Horror-Roman Gespenstisch rasanter Lesestoff


Sein Name ist Joe Hill. Er hat einen Horror-Roman geschrieben. Sein Vater ist Stephen King, Meister dieses Genres. Das macht für den Sohn die Sache nicht leichter. Umso bemerkenswerter ist sein Debüt ausgefallen.
Von Michael Streck

Joe Hill hat Hunger, und Fleisch soll's sein morgens um elf. Er entert "Bartley's Burger" in Cambridge, studiert die Speisekarte und bestellt einen "Ted Kennedy"-Burger medium, nicht blutig. Hill ist groß, schlaksig, ein schwarzer Vollbart umwächst das Kinn. Er isst mit Appetit und redet übers Schreiben, das Qual wie Lust sein könne. Über Kurzgeschichten, die er "work-shop" nennt "for the real stuff": richtige Romane.

Sein soeben in den USA veröffentlichter und bestens besprochener Erstling "Heart-Shaped Box", der unter dem Titel "Blind" nun auf Deutsch erscheint, sollte ursprünglich auch eine Kurzgeschichte werden. Aber dann verselbstständigte sich die Handlung, und die Hauptperson wollte partout nicht sterben. Nicht nach 30 Seiten, nicht nach 60, nicht nach 90, und irgendwann lehnte Hill sich zurück und "schaute nur noch zu", wie sich der Psycho-Horror-Plot selbst entfaltete: Der alternde Heavy-Metal-Star Judas Coyne sammelt Makabres - aufgebohrte Schädel, Galgenschlingen und Snuff-Filme, solches Zeugs eben. Er sammelt darüber hinaus junge Gothic-Groupies, die er nach den US-Bundesstaaten benennt, in denen er sie aufliest. Die aktuelle Gespielin heißt Georgia.

Geisterhunde, Anna-Floridas Geist und ein sterbenskranker Vater

Coyne, tendenziell zynisch, stößt eines Tages im Internet auf eine Anzeige: "Geist meines Stiefvaters zu verkaufen." Er ersteigert den Geist, der ihm in Form eines Anzugs zugestellt wird - und sich flugs materialisiert als rachedurstiger Stiefvater von Coynes gramvoll verblichener Ex-Flamme Anna, vulgo: Florida. Es entwickelt sich ein raffinierter Thriller mit präzise geschliffenen Charakteren und einem veritablen Twist. Es tauchen noch auf: Geisterhunde, Anna-Floridas Geist, Coynes sterbenskranker Vater, der ihn sein Leben lang wie ein Geist verfolgte, Georgia als guter Geist. Und gegen Ende sogar leibhaftig der Rockstar Jackson Browne.

Wer Stephen King mag, mag auch Joe Hill

Gespenstisch rasanter Lesestoff ist das. Wer, sagen wir, die Werke von Stephen King mag, wird Joe Hills Debüt lieben. Der King höchstpersönlich liebt Joe Hill. Der heißt eigentlich Joseph Hillstrom, benannt nach einem schwedischen Arbeiterführer aus dem 19. Jahrhundert, dessen trauriges Schicksal Joan Baez in der Ballade von "Joe Hill" besang. Die wiederum gefiel Stephen King und Gattin Tabitha derart gut, dass sie ihrem ersten Sohn diese beiden Vornamen gaben: Joseph Hillstrom, alias Joe Hill, ist Stephen Kings Sohn.

Er schrieb Kurzgeschichten über Geister

Was Bürde und Segen zugleich ist. Bürde, weil Joe, 34, verheiratet, drei Kinder, seine Identität viele Jahre verborgen hielt, "um nicht auf dem Ticket meines berühmten Vaters zu reisen". Er schrieb prämierte Kurzgeschichten über, na klar: Geister. Schließlich, nach einer Lesereise in England, kursierten im Netz die ersten Gerüchte. Denn Joe schreibt nicht nur ähnlich wie sein Vater, er sieht auch so aus. Und Segen, weil Joseph/Joe bereits mit 13 Jahren wusste, was er werden wollte, "bei uns zu Hause wurde ja über nichts anderes geredet als über Bücher und Autoren".

Joe Hill spricht mit großer Wärme von der Familie. Die Mutter ist Autorin, sein Bruder Owen dito und sein Daddy stets erster Leser. Sie haben ein Spiel, die Kings, seit vielen Jahren. Wer eine Wette verliert, muss dem Gewinner ein Buch auf Kassetten sprechen. Papa King verlor kürzlich gegen seinen Junior, und Joe wählte das Buch mit feiner Ironie. Stephen King las für den Sohn eine Biografie von Wallace Stegner über den Arbeiterführer Joseph Hillstrom alias: Joe Hill.

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