Heinrich Heine Der scharfzüngige Schwärmer


Er legte sich mit den Herrschenden an - und musste seine Heimat verlassen. Am 17. Februar 1856, vor 150 Jahren, starb der deutsche Dichter, Journalist und Romantiker in Paris. Und noch immer hat jede seiner Zeilen Gültigkeit.

So was liest man gerne: "Ich habe die friedlichste Gesinnung", schreibt der Dichter Heinrich Heine. "Meine Wünsche sind eine bescheidene Hütte, Milch und Butter, vor der Tür einige schöne Bäume - und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, lässt er mich die Freude erleben, dass an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden." Es ist anzunehmen, dass dieser Heine-Spruch an vielen Bürowänden hängt. So wie bei dem Berliner Kunstsammler Heinz Berggruen. Denn so mögen wir unseren Heine, den ungezogenen Liebling der Grazien - ironisch, zärtlich und von anmutiger Grausamkeit.

Am 17. Februar ist Heinrich Heines 150. Todestag. Neue Bücher, Veranstaltungen, Lesungen, Liederabende, Sondersendungen im Fernsehen werden an den größten deutschen Dichter erinnern, den größten nach Goethe, wie Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nicht müde wird zu betonen. Denn noch immer ist Heinrich Heine eine unerschöpfliche Fundgrube: als politischer Essayist und Journalist, der den armen deutschen Michel "beständig an der Nase zupfen musste, dass er aus seinem gesunden Riesenschlaf erwache"; als jüdischer Emigrant, der nach Paris flüchtete, um der heimischen Zensur ebenso wie dem heimischen Antisemitismus zu entgehen; als poetischer Reporter, der mit seiner Harzreise, dem schönsten Reisebericht der deutschen Literatur, ganz ungewöhnliche Maßstäbe setzte; als entlaufener Romantiker, der die deutsche Sprache vom Pathos entmüllte; und als unermüdlicher Höfling schöner Frauen, denen er die kühnsten, die zauberhaftesten, die melancholischsten Reime widmete über die Liebe, besonders über die unglückliche.

Der Dichter und die Damen - ein unerschöpfliches, wildes, glutvolles Kapitel. Niemand hat so kleidsam gelitten wie Heinrich Heine. Und je schöner das Leid, desto schöner die Reime. Eigentlich gehört der Mann zur Pflichtlektüre jeder Selbsthilfegruppe in Sachen Liebeskummer. Erstaunlicherweise ist er da noch gar nicht so recht entdeckt worden. Dabei hat Heine all das zu bieten, was man braucht für einen soliden Liebeswahn und was sich in allen Liebeskummer-Chats findet: zuverlässig abrufbare Minderwertigkeitskomplexe und das beständige Gefühl, als ungeliebter Außenseiter nichts wert zu sein. Paul Watzlawicks hinreißende "Anleitung zum Unglücklichsein" könnte direkt von Heine abgeschaut sein.

Aber während unsereiner in Therapie geht und im Hamsterrad zappelt und Freunde langweilt mit endlosem Geschwätz über endlosen Liebesschmerz, hat Heine aus seinem Hamsterrad Weltliteratur gemacht. "Ich hätte mich gewiss in das schöne Mädchen verliebt, wenn sie gleichgültig gegen mich gewesen wäre; und ich war gleichgültig gegen sie, weil ich wusste, dass sie mich liebte", schreibt er über das psychologische System Heine und liefert die Gebrauchsanweisung für seine Person gleich mit: "Madame, wenn man von mir geliebt sein will, muss man mich en canaille behandeln." Als Kanaille! Intimer kann man sich nicht preisgeben. Der Satz ist in seiner Schutzlosigkeit zutiefst rührend. Und unangreifbar, weil der Autor sich eleganter ironisiert, als seine Feinde es je könnten. Wir kennen das von Groucho Marx: Der Club, der mich aufnimmt, kann nichts wert sein.

"Es stand geschrieben, dass ich von dem großen Übel, den Pocken des Herzens, stärker als andere Sterbliche heimgesucht werden sollte", schrieb der junge Heine düster und verfluchte seinen ewigen Liebesschmerz ebenso, wie er ihn genoss. Kein Zweifel, der Mann war süchtig nach Zurückweisungen. Und unerwiderte Liebe war der Grundstock seines Vermögens, in jeder Beziehung. Nun fühlen sich viele Schriftsteller von Rang heimatlos und ausgestoßen. Einsamkeit ist eine kreative Geschäftsgrundlage großer Literatur. Bei Heine, dem geborenen und später entlaufenen Juden, verschärfte sein Jude-Sein die Wunde des Ungeliebten noch. Niemals wäre ein zufriedener Heine, versunken in der Banalität seines kleinen Alltagsglücks, ein so bedeutender Literat geworden.

Im "Buch der Lieder" von 1827, das ihn berühmt gemacht hat, besingt Heine ausführlich seine quälende Obsession, und jeder Leser kann sich glücklich darin wieder finden: "Ein Jüngling liebt ein Mädchen, die hat einen andern erwählt; der andre liebt eine andre, und hat sich mit dieser vermählt. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu; und wem sie just passiret, dem bricht das Herz entzwei."

Die Frauen, denen Heines Avancen galten, mussten nicht von Stand sein. Er, der arme Vetter aus Düsseldorf, schmachtete zwar dahin für seine reichen Hamburger Cousinen, erfolglos natürlich. Doch auch den Huren seiner Studentenzeit und den Grisetten seiner Pariser Jahre galt seine Zuneigung. Grisetten nannte man die armen Mädchen, die mit ihren flinken Leichtlohnfingern in den Fabriken schufteten oder als Verkäuferinnen ausgebeutet wurden und nach Schichtschluss auf der Pirsch waren nach einem großzügigen Herrn, der ein paar Franc springen ließ.

Heine liebte die Unverfälschtheit dieser Mädchen und war, anders als die meisten Männer, nie der verschämte Freier, der sich verdruckst aus der Hintertür schlich. Das war selbst in Pariser Künstlerkreisen ungewöhnlich. Was der Sozialist Ferdinand Lasalle damals empört eine "Poesie der Hurerei" nannte, liest sich jedoch ausnehmend hübsch: "Diese schönen Gliedermassen Kolossaler Weiblichkeit sind jetzt, ohne Widerstreit, Meinen Wünschen überlassen", dichtete Heine fröhlich.

Als Heinrich Heine am 13. Dezember 1797 in der Düsseldorfer Bolkerstraße geboren wurde, als Sohn eines recht glücklosen, aber genusssüchtigen und frohsinnigen jüdischen Kaufmanns ("in seinem Gemüte war beständig Kirmes", schrieb der Sohn über den Vater), nannte die Familie ihn Harry und beschloss, "dass ich eine Geldmacht werden sollte", ein richtiger Bankier wie der reiche Hamburger Onkel Salomon Heine.

Einmal, als er den Vater arglos fragte, wer denn sein Großvater gewesen sei, sagte der, dein Großvater war ein kleiner Jude mit einem großen Bart. Eilig hüpfte der kleine Harry in die Schule, um allen die Neuigkeit zu verkünden: dass sein Großvater ein kleiner Jude mit einem großen Bart gewesen sei. Darauf brach ein höllischer Lärm in der Klasse aus, und die rohen Buben krächzten und sangen und plärrten vom kleinen Juden mit dem großen Bart, bis Harry verschämt in der Ecke stand. Mit einem gelben Rohrstock, der blaue Striemen auf seinem weißen Rücken hinterließ, wurde er vom Lehrer abgestraft als Schuldiger am Klassenradau, und nie wieder erzählte er von seinem Großvater. Der kleine Harry hatte die Lektion begriffen: Jüdisch sein hieß, verhöhnt zu werden und schuld zu sein.

Aus der Bankierskarriere wird nichts, der künftige Kaufmann Heinrich Heine macht Bankrott, was ihn nicht sonderlich umtreibt, weil er Poet werden will. Schnurrpfeifereien nannte das die Mutter, Poeten sind zerlumpte arme Teufel, die für ein paar Taler Gelegenheitsgedichte verfertigen und am Ende im Armenhaus dahinsiechen. Erst mal bestand der künftige Poet und gescheiterte Kaufmann im Jahre 1825 auf Wunsch der Familie sein juristisches Examen. Um der gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen, ließ er sich wie viele Juden damals taufen, protestantisch. Glücklich wurde er damit nie. Das "Entréebillet zur europäischen Kultur", wie Heine die Taufe nannte, bescherte ihm nur Kränkungen. "Ich bin jetzt bey Christ und Jude verhasst. Ich bereue sehr, dass ich mich getauft hab; ich habe seitdem nichts als Unglück", notierte er bitter. Und weiter: "Ich habe nicht die Kraft, einen Bart zu tragen und mir den Judenmauschel nachrufen zu lassen." Die Wogen des deutschen Judenhasses spürte und fürchtete Heine Zeit seines Lebens.

"Er hat viel gespottet und viel gehöhnt, aber er hat, wie es sich für einen Juden schickt, immer auch sich selber verspottet und verhöhnt", schrieb Marcel Reich-Ranicki. Außerdem war Heine, das machte ihn ebenso beliebt wie verhasst, keiner, der eine Beleidigung ungestraft ließ. Als der homosexuelle Lyriker August von Platen ihn einen "stinkenden Juden" nannte, schoss Heine sofort zurück und hieß ihn einen "warmen Bruder". Das war zwar unfein, aber gerecht. Nicht nur deshalb schrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche anerkennend: "Er besass jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag."

Heine als junger Mann: hübsch, ein wenig verträumt, mit zarter Melancholie im Blick. Frauen mögen so was. Als er 1827 in München eine feste Redakteursstelle bekommt, notiert er zufrieden: "Ich lebe hier als grand Seigneur und die 5 1Ú2 Menschen hier, die lesen können, lassen mich auch merken, dass sie mich hochschätzen. Wunderschöne Weiberverhältnisse..." Als 1827 sein "Buch der Lieder" erschien, bis heute die erfolgreichste Lyrik der Weltliteratur, dichtete er bescheiden: "Aus meinen grossen Schmerzen mach ich die kleinen Lieder..." Wären es wirklich nur kleine Lieder gewesen, wir hätten sie längst vergessen. Seine Ballade von der Loreley ("Ich weiss nicht was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin") kann bis heute jeder mitsummen. Er war nie ein vergessener Dichter, auch wenn die Deutschen 1933 seine Bücher verbrannten.

1831 geht Heine nach Paris

, in das Mekka der Liberalen. In Deutschland werden seine Schriften vom preußischen Innenministerium verboten. Begründung: Verunglimpfung von Staatsinstitutionen. Die allgemeine Zensur endet erst nach der Märzrevolution von 1848. In der Heimat ein Verfemter, ist er in Frankeich nur ein Ausländer unter vielen. Der talentierte Flaneur, elegant und ein bisschen nachlässig gekleidet, fasst schnell Fuß und wird in Pariser Literatenkreisen bald gefeiert. "Wenn Deutschland Heine nicht liebt, nehmen wir ihn gerne auf, aber leider liebt Heine Deutschland über Gebühr", schreibt Alexandre Dumas 1839. 25 Jahre lebte Heine in seinem Paris, er zog ständig um, je nach Finanzlage. Der Hügel auf dem Montmartre war sein bevorzugtes Wohnviertel.

1834 fällt Heine in Paris die Verkäuferin Auguste zu, die er kurzerhand Mathilde nennt. Eine gute Dirne, die er auf dem Pflaster von Paris gefunden hat, urteilen Freunde abschätzig. Für seine reiche Hamburger Bankiersfamilie ist die uneheliche Tochter einer Bäuerin eine ungebildete Landpomeranze, hübsch, leichtfertig und launisch, die sich einen besser gestellten Herrn geangelt hat, der doppelt so alt ist wie sie. Heine aber liebt das "dicke gute Kind" mit den dunklen Augen und den kirschroten Lippen. Er soll sie, heißt es, ihrer Tante für 3000 Franc abgekauft haben. 1841 heiratet er sie.

Die Beziehung zwischen Mathilde und Henri

ist stürmisch. Rasend vor Eifersucht ohrfeigt er Studenten, die einen zu langen Blick auf ihren üppigen Hintern werfen. Ist sie verreist, martert er sich mit der Vorstellung, sie könne "aus wahnsinniger Leichtfertigkeit dem ersten besten Lump" den Arm reichen. Wütend reimt er: "Deine Nücken, deine Tücken hab ich freilich still ertragen. Andre Leut an meinem Platze hätten längst dich todt geschlagen". Immer montags verprügelt er Mathilde. Warum montags, weiß man nicht. "Seit 11 Jahren bete ich sie an", notiert er, mustert ihre Leibesfülle von 90 Kilo und geht in Deckung, weil: "Mein Hausvesuv speit wieder Feuer."

In jenen Ehejahren ist Heine bestens etabliert. Er schreibt Literaturkritiken für deutsche und französische Zeitungen, Reiseberichte, kassiert gute Buchhonorare und kann, die Zuwendungen des Hamburger Onkels inbegriffen, umgerechnet etwa 7000 Euro pro Monat ausgeben. Ein Besserverdiener. Doch manchmal macht ihn seine reizende kleine Geldvernichtungsmaschine rasend. Das gute dicke Kind ist imstande, 600 Franc für einen Cashmere-Schal hinzulegen, den Jahresverdienst eines Handwerkers. Entzückt ist er allerdings, wenn seine Mathilde einen Besucher fragt, ob ihr Henri denn wirklich so ein berühmter Dichter sei. "Sie liebt mich persönlich", jubelte Heine dann.

Man kann sagen, dass er ein treusorgender Ehemann war, und ein Leben lang blieb er ein guter Sohn. Sein berühmtes Gedicht "Nachtgedanken" - ("Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht") - ewig missverstanden als Sorge um das ferne deutsche Vaterland, meint eher die Sorge um die ferne deutsche Mutter, die er seit zwölf Jahren nicht gesehen hat. Als die Mutter fragt, wen er lieber habe, Deutschland oder Frankreich, schreibt der Sohn diplomatisch: "Die deutsche Gans, lieb Mütterlein, ist gut, jedoch die Franzosen, sie stopfen die Gänse besser als wir, auch haben sie bessere Saucen." Er liebt seine Familie, wenn auch von fern, und als sein Bruder mit der Grammatik kämpft, witzelt er, der habe nun "einen Diener für den Dativ und einen für den Accusativ zur Seite".

War Heine ein Linker? Seine kurze Freundschaft mit Karl Marx in Paris, sein Gedicht über das Elend der Weber, sein Satz, er hielte die Kommunisten für eine akzeptable Partei, haben zu diesem Missverständnis Anlass gegeben. Tatsächlich bewunderte Heine die Revolution, fürchtete aber die rohen Fäuste des internationalen Proletariats, die seine zarten Gedichte ebenso vernichten würden wie die ganze alte Weltordnung. Und so war Heine eher ein demokratischer Individualist, untauglich für jede Massenbewegung. Er war ein Europäer ebenso wie ein deutscher Patriot, der erste Kulturvermittler zwischen Frankreich und Deutschland, "der bedeutendste Journalist unter den deutschen Dichtern, und der berühmteste Dichter unter den Journalisten der ganzen Welt", so Reich-Ranicki.

Heines letzte Jahre sind eine Tragödie. Ab 1848 überfallen ihn Lähmungen am ganzen Körper, Rückenschmerzen, Sehstörungen, eine verschleppte Syphilis zerfrisst ihn. Er magert rapide ab und schreibt an seinen Bruder, er habe Beine wie Baumwolle und müsse wie ein Kind getragen werden. "Ich kann weder kauen noch kacken." Er fürchtet ein dementes Ende und dichtet: "In meinem Hirne rumort es und knackt, ich glaube da wird ein Koffer gepackt, und mein Verstand reist ab - o wehe - noch früher als ich selber gehe."

Da schneit ganz unverhofft eine junge Frau in sein düsteres Leben, geduldet von Mathilde: die Deutsche Elise Krinitz, die Heine sofort Mouche nennt. In der Heine-Forschung kommt sie nicht gut weg: eine Frau ohne Mann, ohne Vermögen, ein Promi-Groupie von zweifelhafter Herkunft, das sich in seine Matratzengruft geschlichen hat, um letzte Worte des berühmten künftigen Toten aufzuklauben. Ohne Zweifel, Heine ist ihr größter Fang. Und Heine liebt sie, "die letzte Blume meines larmoyanten Herbstes". Wäre ich noch ein Mann, seufzt der geschwächte Dichter schmerzlich. Er streichelt der Mouche die Hand, klagt über sein erotisches Unvermögen und reimt selbst kurz vor seinem Tod noch mit gewohnter Ironie: "Worte! Worte! Keine Taten, niemals Fleisch, geliebte Puppe, immer Geist und keinen Braten, keine Knödel in der Suppe."

Am 17. Februar 1856

stirbt Heinrich Heine und wird auf dem Friedhof Montmartre beerdigt. Wie erwartet, schreibt die Mouche später über Heines letzte Tage. Mathilde überlebt ihn wohlversorgt um 27 Jahre. Dass das süße dicke Kind ermüden könnte beim Spaziergang zu seinem Grab, war seine letzte Sorge. Und so dichtet er: "Süsses, dickes Kind, du darfst nicht zu Fuss nach Hause gehen; an dem Barrieregitter siehst du die Fiaker stehen."

Heine nannte sich "einen braven Soldaten im Befreiungskriege der Menschheit". Das war er in jedem Sinne. Man muss bei unserem weltberühmten Poeten keinen Mythos zertrümmern und keine biografischen Abgründe hervorzerren. Er hudelte nicht herum mit den Sinnfragen. Er liebte das Leben und befand bündig: "Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst." Und so ist Heinrich Heine ein offenes zärtliches kluges Buch für alle, die nicht den Sinn, aber den Zweck des Lebens erkennen wollen.

Gerda-Marie Schönfeld print

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