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Syphilis: Die Lustseuche wird 100

Man nannte sie die Lustseuche oder auch die Franzosenkrankheit. Vor 100 Jahren entdeckten Berliner Ärzte den Erreger der Geschlechtskrankheit Syphilis.

Ihr fielen so prominente Opfer wie der Philosoph Friedrich Nietzsche oder der Dichter Heinrich Heine zum Opfer: der Syphilis. Erst vor 100 Jahren, am 3. März 1905, entdeckten zwei Berliner Ärzte den Erreger der als Lustseuche oder Franzosenkrankheit bezeichneten tückischen Geschlechtskrankheit, die in Europa fünf Jahrhunderte lang so gefürchtet war wie kaum eine andere Infektion. Auch wenn Syphilis heute heilbar ist, schlagen Mediziner Alarm. Durch eine zunehmende Sorglosigkeit beim Sex sind die Syphilis-Zahlen in Deutschland dramatisch angestiegen.

Aus Amerika eingeschleppt

Vermutlich fanden die Syphilis-Bakterien nach der Entdeckung Amerikas Ende des 15. Jahrhunderts ihren Weg nach Europa. Seefahrer sollen die sexuell übertragbare Krankheit eingeschleppt haben. Doch diese These ist nicht unumstritten. Archäologen entdeckten bei Ausgrabungen Skelette, die deutliche Anzeichen der Folgen einer Syphilisinfektion zeigten. Diese Knochenfunde stammten aus der Zeit vor Kolumbus. Manche Forscher vermuten daher, dass die Wikinger die Krankheit schon früher vom amerikanischen Kontinent einschleppten.

Ihren Namen bekam die Krankheit 1530 durch das Lehrgedicht eines italienischen Arztes. Darin wird der Hirte Syphilus für sein lasterhaftes Leben mit der Krankheit gestraft. Im Volksmund hieß die Infektion lange Franzosenkrankheit, weil die Soldaten des französischen Königs Karl VIII. bei der Belagerung Neapels Ende des 16. Jahrhunderts zu hunderten durch eine Syphilis- Epidemie starben. Die Medizin gab der Krankheit den lateinischen Namen Lues. Das bedeutet schlicht Seuche.

Erst nach Jahren wird die Krankheit desaströs

Die Syphilis ist tückisch: Die Krankheit verläuft in mehreren Schüben und bleibt am Anfang oft unbemerkt. Nach einer Infektion treten im Genitalbereich zuerst kleine, schmerzlose Geschwüre auf. Erst im zweiten Schub, 9 bis 10 Wochen nach der Ansteckung, wird ein Hautausschlag sichtbar, rote Flecken bedecken den Körper.

Doch erst nach 3 bis 5 Jahren entfaltet die Krankheit ihre ganze Zerstörungskraft. Der Erreger greift Knochen, Gelenke und Organe an, es kann zu Lähmungen kommen. Dringt das Bakterium ins Gehirn vor, folgen häufig Geisteskrankheiten. Noch um 1900 siechten ein Drittel der deutschen Psychiatrie-Patienten mit der Diagnose Syphilis vor sich hin - unheilbar krank.

Viele von ihnen wurden mit Quecksilberspritzen- und Dämpfen behandelt. Die Methode war nicht sehr wirkungsvoll und hatte zudem schwere Nebenwirkungen, Quecksilber schädigt Nieren und Nerven. Noch Ende des 19. Jahrhunderts, das beweisen historische Krankenhausstatistiken, wurden Zehntausende Patienten in deutschen Kliniken wegen Syphilis behandelt.

Der Erforschung der Geschlechtskrankheiten haftete ein Makel an

Es ist das Verdienst des Berliner Militärarztes Erich Hoffmann (1868 bis 1959) und des Zoologen Fritz Schaudinn (1871-1906), das Rätsel um die Ursache der Syphilis endgültig gelöst zu haben. Am Berliner Klinikum Charité entdeckten sie den Erreger, das Bakterium "Spirochaeta pallida", heute "Treponema pallidum" genannt. Die Chronik der Medizin nennt dafür das Datum des 3. März 1905.

Dass die Ursache der Syphilis im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten so spät erkannt wurde, lag nicht nur an dem schwer nachweisbaren Erreger. Die jahrhundertelange Unterdrückung der Sexualforschung durch Staat und Kirche hatte in Europa dazu beigetragen, dass auch der Beschäftigung mit sexuell übertragbaren Krankheiten lange Zeit ein Makel anhing.

Das Penicillin machte der Syphilis den Garaus

1905 war die Syphilis noch nicht besiegt. Erst ein Jahr später entwickelte der Berliner Bakteriologe August von Wassermann (1866 - 1925) einen Test, mit dem sich der Erreger im Frühstadium der Krankheit nachweisen ließ. 1909 schuf der Frankfurter Serologe Paul Ehrlich (1854 - 1915) mit dem Mittel Salvarsan ein erstes Chemotherapeutikum - auch gegen Syphilis. Doch erst als der britische Bakteriologe Alexander Fleming 1928 das Penizillin entdeckte, wurde die Syphilis endgültig heilbar.

Heute hat sie ihren tödlichen Schrecken lange verloren. Doch das Berliner Robert Koch-Institut registrierte im vergangenen Jahr 3345 gemeldete Syphilis-Infektionen - fast doppelt so viele wie im Jahr 2001. Das könnte daher kommen, das die Angst vor Aids abgenommen hat und damit auch die Nutzung von Kondomen.

Ulrike von Leszczynski/DPA

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