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Pfarrer Christian Führer: Abschied einer Wende-Ikone

Kerze als Waffe: Der Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche initiierte die Montagsdemonstrationen an und wurde zur Ikone der friedlichen Revolution im Wende-Herbst 1989. Nun tritt Christian Führer ab. An Ruhestand will der 65-Jährige trotzdem nicht denken.

Von Thomas Matsche

Am Abend des 9. Oktober 1989 war die DDR nicht mehr dieselbe wie noch am Morgen. 70.000 Menschen liefen an diesem historischen Herbsttag mit einer Kerze "bewaffnet" entlang des Leipziger Innenstadtrings und bildeten damit die bis dahin größte unangemeldete Demonstration der DDR. Vorher hatten sich 2400 von ihnen in der Nikolaikirche zusammengefunden und dort den wichtigsten Grundsatz der unblutigen Revolution in der DDR formuliert: Keine Gewalt. Pfarrer Christian Führer wurde in diesen Tagen zu einem wichtigen Hoffnungsträger der Menschen. Auch wenn der 65-Jährige mit dem schwarzen Lederkoffer und der Jeansweste das immer nicht hören will. Heute geht Christian Führer mit einem letzten Friedensgebet in Rente und hinterlässt seinem Nachfolger übergroße Fußstapfen.

Erich Honecker ließ sich die Kirchen-Aktivitäten persönlich melden

Der lange und breite Flur der Dienstwohnung von Pfarrer Christian Führer ist übersät mit Blumensträußen. Unzählige Glückwunschkarten "für einen erfüllten Ruhestand" sind dieser Tage aus der ganzen Welt eingetroffen. Immer wieder schaut der kleine Mann, der so Großes, historisch Bedeutsames erlebt und mitgeprägt hat, aus dem Fenster. Direkt gegenüber liegt die Nikolaikirche - das symbolträchtige Gotteshaus der friedlichen Revolution in der DDR. In den Tagen um den 9. Oktober 1989 drängten sich hier jede Woche Tausende Menschen, zu 90 Prozent Nichtchristen, in die Kirche. Da das Hauptportal zum damaligen Zeitpunkt renoviert wurde, mussten sich die Menschen durch einen Seiteneingang ins Kircheninnere quetschen. Es gab keine Ordner und nur zwei Toiletten. Die Leute saßen in den Gängen bis ans Sprechpult. Unter ihnen auch viele Spitzel der Staatssicherheit. Jeder, der in der Kirche das Wort ergriff, konnte sicher sein, dass es vom Staat notiert wurde. Erich Honecker ließ sich die Aktivitäten rund um die Nikolaikirche persönlich melden. "Ich erinnere mich an eine alte Frau, die sich mühselig ihren Weg durch die Massen bahnte", erzählt Christian Führer. "Sie war so wütend, wie feige wir in der DDR immer gewesen waren und welchen Mut man aber jetzt hier in der Kirche schöpfen könne." Den brauchte man auch denn vor den Türen hatte die Polizei mehrere Sperrketten gebildet. Lastwagen standen für den Abtransport der Demonstranten bereit. Christian Führer hat deshalb auch immer für die Polizisten gebetet, um bei den Menschen keinen Hass zu schüren. "Wäre der erste Stein geflogen oder Schlimmeres passiert, hätte das Blutvergießen nicht verhindert werden können."

28 Jahre Nikolaikirche

In seiner langjährigen Arbeit als Pfarrer hat sich Christian Führer immer wieder von seinem Vorbild Dietrich Bonhoeffer leiten lassen. Sein Ansatz war: "Wie reden wir religionslos von Kirche"? Sicher auch eine Frage, die man sich in einer konfessionslosen DDR stellen musste, um zu überleben. Heute käme das vielleicht nicht mehr so gut an. Aber Führer sieht die Aufgabe von Kirche darin, auch für andere, also Atheisten, Muslime, Juden da zu sein. "Nicht Thron und Altar sondern Straße und Altar sind die Dinge die zusammengehören", sagt Führer.

In diesem Geiste initiierte er bereits 1981 die Friedensdekade und begann 1982 mit regelmäßigen Friedensgebeten, montags 17 Uhr. Mitte der 1980er kamen immer mehr Menschen zu ihm, die aus der DDR raus wollten. Einen "explodierten Seelsorgefall" hat er das immer genannt, denn Ausreisewillige gab es tausende. 28 Stasi-Leute waren folglich auf Christian Führer angesetzt. Nach der Wende waren es die Arbeitslosen, denen er in einer Erwerbsloseninitiative geholfen hat. Zu Beginn des Irakkriegs ging er erst mit 18 dann mit 45.000 Menschen auf die Straße.

Resümee und Aussicht

"An Vereinigung der beiden 'Deutschländer' war zum Zeitpunkt der Wende nicht zu denken", erzählt Führer "aber es war trotzdem eine historische Chance, die man nutzen musste". Ein paar Sachen hätte man aber doch anders machen müssen. Christian Führer hätte gerne den 9. Oktober als Wiedervereinigungstag gehabt. "Am 3. Oktober war doch nichts." Außerdem hätten dem wiedervereinigten Land ein neuer Name und eine neue Hymne gut zu Gesicht gestanden aber dafür hätte man aber wohl mehr Zeit gebraucht, die offensichtlich nicht da gewesen ist. Die Verantwortung für das "Schiff" Nikolaikirche abzugeben, empfindet Führer nach fast 30 Jahren als große Entlastung. An Ruhestand will er aber noch lange nicht denken. Demnächst wird Christian Führer eine Stiftung für den 9. Oktober 1989 mitgründen und mit Hochdruck an einem Buch arbeiten. "Es soll eine Mischung aus Autobiografie und Sachbuch werden und im Ullstein Verlag erscheinen". Pünktlich zum 20. Jahrestag des Wendeherbstes 2009 soll es auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt werden.