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Interview mit US-Autor Michael Chabon: "Geschichte ist nichts Zwangsläufiges"

Der Messias nimmt Heroin, Israel gibt es nicht, und die Juden leben in Alaska. In seinem Roman "Die Vereinigung jiddischer Polizisten" verdreht Michael Chabon die Wirklichkeit und kommt ihr dadurch ein Stück näher. Ein Gespräch über Ängste, Klischees und das Bedürfnis nach erfundenen Welten.

Herr Chabon, Israel feiert gerade sein 60-jähriges Bestehen - und Sie kommen mit einem Roman, der eine Welt ohne Israel zeigt: Ihre Juden leben seit 60 Jahren in Alaska, sie sprechen Jiddisch statt Hebräisch und essen gern Krautwickel. Wollten Sie dem Staatsjubiläum etwas entgegensetzen?

Mag sein, dass mein Verlag den Jahrestag im Kopf hatte, aber meine Idee für den Roman entstammt einem antiquarischen Buchladen. Vor Jahren habe ich beim Einkaufen einen Reiseführer aus den 1950er Jahren entdeckt. Der hat den ebenso schönen wie absurden Titel "Sag es auf Jiddisch". Alles steht da drin, das komplette Urlaubsvokabular: "Wie komme ich zum Flughafen?" oder "Wo bekomme ich eine Armbinde?" Mit dem kleinen Unterschied, dass es kein Land gibt, in dem man diesen Reiseführer benutzen könnte. Darum habe ich mir das Land zu dieser Sprache ausgedacht.

Und Alaska war besonders naheliegend?

Nach dem Zweiten Weltkrieg war man recht kreativ bei der Frage, wo man die Juden aus Europa hinschicken soll. Madagaskar war ein Plan. Alaska ein anderer. Wie viele andere war auch dieser Plan nur als vorübergehende Lösung gedacht. Das Faszinierende für mich ist: Solche Pläne zeigen, dass Geschichte nichts Zwangsläufiges ist. Dass der Zufall eine große Rolle spielt. Wenn ein paar Dinge anders gelaufen wären, hätte es Israel vielleicht nie gegeben. Oder es hätte sich anders entwickelt. Und diese Welt wollte ich mir vorstellen.

Dafür wurden Sie in Amerika als judenfeindlich kritisiert...

Das hatte, denke ich, in erster Linie politische Gründe. Ich unterstütze den Wahlkampf von Barack Obama. Als Jude weiß ich, wie leicht es ist, vor Antisemitismus Angst zu haben. Und ich weigere mich, Angst zu haben. Denn Extremismus, egal, von welcher Seite er kommt, lebt von der Angst, die er schürt. Was die Existenz Israels angeht: Ich fürchte, sie ist notwendig.

Was genau meinen Sie mit "fürchten"?

Meine Frau ist dort geboren, und ich liebe das Land, aber meine Gefühle sind ambivalent. Israel ist der Platz, an dem die Juden in Sicherheit sein sollen. Das beschwört immer auch das Element des Bedarfs herauf. Für amerikanische Juden, für Juden überall auf der Welt, ist Israel eine Erinnerung an den Ernstfall. Und darüber denken wir lieber nicht nach. Sonst würden wir ja alle dort leben.

Im Kern ist Ihr Roman ein Krimi - mit ungewöhnlicher Handlung allerdings: Das Mordopfer ist ein homosexueller Junkie mit messianischem Potenzial. Dazu gibt es Banden mafiös organisierter, geldgieriger Religionsfanatiker.

Ja. Und?

Hatten Sie keine Angst, antisemitische Stereotype zu bedienen?

Ich weiß nicht, was das sein soll: Stereotype. Es gibt nun mal viele geldgierige, hässliche, verbrecherische Menschen - auch unter Juden. Natürlich hat das einigen Kritikern nicht gefallen. Als Jude solle man gegenüber Nichtjuden keine schmutzige Wäsche waschen, lautet ein gängiger Vorwurf. Diese Kritik hat gegenüber jüdisch-amerikanischen Schriftstellern jedoch fast schon Tradition. Philip Roth wurde in ähnlicher Weise beschimpft. Ich befinde mich also in guter Gesellschaft und habe beschlossen, diese Kritik als Kompliment zu nehmen.

Anders gefragt: Meinen Sie, ein Nichtjude hätte diesen Roman ebenso schreiben können?

Können schon. Aber hätte er das gemacht? Die Motivation für den Roman kommt unmittelbar aus meinem Jüdischsein. Aus der Familie. Ich wuchs mit Großeltern auf, die Jiddisch sprachen. Eine Sprache, die eine unheimliche Präsenz hatte. Unheimlich im Sinne von gruselig: Als Kinder merkten wir, dass unsere älteren Verwandten die jiddische Sprache und Kultur liebten, zugleich aber auch sehr schmerzhafte Erinnerungen damit verbanden. Das ist wie ein Relikt aus alten Zeiten - der Zeit vor dem Holocaust. Wie ein bedrückendes Familiengeheimnis. Und in mir ist der Wunsch gewachsen: Ich möchte diese Kultur kennen, die es nicht mehr gibt. Diesen Wunsch würde ein Nichtjude vermutlich nicht spüren.

"Es sind seltsame Zeiten für Juden" heißt ein Satz, der im Roman mehrmals wiederkehrt.

Dieser Satz ist, glaube und fürchte ich, immer wahr. Gut, vielleicht ist es immer seltsam, ein Mensch zu sein. Aber für Juden hat das eine besondere Qualität. Juden sind traditionell Fremde, egal, wo sie leben. Es war immer eine prekäre Situation für Juden, auch wenn sie erfolgreich und gut in der Mitte einer Gesellschaft gelebt haben. Wie im Spanien des 11. Jahrhunderts beispielsweise, wie in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg oder wie jetzt in Amerika. Eine Existenz, die immer auf der Kippe steht.

Sie sind Jahrgang 1963, in den USA geboren und aufgewachsen, erfolgreich und angesehen. Trotzdem fühlen Sie sich fremd?

Nicht im alltäglichen Leben. Diese Periode in Amerika ist die beste, die Juden je erlebt haben. Aber auch meine Generation ist mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass diese Sicherheit jederzeit enden könnte. Die Juden fühlten sich damals in Deutschland genauso sicher, wie ich mich heute in Amerika fühle.

Sie sagten anfangs, dass Sie sich weigern, Angst zu haben - ist das nicht ein Widerspruch?

Sich einer Unsicherheit bewusst zu sein ist etwas anderes, als Angst zu haben. Angst ist im gegenwärtigen Amerika ein Problem, weil man zum einen erkannt hat, dass man mit Angst das Verhalten der Leute kontrollieren kann. Zum anderen eignet sich Angst hervorragend dazu, Produkte zu verkaufen. Den Leuten wird gesagt, dass es gefährlich ist, rauszugehen, dass man seine Nachbarn beobachten soll, dass es überall Krankheiten und Schlimmeres gibt. Kinder werden nicht mehr zum Spielen rausgeschickt, weil den Eltern gesagt wird: zu gefährlich. Aus Verkäufersicht ist das sinnvoll: Wenn Kinder drinnen bleiben, konsumieren sie mehr Produkte oder machen Dinge, für die man Eintritt bezahlen muss. Statistisch gesehen, ist es heute nicht gefährlicher als früher. Das ist nur die Wahrnehmung, und die ist beeinflussbar.

In Frankreich und Deutschland wurde dieses Jahr das Buch "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell diskutiert. Beeinflusst die Fiktionalisierung des Holocaust nicht auch die Wahrnehmung?

Das war eine Frage, die ich mir selbst beim Schreiben auch immer wieder stellte. Littells Buch habe ich noch nicht gelesen, aber für mich bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich mich nicht damit wohlfühlen würde, eine Geschichte zu schreiben, die sich deutlich an den historischen Tatsachen orientiert. Wir haben so viele Dokumentationen und Zeitzeugenberichte über diese Zeit. Generell bin ich aber dagegen, irgendeine Form von Fiktion zu verbieten.

Was meinen Sie, wie sich künftige Generationen an den Holocaust erinnern werden, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt?

Das können wir uns, glaube ich, nicht vorstellen. Aber sobald die Zeitzeugen gestorben sind, wird sich die Fiktion den Weg bahnen, das ist unvermeidlich. Menschen brauchen Geschichten, um die Welt zu begreifen.

Auch Geschichten wie das Heldenepos um General Stauffenberg, das gerade in Hollywood gedreht wird?

Das versuchte Hitler-Attentat ist ein berühmtes Kapitel im Zweiten Weltkrieg. Aus Hollywood-Sicht also eine gute Geschichte. In der Diskussion darüber sollte allerdings klar werden: Es ist ja nur ein Film. Hollywood möchte immer das letzte Wort haben. Da muss man aufpassen.

Interview: Andrea Ritter