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Meine Meinung Shitstorm: Warum wir im Internet weniger empfindlich sein sollten

Schluss mit dieser Wehleidigkeit im Netz
Wer sich im Netz bewegt, braucht ein dickes Fell.
© Frank Höhne
Kaum wird jemand kritisiert, beklagt er sich schon über einen Shitstorm. Jakob Schrenk findet: Schluss mit dieser Wehleidigkeit im Netz.

Als ich zum ersten Mal Opfer eines Shitstorms wurde, gab es das Wort noch nicht. Damals, im Jahr 2009, hatte ich mich in einem Artikel darüber gewundert, dass Frauen, die wenig essen, viel über Essen reden. Das kam nicht so gut an. Im Internet beschimpfte man mich als Idioten. Der NEON.de-User NivX erklärte, dass eine Frau, die mich gesehen hätte, einfach keinen Appetit mehr habe und kotzen müsse. User Kocmonabt bezeichnete mich als pausbäckigen »Stoffel«, der mehrere Schnitzel am Tag esse, und machte sich über meine Ponyfrisur lustig.

Als Überlebender dieses digitalen Ereignisses sage ich: Nicht der Shitstorm ist das Problem, sondern die Aufregung darüber. Zum Beispiel, dass Richard David Precht behauptet: »Der Shitstorm ist die Guillotine des 21. Jahrhunderts.« Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek sagt: »Ich habe keine Facebook-Freunde und fürchte einen Shitstorm.« Claudia Roth geriet laut »Bild« in einen Shitstorm, weil sie auf ­Facebook behauptet hatte, die atomare Katastrophe in Japan habe 16.000 Tote gefordert. Der Shitstorm bestand im Übrigen darin, dass ein paar User die Grünen-Politikerin da­rauf ­aufmerksam machten, die Menschen in Japan seien wegen des Tsunamis gestorben. Ähnlich ging es auch dem CSU-Generalsekretär Alex­ander Dobrindt, der Schwule als »schrille Minder­heit« bezeichnet hatte.

Eine Waffe der Wehleidigen

Das Schlimme am Shitstorm ist nicht nur, dass das Wort so inflationär gebraucht wird oder unästhetische Vorstellungen weckt (siehe Illustration oben). Vor allem ist der Begriff eine Waffe der Wehleidigen: Jeder, der im Inter­net kritisiert wird, kann nun über einen Shitstorm klagen. Und braucht dann nicht darüber zu sprechen, ob er mit Recht ­angegangen wird (mein Ernährungsartikel war ja zumindest ziemlich provokant). Aber nur weil die Argumente der digitalen Wutbürger nicht immer die besten sind, muss man ja noch nicht selbst das Argumentieren aufgeben.

Übrigens handelt es sich beim Shitstorm um eine schiefe Begriffsübernahme. In den USA wird die Vokabel sehr allgemein für wenig angenehme Situationen verwendet. Nicht ­geläufig ist dort die spezifisch deutsche Definition, nämlich der »Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einher­geht«, wie mittlerweile auch der Duden weiß. Der kluge Sascha Lobo hat sich kürzlich entschuldigt, das Wort in Deutschland verbreitet zu haben. Unter anderem, weil er in einem ­Vodafone-Werbespot mitgespielt hatte, war Lobo heftig kritisiert worden, worüber er sich im Jahr 2010 multimedial beklagte.

Das World Wide Web, der Zivilisationszusammenbruch

Durch das Internet geht der Glaube an die Menschheit manchmal verloren
Phase 9: Ablehnung im Netz gilt als Zivilisationszusammenbruch.
© geralt auf pixabay.com

Dass der Begriff vom Shitstorm gerade in Deutschland Karriere macht, hat mit der bei uns weitverbreiteten Technikfeindlichkeit zu tun. In ihrem brillanten Buch »Standardsituationen der Technologiekritik«, das kürzlich bei Suhrkamp erschienen ist, hat Kathrin Passig zehn typische Argumente identifiziert, die gegen technische Innovationen vorgebracht werden, egal, ob es die Muskete oder das Fernsehen ist. Das Internet hat die Phase eins (»Braucht kein Mensch«) längst hinter sich, man bestreitet auch nicht mehr, wie in Phase fünf, dass sich damit Geld verdienen lässt. Nun wird das Web, Phase neun, verdächtigt, die Welt zu verschlechtern, vor allem die »Denk-, Schreib- und Lesetechniken«. An jedem Stamm­tisch wird geschimpft, auf jeder Demonstration wird Ablehnung bekundet – geschieht das Gleiche aber im Internet, gilt es als Zivilisationszusammenbruch.

Was hilft: Ignorieren oder höflich Argumentieren

Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin ein Mann der Form. Ich mag Krawatten und Höflichkeit. Aber mehr Respekt wird man kaum erreichen, wenn man jammert oder gleich ein Vermummungsverbot im Internet fordert, wie das der Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich getan hat. Die digitalen Sitten werden sich ohnehin von allein verfeinern, schon weil die Menschen, auch dank Facebook, immer öfter freiwillig mit Klarnamen online sind. Ansonsten kann man die Raufbolde im Internet einfach ignorieren, was ja in der Kneipe nicht so gut möglich ist. Es ist meine Erfahrung, dass unhöfliche Leute höflich werden, wenn man sie höflich behandelt. Mit dem User Kocmonabt habe ich mich trotz seiner Haarbeschimpfung freundlich unterhalten. Irgendwann schrieb er mir dann, meine Frisur sehe »ganz normal, wenn nicht sogar ein bisschen chic aus – ich nehme meine kommentare, die ich bezüglich deiner haarpracht auf dem userpic gemacht habe, hiermit zurück.«


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