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Krimi-Autor aus Kapstadt: "Südafrika ist ein sicheres Land"

Das Südafrika aus dem neuesten Roman von Deon Meyer ist voller Gewalt, Konflikte und unterdrückter Aggressionen. In Wirklichkeit ist seine Heimat aber absolut friedlich, sagt der Schriftsteller - und fit für die WM 2010. Dass Spielverderber etwas anderes behaupten, macht ihn wütend, erzählt er im Gespräch mit stern.de.

Von Johannes Gernert

Deon Meyer ist groß, breit und knorrig wie ein Baumstamm. Um sein Kinn wächst ein Bart, er hat einen schwarzen Pullunder an, auf dem Tisch in einem Büro seines deutschen Verlags zieht der Fünf-Uhr-Tee in der Tasse. Gerade ist Meyers jüngster Krimi "Weißer Schatten" in Deutschland erschienen. Die Reise eines latent aggressiven Bodyguards und einer reichen Erbin in eine verworrene Vergangenheit. Ökoterroristen, verbitterte schwarze Polizisten, kaltblütige Killer mit Zielfernrohr. Hinter der rasanten Handlung scheinen die Konflikte Südafrikas auf. Könnte man meinen. Meyer sieht das etwas anders.

Mister Meyer, Sie mögen Rugby und sie haben selbst Rugby gespielt.

Ja, das ist richtig.

Mögen Sie auch Fußball.

Tut mir leid. Nicht wirklich. Ich glaube, eine richtige Beziehung entwickelt man nur zu einem Sport mit dem man aufgewachsen ist. Das war bei mir Rugby, nicht Fußball. Ich werde trotzdem gern zu Spielen der Fußball-WM gehen, wenn Sie nach Südafrika kommt.

In deutschen Medien ist gelegentlich über Ersatzkandidaten berichtet worden, die als Austragungsländer einspringen könnten, wenn in Südafrika etwas schief gehen sollte.

Ich wüsste nicht, was schief gehen soll. Es läuft alles noch Plan. Das Stadion in Kapstadt wächst. Ich bin kürzlich erst wieder daran vorbei gefahren. Es wird ein fabelhaftes Stadion werden. Nur weil es bei anderen Projekten Auseinandersetzungen zwischen Bauherren und Firmen gegeben hat, heißt das noch lange nicht, dass die Austragung der WM in irgendeiner Form bedroht wäre. Ich weiß nicht, woher diese negativen Berichte in den ausländischen Zeitungen immer kommen.

Gewalt betrachten Sie nicht als ein südafrikanisches Problem?

Nein. Wir sind ein sicheres, friedliches Land. Eine Demokratie. Seit vielen Jahren schon.

Es gab vor einigen Monaten brutale Ausschreitungen, bei denen Einwanderer aus anderen afrikanischen Staaten von armen, schwarzen Südafrikanern angegriffen und umgebracht wurden.

Sicherlich gibt es in bestimmten Gebieten, in denen die Menschen in großer Armut leben, solche Vorfälle. Sie verweisen auf ein Problem, dass auch in Europa existiert. Illegale Einwanderung. Das sind aber einzelne Fälle, die dann auf recht sensationalistische Art von ausländischen Journalisten herausgepickt und ausführlich beleuchtet werden. So entsteht ein völlig schiefes Bild.

Die Gewalt denken sich Journalisten nicht aus.

Es gibt diese Vorfälle, keine Frage. Aber man darf sie nicht mit europäischen oder westlichen Maßstäben messen. Man darf das nicht mit Deutschland oder Frankreich vergleichen, mit Ländern, die großen Wohlstand haben. Das ist Afrika. Ich will ihnen mal eine Geschichte erzählen. Bei jedem Termin meiner deutschen Lesereise kommen Leute und fragen, ob Südafrika nicht ein Land mit extrem viel Kriminalität sei. Ich antworte, dass ich Kriminalromane schreibe, Fiktion. Wenn man die Zahl der schwedischen Krimis als ein Maß für die Kriminalitätsrate in dem Land nehmen würde, ergäbe das auch das Bild einer durch und durch kriminellen Gesellschaft. So wenig man es da tut, sollte man es auch mit einem Büchern für die südafrikanische Gesellschaft tun. Ich sage meinen Zuhörern also: Südafrika ist absolut sicher. Jeden Abend stehen an der Stelle fünf oder sechs Deutsche auf und erzählen, dass sie das Land kürzlich erst bereist haben, dass sie fantastische Ferien dort verbracht haben. Dann sagen die anderen: Okay, jetzt glauben wir ihm.

Sie klingen sehr überzeugend. Haben Sie mal überlegt, sich als PR-Manager für die WM 2010 zu bewerben? Sie haben früher PR für BMW gemacht.

Es ärgert mich einfach. Diese fixe Idee, wir seien eine Gesellschaft voller Kriminalität. Ich laufe jeden Tag durch Kapstadt, in die unterschiedlichsten Bezirke. Ich war noch nie in Gefahr.

In dem Südafrika ihres Romans werden Kämpfe ausgetragen. Menschen gegen Tiere. Männer gegen Frauen. Schwarze gegen Weiße. Und andersherum.

Wenn Sie einen Thriller schreiben, suchen sie nach potentiellen Konflikten. Darum geht es in Thrillern und Krimis. Ohne Konflikt, keine Spannung. Ich nehme also alle Konflikte, die ich finde, verstärke sie und bringe sie in dieses Buch. Ich verzichte dabei auf das Leben von Millionen Menschen, die völlig konfliktfrei leben. Von denen zu erzählen, wäre langweilig. Machen Sie nicht den Fehler und betrachten ein fiktionales Werk als die Realität eines Landes. Das wäre unfair.

Dennoch: Sie verarbeiten in ihren Büchern die Konflikte Ihres Landes.

Ich verarbeite gar nichts. Ich schreibe Geschichten, um Menschen zu unterhalten. Große Teile des Romans sind frei erfunden. Es gibt keine Ökoterroristen in Afrika, wie sie in "Weißer Schatten" auftreten. Es gibt Meinungsverschiedenheiten über die Frage, wie mit dem Umweltschutz umzugehen ist. Aber die werden auf eine äußerst zivilisierte Art und Weise diskutiert. Das habe ich verstärkt und Terroristen, Fanatiker daraus gemacht.

Sie recherchieren ausführlich, vieles basiert auf Tatsachen.

Manches. Es ist keine Dokumentation, es ist eine Geschichte.

Sprechen wir über die Realität: Wo begegnet Ihnen Rassismus in Ihrem täglichen Leben?

Puh. Das ist schwierig. Ich stehe beispielsweise an einer Tankstelle und ein Weißer redet sehr rassistisch mit einem Schwarzen. Dann passiert Wochen oder Monate nichts. Und irgendwann ist es wieder einmal so weit. Sie lesen den Leserbrief eines Schwarzen in der Zeitung, der sehr rassistische Bemerkungen macht. Das ist wie in Deutschland oder woanders auch.

Nur ist es mit einer anderen Geschichte verbunden. Es gibt Schwarze, die Hass empfinden für das, was Ihnen die weißen Herrscher jahrelang angetan haben.

Das ist wahr. Aber die meiste Zeit über kommen wir miteinander aus.

Es gibt Weiße, die Südafrika verlassen, weil sie den Eindruck haben, dass das nicht funktioniert, dass da immer noch zu viel Hass ist.

Ich glaube nicht, dass das wirklich der Grund ist, warum sie gehen. Sie tun es, weil sie nicht bereit sind, einen Beitrag für das Land zu leisten. Ich bin froh, dass sie dann gehen. Diese Menschen brauchen wir in Südafrika nicht. Wir brauchen Leute, die sagen: Ich habe die Früchte der Apartheid genossen. Jetzt muss ich meine Schuld zurückzahlen und dafür sorgen, dass dies ein besseres Land wird. Ich muss versuchen, die Probleme der Vergangenheit zu lösen. Die Leute, die gehen, weigern sich, das zu tun.

Was ist Ihr persönlicher Beitrag?

Ich tue viele Dinge, in vielen verschiedenen Bereichen. Ich engagiere mich für den Kampf gegen Armut. Aber ich spreche nicht darüber. Es ist nichts, was ich für die Öffentlichkeit tue. Ich tue es für die Leute.

Fühlen Sie sich manchmal schuldig.

Nein.

Sie haben zu Zeiten der Apartheid als Journalist gearbeitet, in einer zensierten Presselandschaft.

Damals habe ich mich schuldig gefühlt. Aber das ist kein sehr positives Gefühl, aus dem irgendetwas Nützliches erwachsen würde. Sie müssen sich überlegen, wie Sie eine bestimmte Sache sehen, wo sie stehen, wie sie das neue Südafrika sehen. Wollen Sie ein Teil davon sein, wollen sie beim Aufbau helfen? Schuldgefühle sind kein gutes Motiv.

Was meinen Sie dann mit zurückzahlen?

Dass ich weiß bin, hat mir in diesem Land bestimmte Vorteile verschafft, mit denen ich jetzt etwas anfangen muss. Ich durfte studieren, ich habe ein ordentliches Einkommen. Was mache ich daraus? Wie wende ich das so an, dass es meinem Land hilft.

Bei den Ausbrüchen von Gewalt gegen Immigranten: Wer ist daran schuld?

Alle und niemand. Wenn Sie so behütet aufgewachsen sind, wie das bei Ihnen wahrscheinlich der Fall gewesen ist: Können Sie sich vorstellen, so arm zu sein wie manche der Menschen in Afrika?

Kaum.

Versuchen Sie es. Stellen Sie sich vor, Sie haben nichts. Gar nichts. Sie wissen nicht, ob Sie am nächsten Tag etwas zu essen haben werden. Sie finden keinen Job, obwohl sie überall danach suchen. Sie haben keine Ausbildung. Sie mussten die Schule schmeißen, weil Ihr Vater plötzlich verschwunden ist. Ihre Mutter kann die Familie nicht ernähren. Und nun kommt jemand aus einem anderen Land in Ihres und macht einen Job, den Sie auch gern hätten, für noch weniger Geld. Würden Sie sagen: Hey, nimm den Job, alles klar, ich hungere noch ein paar Wochen? Und nun versetzen Sie sich einmal in den anderen. Er kommt aus einem afrikanischen Land, wo es den Leuten noch schlechter geht. Er will überleben und seiner Familie Geld schicken. Er hat gehört, in Südafrika gebe es Jobs, also macht er sich auf diese schreckliche Reise, auf der er fast an Hunger und Durst stirbt. Er ist bereit für quasi nichts zu arbeiten, denn er hatte nie etwas. Und wenn er zehn Rand in der Stunde verdient, ist das mehr, als er je zuvor besaß. Geben Sie ihm die Schuld, für das was er getan hat? Sagen Sie es mir. Ich kann es Ihnen nicht sagen.

Rechtfertigt eins der beiden Schicksale, den anderen zu töten?

Warum fragen Sie mich das? Wir beiden Privilegierten sitzen hier und sagen: Natürlich darf man nicht töten! Aber wir waren niemals in so einer Situation.