllendes bietet das Buch nicht. Mal untermauert der Papst das Keuschheitsgebot für Priester - wie üblich ohne den Hauch eines Hinweises, dass es vielleicht einmal anders werden könnte. Mal bekennt er sich zu seiner Hochschätzung für Mutter Teresa oder die stramm-konservative Priester- und Laienorganisation Opus Dei.

An einer Stelle beschäftigt sich er sich mit seiner Amtsführung als Bischof und Papst. "Vielleicht muss ich mir vorwerfen, dass ich mich nicht genügend bemüht habe zu befehlen. Bis zum gewissen Grad hängt das von meinem Temperament ab", schreibt der Mann im Vatikan über sich selbst. Das dürften Millionen von Gläubigen etwas anders sehen.

Peer Meinert, DPA / DPA