Hellmuth Karasek liest Ein Schluck für Tante Martl


Sein neues Buch ist eine Sammlung von mal mehr, mal weniger gelungenen Zeitungsglossen. Der Vorleser und Witzeerzähler Hellmuth Karasek hat dagegen schon immer für Kurzweil gesorgt. Als stern.de dieses positive Vorurteil überprüfen wollte, offenbarte Karasek einmal mehr seine Entertainer-Qualitäten.
Von Axel Henrici

Am schlimmsten sind humoristische Texte, bei denen man schon eine Seite vorher weiß, welche Pointe jetzt gleich kommt. Noch schlimmer ist es, wenn diese Pointen anschließend noch erklärt werden, wie zum Beispiel in Hellmuth Karaseks Stoiber-Verabschiedungstext "Wie die CSU den Chef zum Gärtner macht", wo des Oberbajuwaren legendärer Satz von den Blumen, die er, der Stoiber, allmorgendlich hinrichte, vom Oberkolumnisten Karasek noch erklärend eingeordnet wird. Die wichtigsten Stoiber-Binsen - der Edi hat lieber ne dicke Akte als ne schlanke Nackte und nennt seine Frau "Muschi" - dürfen da natürlich nicht fehlen.

Von dieser Art sind viele von Hellmuth Karaseks Glossen, die zwischen 2004 und 2007 in der "Berliner Morgenpost" und im "Hamburger Abendblatt" erschienen sind und nun in Buchform erhältlich sind. "Vom Küssen der Kröten und andere Zwischenfälle" heißt das Werk, und wenn man die Texte so gebündelt liest, ahnt man, wie schwer es sein muss, Woche für Woche eine gute Idee für eine Kolumne zu haben. Manchmal fragt man sich freilich auch, wieso keiner dem Autor sagt, "Du Hellmuth, das ist jetzt aber nicht sooo witzig..."

Derart voreingenommen betritt man also, das Kröten-Buch unterm Arm, den Gemeindesaal des Evangelischen Kindergartens Ansgar in Hamburg-Langenhorn, der sich im ersten Stock befindet und von zwei strengen Buchhändlerinnen bewacht wird. Es ist ein warmer Maientag, Karasek sitzt schon da, mit gerötetem Gesicht, schwitzt ins fliederfarbene Hemd und macht Mineralwasser-Witze. Die hundert Zuschauer, die trotz des schönen Wetters gekommen sind, lachen dankbar.

Karaseks launige Ausführungen zu Kohlensäure und Knochenproblemen sind nur das Vorgeplänkel für eine Jugenderinnerung. Der Autor erzählt, wie man damals noch gedacht habe, Spinat enthalte ganz viel Eisen, und wie er, Klein Karasek, immer "einen Löffel für Tante Martl" habe essen müssen. "Nein! Keinen Löffel für Tante Martl!", sagte der Bub da. "Die kann ich nicht leiden!" Das Publikum amüsiert sich. Und als der Text seine weinselige Pointe erreicht, "ein Schluck für die Oma, ein Schluck für Tante Martl...", johlt es.

Diese Kolumne ("Für die Katz") gibt es allerdings nur auf CD. Doch auch andere Texte, die man beim Lesen in der U-Bahn eben noch bemüht lustig fand, wirken auf einmal spritzig. Und das nicht nur wegen Karaseks legendär feuchter Aussprache. Nein, es ist der Vortrag, die Performance. Manches ist nur witzig, wenn man es mündlich erzählt. Oder umgekehrt: Über einen guten Entertainer lacht man auch, wenn er aus dem Telefonbuch vorliest.

Und auf einmal wird einem klar: Im Grunde ist alles nur ein Missverständnis: Hellmuth Karasek ist gar kein Kolumnenschreiber, sondern ein Witzeerzähler. Bezeichnend dafür ist, dass die Einleitung zu den Texten meist länger dauert als der Text selbst. Die Abschweifungen und Witzchen wirken immer spontan - dass sie es in jedem Fall sind, ist bei einem Profi wie Karasek eher unwahrscheinlich. Sie funktionieren stets nach dem simplen Muster "Da fällt mir folgender Witz ein...". Wie zum Beispiel der von der Begegnung mit dem Europaabgeordneten Otto von Habsburg, einem Abkömmling der KuK-Dynastie, der angesichts eines Menschenauflaufs in Wien gefragt habe: "Was ist da los?" - "Fußball?" - "Wer spielt?" - "Österreich-Ungarn." - "Gegen wen?" Den Witz bereitet Karasek vor über die simple Assoziationskette USA-Besuch 1986 - Reagan - Alzheimer - Wortspiel mit Waldheim - Österreich - Habsburg. Fertig ist die Laune, äh Laube.

Mancher Kalauer, der schon gedruckt blöd ist, funktioniert auch auf der Bühne nicht. Etwa, wenn Karasek zu einem Blesshuhn "God bless you" sagt. Aber das macht nichts, wer aus allen Rohren schießt, kann nicht immer das Tor treffen. Einem gedruckten Text verzeiht man derlei freilich weniger. Es fehlt die Unmittelbarkeit. Man fragt sich: "Wieso wurde das nicht redigiert?" Wie beim Transskript eines Interviews: Wo man beim Hören nur das Lebendige wahrnimmt, achtet man beim Aufschreiben und Wiederlesen auf die Fehler und Redundanzen.

Vor der Drucklegung seiner Kolumnen sollte Hellmuth Karasek künftig also von einer Werkstatt seines Vertrauens den Kalauer-Check machen lassen. Und ansonsten Live-Hörbücher veröffentlichen. Nur so eine Idee.


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