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Günter Grass: Vorbildfunktion dahin

Das späte Geständnis von Günter Grass zu seiner Nazivergangenheit sorgt weiter für hitzige Debatten. Zwei Dinge stehen jedoch fest: Es ist nicht sein erstes Geständnis, und den Nobelpreis darf er auch behalten.

Heuchler, genialer Medienprofi, mutiger Bekenner oder gestürzter Moralapostel der Nation: Die kontroverse Debatte um den Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass und sein spätes Bekenntnis, als Jugendlicher in der Waffen-SS gewesen zu sein, geht weiter. Nach Tagen der öffentlichen Diskussion sehen viele Grass' Bedeutung als politischer Mahner beschädigt. Das 60 Jahre währende Schweigen des 78-Jährigen empfinden fast alle Kommentatoren als befremdlich. "Günter Grass' literarisches Werk bleibt bestehen. Aber als moralische Instanz, als die er sich selbst immer sah, hat er Schaden genommen", sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in Berlin.

Manche halten das Eingeständnis des Autors in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" nur wenige Tage vor Erscheinen seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" sogar für Marketingkalkül. Das dichterische Lebenswerk des großen Alten der deutschen Nachkriegsliteratur bleibt nach Einschätzung vieler unbeschadet - doch seine Vorbildfunktion als "Gewissen der Republik" dürfte dahin sein.

"Nobelpreis erschlichen"

Einen "Scheinmoralisten" mit Mangel an Demut nennt der Zürcher "Tages-Anzeiger" den Schriftsteller: "Grass hat die Mitgliedschaft in der Waffen-SS und im Nazisystem immer wieder thematisiert und damit die Frage nach Schuld, Moral und Verantwortung gestellt. Er hat Schuldige und Unschuldige über Jahrzehnte hinweg mit diesen Fragen konfrontiert. Er hat beurteilt und verurteilt. Sein eigenes Verhalten nahm der Scheinmoralist aber aus."

Scharfe Worte fand in der erhitzten Debatte schon am Montag Literaturkritiker Hellmuth Karasek. Grass habe den Nobelpreis "wie kein anderer deutscher Schriftsteller verdient. Aber ich denke, er hat ihn sich erschlichen. Denn ich glaube nicht, dass er ihn bekommen hätte, wenn das bekannt gewesen wäre."

"Jemand, der wie Grass die Meinung vertreten hat, dass die Deutschen sich wegen Auschwitz nicht wiedervereinigen dürfen und gleichzeitig dieses Geheimnis mit sich herumgetragen hat, der hat eigentlich alles zerstört. Alles, was er sonst getan und gesagt hat - auch die Dinge, die moralisch richtig waren", sagte am Dienstag der Schriftsteller Maxim Biller. Grass stehe jetzt als Heuchler da.

"Genialer Medienprofi"

Christoph Stölzl, Historiker und ehemaliger Kultursenator von Berlin, sieht Grass als Taktiker. Mit seinem Bekenntnis kurz vor dem Erscheinen seiner Autobiografie habe sich "der alte Literatur-Löwe Grass" wieder "als genialer Medienprofi erwiesen", sagte der CDU- Politiker. "Dass ihn nach über 60 Jahren der Druck des Gewissens zu seinem Bekenntnis gezwungen habe, glaubt wohl niemand, der sich mit dem Verhältnis von Literatur und Moral auskennt."

"Anderen ein Gewissen zu machen, ist immer noch eine gute Methode, mit den eigenen Gewissensbissen fertig zu werden", meinte der Philosoph Rüdiger Safranski, der Grass für sein Bekenntnis aber auch Respekt zollt. Der Vorstand des Deutschen Politologenverbandes, Waldemar Ritter, sagte, Grass müsse sich an den Maßstäben messen lassen, die er selbst gegenüber anderen angelegt habe. Dessen "politische Selbstgefälligkeit" gegenüber jenen, "die ihren Lebenslauf nicht gefälscht haben", zeige "das zeitgeschichtlich immer wiederkehrende Muster, die eigene Verdrängung bei anderen zu behaupten".

Der Zentralrat der Juden in Deutschland und auch Vertreter der Roma und Sinti reagierten mit scharfer Kritik. "Die Tatsache, dass dieses späte Geständnis so kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Buches kommt, legt (...) die Vermutung nahe, dass es sich dabei um eine PR-Maßnahme zur Vermarktung des Werkes handelt", sagte die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch.

"Reichlich spät"

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, sagte, das Bekenntnis sei "reichlich spät" gekommen. Es könne jedoch nicht darum gehen, den Nobelpreisträger "deswegen moralisch zu verurteilen oder menschlich herabzusetzen". Der Anlass - die Veröffentlichung von Grass' Lebenserinnerungen - sei verständlich. Es sei "vielleicht eine der letzten Gelegenheiten" gewesen, mit "der Sache herauszurücken".

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) nahm Grass in Schutz: "Er hat jetzt ein wichtiges Detail mitgeteilt. Das ist eine Überraschung. Es hat auch mich erschrocken, aber es ändert nicht sein Leben und sein Werk vollständig."

Die schwedische Nobelstiftung schloss eine von Kritikern geforderte Aberkennung des Literatur-Nobelpreises unterdessen aus. Der Direktor der Stiftung, Michael Sohlman, sagte: "Die Vergabe ist endgültig. Es ist auch noch nie vorgekommen, dass ein Preis wieder zurückgenommen wurde." In der Begründung für den Nobelpreis 1999 hatte die Akademie Grass' literarischen Einsatz für eine Aufarbeitung der Nazivergangenheit Deutschlands herausgehoben.

Nicht das erste Geständnis

Grass selber sagte bislang nur, er fühle sich durch die Reaktionen persönlich verletzt. Zu seiner Enthüllung selbst wird er sich an diesem Donnerstag im ARD-Fernsehen äußern.

Nach Recherchen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" hat Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen- SS früher als amerikanischer Kriegsgefangener schon einmal eingeräumt. Wie die Online-Ausgabe des Blattes berichtete, sollen mehrere bislang unbekannten Dokumente der US-Militärbehörden belegen, dass der spätere Literatur-Nobelpreisträger sich unmittelbar nach Kriegsende bei den Amerikanern zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekannt hat.

Unter den Papieren finde sich ein Formular der Entlassungsstelle der III. US Army, in deren Kriegsgefangenschaft Grass am 8. Mai 1945 im heute tschechischen Marienbad geraten war, schreibt das Blatt. "Er hat das Papier unterschrieben." Er werde darin als Ladeschütze der 10. SS-Panzerdivision "Frundsberg" geführt, die Angabe zum Zivilberuf laute "Schüler-pupil".

"Den Papieren zufolge wurde Grass - Gefangenennummer 31G6078785 - am 24. April 1946 mit einem Arbeitslohn von 107 Dollar und 20 Cents entlassen", heißt es in dem Online-Text. "Es gibt die Unterschrift, es gibt aber kein protokolliertes Geständnis", sagte "Spiegel"-Autor Klaus Wiegrefe. Auf dem Dokument zu Grass sei das Datum 10. November 1944 vermerkt, mit dem Zusatz "Waffen-SS", berichtet das Magazin. Die Dokumente lägen in der Wehrmachtauskunftsstelle in Berlin.

DPA / DPA