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Haruki Murakami: Vom Traum dessen, der nicht träumt

Auf seinen ganz großen Roman wartet Haruki Murakami noch. Dabei hat der japanische Autor längst eine weltweite Fangemeinde. Derzeit beehrt er sie in Harvard. Ein Besuch auf dem Campus.

Dies wäre jetzt so ein Moment, in dem er sich am liebsten hinwegträumen würde in eine andere Welt. Oder besser: hinwegschreiben - denn er träumt nicht. Dies wäre der Moment. Aber er ist in der Pflicht. Haruki Murakami steht vorn am Pult der First Parish Church von Cambridge/Massachusetts und muss reden. Vielleicht ist es mehr als nur ein Zufall, dass der japanische Schriftsteller ausgerechnet in einer US-Kirche spricht und 800 seiner Fans jedem Satz, jedem Gedanken, jedem Räuspern ergriffen lauschen. Es hat etwas Sakrales.

In einem Nebenraum sitzen

nochmals 150 Murakami-Jünger. Als sich auf dem Campus von Harvard herumsprach, dass der scheue Autor über seine Arbeit referieren würde, gab's kein Halten mehr, und Eintrittskarten waren so begehrt wie Tickets für die berühmte Baseballmannschaft Red Sox im benachbarten Boston.

Wenn es etwas gibt im Leben, das Haruki Murakami nicht mag, ist das Rummel. "S-trange", merkwürdig, nennt er das, und er dehnt das S zu einem langen Zischlaut, als wolle er es unbedingt betonen. Aber nun steht er da und kann nicht anders. Er redet über seine Meisterwerke, in Deutschland als "Mister Aufziehvogel", "Kafka am Strand", "Naokos Lächeln" erschienen, und über seinen Schreibdrang. Er scherzt ein wenig gequält, tritt von einem Bein aufs andere, und nach einer Stunde beantwortet er die Fragen der jungen Leute, die vor dem Mikrofon im Mittelgang eine Schlange bilden und von diesem großen Denker und Schreiber metaphysische Erklärungen für offenbar alles erwarten.

Warum, fragt eine hibbelige Studentin, warum beschreibe er in "Wilde Schafsjagd" die Ohren einer Frau so ausführlich, und welche Metapher verberge sich dahinter? "Hm", sagt Murakami und fährt sich mit der Hand übers Kinn, "ich glaube, dass ich damals Ohren ganz gut fand. Ja, das ist es wohl." Das ist es wohl wirklich, und die Dame zieht etwas betreten ab. Anschließend signiert er stoisch Bücher und ist sichtbar erleichtert, als die Veranstaltung vorüber ist. Zu viele Menschen sind seine Sache nicht, "ich bin ein Einzelgänger".

Haruki Murakami gilt als der erfolgreichste japanische Autor der Gegenwart. Seine Romane, Erzählungen und Kurzgeschichten verkaufen sich weltweit in Millionenauflagen, und vor allem junge Menschen sehen in ihm einen Vertreter ihrer Gefühle.

Er schreibt über Verlust und Liebe, Lust und Verlangen, über Ängste und Zweifel, dunkle Kräfte und Hoffnung, immer wieder über parallele Welten, "die Realität selbst ist ein Fake". Katzen können sprechen in seinen Werken, Fische regnen vom Himmel, Prostituierte zitieren Hegel, Riesenfrösche retten Tokio vor Erdbeben. Es sind Achterbahnfahrten für die Sinne. Murakami packt den Leser und nimmt ihn mit auf einen Trip, von dem selbst er nicht zu wissen scheint, wo der enden wird. Real und surreal werden eins auf dieser Reise.

Am Anfang ist es stets nur eine vage Idee oder eine Szene oder ein Wort. In "Afterdark", seinem jüngsten Buch, sitzen ein Mädchen und ein junger Mann nachts in einem Familienrestaurant. Diese Bild hatte Murakami vor Augen, viele Jahre lang. Er spielte damit, ließ es fallen, nahm es wieder auf. Und als das Bild endlich Konturen annahm und schärfer wurde, entwickelte er daraus den Plot: das Protokoll einer rastlosen Hatz durch die Nacht, reduziert auf die Sprache eines Drehbuchs und erzählt wie aus einer Kameraperspektive. Schnörkellos, schnell, dann wieder versponnen, verträumt und gedankentief. Ein bisschen David Lynch, ein bisschen Pulp Fiction, ein bisschen Kafka, ein bisschen Salinger und Carver und Chandler. Und eben doch Murakami, einzigartig.

Es ist Sonntag in Cambridge,

und Haruki Murakami sitzt in seinem kleinen Büro des Reischauer-Instituts für Japanologie. Er hat soeben eine Kurzgeschichtensammlung fertig gestellt, "Five strange stories from Tokyo", und schreibt nun an einem Essay über seine Passion Marathonlauf, "eine Chance, über mich selbst zu reflektieren".

Seit Mai lebt er mit seiner Frau Yoko am Rande des Campus von Harvard; "writer in residence" heißt das in den USA. Er liest dort und grübelt und schreibt, und manchmal - eher selten - hält er Lesungen wie jene in der Kirche. Murakami ist ein sportlicher Mann, er hat ein sanftes, jungenhaftes Gesicht, klare braune Augen und eine sonore Stimme. Er sieht erheblich jünger aus als 56, aber er macht sich unentwegt Gedanken über das Älterwerden und den Tod. "Wissen Sie", sagt er, "ein großer Roman braucht drei oder vier Jahre, und ich weiß nicht, wie viele gute Bücher ich noch in mir habe, bis ich sterbe. Ich muss sehr vorsichtig sein mit meinen Kräften. Es ist eine Tragödie."

Er faltet die Hände und öffnet sie wieder, er spricht langsam und akzentuiert. Haruki Murakami will nichts Falsches sagen. "Schreiben ist ein anstrengender Prozess. Die Geschichte ist ganz tief in mir, und ich muss tief bohren und hinabsteigen in mein inneres Ich. Dieses Ich ist ein dunkler Platz. Und je tiefer ich gehe und je länger ich dort bleibe, desto stärker wird das Buch. Ich will immer tiefer graben, von Buch zu Buch. Aber das kostet Kraft." Murakami spürt, dass er sein ganz großes Buch noch in sich hat. Ein Buch, das hofft er, von der Klasse wie Dostojewskis "Die Brüder Karamasow", das er verehrt und beim Schreiben anstarrt.

Er schreibt dann, wenn andere träumen. Steht auf morgens um vier, setzt sich an den Computer, taucht ab in die Tiefe seiner Seele und lässt seine Gedanken in Sätze fließen - ohne Konzept, ohne Gliederung, nur mit einer Idee. "Ich träume nicht", hat er den Studenten in der Kirche erzählt, und einige mussten kichern. "Ich träume nicht", sagt er auch an diesem Nachmittag. "Ich glaube, dass ich meine Träume für meine Arbeit absorbiere. Es ist kein Platz für Träume."

Murakami fühlte sich immer als Außenseiter. Las im Gegensatz zu seinen Mitschülern westliche Autoren - Chandler, Carver, Fitzgerald -, legte sich mit seinen Eltern an, rebellierte, wenn auch milde, während der Studentenproteste Ende der 60er Jahre und verweigerte sich der typischen Karriere in einem japanischen Großkonzern. Er verabscheute die Kultur der emsig-konformen Krawattenträger, die sich frühmorgens in überfüllte U-Bahnen zwängen und nächtens überarbeitet heimkehren. "Ich wollte ein Individualist sein." Murakami, ein fanatischer Musikliebhaber, betrieb mit seiner Frau einen Jazzclub und begann erst mit 29 Jahren zu schreiben, nachdem er bei einem Baseballspiel so etwas wie eine Erleuchtung hatte.

Es zog ihn ins Ausland, Italien, Griechenland, USA. Und erst wieder nach Japan, als sein Land 1995 vom Erdbeben in Kobe und dem Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn erschüttert wurde. "Diese Ereignisse", sagt er, "haben Japan verändert und mein Leben auch." Er wollte etwas lernen über die Psyche seiner Landsleute. Für seine Interviewsammlung "Underground" sprach er mit Dutzenden von Überlebenden der Giftgasattacke und Mitgliedern der Aum-Sekte. Und erstmals fühlte er ein Gefühl der Sympathie für die Masse, "hart arbeitende Leute, die nur zu überleben versuchen". Zugleich empfand er ein gewisses Verständnis für die Sektenanhänger. Wie die Protagonisten seiner Fiktion waren auch die auf der Suche nach Sinn und Wahrheit, waren auch sie wie Murakami selbst Außenseiter.

Er hat nicht unbedingt Frieden geschlossen mit Japan. Er verurteilt das Leugnen der japanischen Kriegsverbrechen und nennt den Ministerpräsidenten Koizumi "stupid". Er hasst nach wie vor die Ameisenmentalität, diesen Pflichterfüllungsdrang bis zur Selbstaufgabe, "es ist schockierend". Aber er registriert mit Wohlwollen, dass sich die Gesellschaft langsam, langsam verändert. Dass die Jüngeren, seine Leser, ausbrechen und frei sein wollen, wie er frei sein wollte.

Die Spätnovembersonne

wirft sattes Licht in sein Büro. Haruki Murakami genießt die Ruhe. Hier in Amerika, seiner zweiten Heimat, wird er nicht permanent angesprochen und vereinnahmt und mit Fragen überschüttet. "Glauben Sie mir", sagt er fast flehentlich, "ich bin ein ganz normaler Typ. Und ich möchte ein ganz normales Leben führen." In Japan fällt ihm das schwerer. Früher hatte er eine eigene Website, "Murakamis House of the rising sun", und Tausende von Fans und Lesern weltweit schrieben ihm E-Mails. Er schloss die Seite, "ich konnte den Leuten nicht gerecht werden".

Aber natürlich sieht er das Verlangen da draußen nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Und natürlich sieht er, dass die Jungen von heute dieselben Fragen stellen, die er sich stellte - kulturübergreifend. In China wie in England, Deutschland, Amerika und Japan. Deshalb schreibt er. Deshalb steigt er hinab, ganz tief, und schickt seine Erzähler auf die Suche. Er wird sich wieder hinsetzen morgens um vier, jahrelang, kaum ansprechbar, in der Hoffnung auf diesen einen großen Roman, den ganz großen Wurf. Das schuldet er sich und seinen Lesern, "ich spüre diese Verantwortung in mir".

Haruki Murakami blickt auf die Uhr, es ist spät geworden, seine Frau wartet, und sie haben Gäste. Er fühlt sich wohl in Harvard, umgeben von schlauen Köpfen und der Energie der Jugend. Sie bleiben noch bis Mai. Ob er Japan zuweilen vermisst? Er denkt einen Moment nach und lächelt dann. "Nicht Japan", sagt Haruki Murakami. "Aber ich vermisse gutes Tofu."

Michael Streck / print