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Leipzig: Auf geht's zum "Drallewatsch"

Der Sachse macht in Leipzig einen drauf. Schon Goethe und Luther, Bach, Putin und Angela Merkel fühlten sich hier zu Hause. Die Stadt, mal oben, mal unten, kommt wieder auf die Beine.

Von Wolf Thieme

Schon beim Vorbeifahren gestutzt. Ein Raumschiff auf dem Dach der Galerie für Zeitgenössische Kunst? Ein übergroßer Fernseher? American Diner? Also nichts wie rein als Gast ins Ein-Zimmer-Hotel "Everland" und zwischen türkisfarbener Auslegware, hellblauen Mosaiken und Skaisofas der 70er Jahre eine Scheibe Dire Straits aufgelegt. Regler rauf. Es dröhnt "Telegraph Road", draußen leuchten fast unwirklich Rathausturm, Uni-Hochhaus und die Kuppel des Reichsgerichts. Hinter der Panoramascheibe wirkt Leipzig wie ein Kunstobjekt, sogar der Plattenbau gegenüber. Noch eben alle Lichter an in den Wohnwaben, um Mitternacht alles dunkel, morgens wieder hell. Ameise Mensch.

Normalität statt Größenwahn

Ein Schweizer Künstlerpaar hat das bewohnbare Projekt "Everland" entworfen, per Kran auf die Plattform hieven lassen und wird es Anfang August wieder abholen, schade. Leipzig könnte mehr kreative Köpfe gebrauchen, damit es weiß, wohin es will, nachdem - so Björn Achenbach von der Stadtzeitschrift "Kreuzer" - "die überdimensionierten Metropole-Träume der Nachwendezeit geplatzt sind und nun Normalität statt Größenwahn angesagt ist". Voll sind Cafés und Kneipen, ein neues Messegelände ist gebaut, der üppig dimensionierte Flughafen, der Kurierdienst DHL wird sich zu den Investoren von BMW und Porsche gesellen - schon fragt der "Kreuzer": Ist Leipzig über den Berg?

"Nein", sagt der Schriftsteller Erich Loest zu Hause im Stadtteil Gohlis, "denn die bürgerliche Seele der Stadt wurde zerstört, und die Juden sind verjagt." Es fehlen Mäzene und Sponsoren der Oberschicht: 15000 denkmalgeschützte Bauten - 2000 mehr als in ganz Schleswig-Holstein - wollen saniert, erhalten, bewohnt werden, Lofts und Gründerzeitetagen. Leipzig, 1930 nach Berlin, Hamburg und München viertgrößte deutsche Stadt, ist mit heute 500 000 Einwohnern zu groß fürs Schattendasein und zu klein für Karrieremacher. Ex-Gewandhauschef Kurt Masur dirigiert längst weltweit, und selbst OB Wolfgang Tiefensee machte die Mücke kurz nach der Wiederwahl, ärgerlich. Diskussion in den Gewölben der Moritzbastei. Zukunft Leipzig. "Bach rauf oder den Bach runter?" Die Marketingstrategen setzen auf eine Musikstadt Leipzig, denn Bach, Mendelssohn Bartholdy, Schumann wirkten hier. Vielleicht hält das Etikett länger als die anderen. Messestadt. Bücherstadt. Heldenstadt. Autostadt. Und Sportstadt - na, besser nicht nach der geplatzten Olympiabewerbung und den Hooligans vom 1. FC Lok.

In jedem Viertel ein anderes Gesicht

Dresden hat Frauenkirche und Elbpanorama, in Leipzig wird einem tatsächlich der Hauptbahnhof empfohlen, größter Kopfbahnhof des Kontinents und sicher wetterfester als Mehdorns Glaspalast in Berlin. Aber da muss doch mehr sein? Gehen wir auf den Drallewatsch, wie es in sächsischer Klangfülle heißt, auf den Bummel durch Höfe und Gassen, zu alten Fabriken und neuen Bauten. In jedem Viertel zeigt Leipzig ein anderes Gesicht. Ziehen wir erst mal einen großen Kreis vom Hauptbahnhof, das ist der Ring, der die Altstadt umschließt. Drinnen der Markt, die Messebauten und Passagen, Nikolai- und Thomaskirche mit der Kifferwiese. Thomanerchor und Friedensgebete zur Wendezeit, Jugendstil- und Gründerzeithäuser mit ihrem bürgerstolzen Fassadenschmuck: Geschichte pur, Aufschwung Ost, jedes Klischee passt.

Die halbe Innenstadt hat der Inmobiliengaukler Jürgen Schneider nach der Wende zusammengerafft, Sahnestücke wie die Mädler-Passage und Barthels Hof, ältestes erhaltenes Handelsgebäude der Stadt, in der DDR-Agonie wegen Einsturzgefahr gesperrt und nun prachtvoll saniert. Man läuft und traut den Augen nicht: Das Gebäudeensemble Trifugium reckt stolz das Haupt, als hätte es nie ohne Dach gestanden, die Nikolaischule, zum Teil schon weggesackt, wie einst im Mai, und auf dem einst öden Sachsenplatz prunkt das Museum der Bildenden Künste, ein Glasquader dort, wo vor dem Krieg das Rotlichtviertel mit dem Goldhahngässchen war.

Verflogen ist der Braunkohledunst, und Leipzig ist wieder, wie schon im Mittelalter, eine Stadt zum Flanieren und Handeln inmitten sächsischer Emsig- und Geschwätzigkeit. Messen brachten stets fremdes Volk in die zunehmend reiche Stadt, Luther und Goethe, Kaufleute, Professoren, Betrüger, Prostituierte; Verlage wie Reclam, Brockhaus, Duden, Baedecker blühten. Am Brühl saßen die jüdischen Pelzhändler und Kürschner, wurde Richard Wagner geboren und mit Lassalle, Liebknecht und Bebel die deutsche Sozialdemokratie erfunden. Bei der Völkerschlacht vor den Toren der Stadt, 90 000 Tote, zerbrach Napoleons Macht und mit den Montagsdemonstrationen die der DDR, ausgerechnet in Walter Ulbrichts Heimatstadt, in der auch eine Angela Merkel Physik studierte und KGB-Resident Putin die Augen offen hielt.

Am Augustusplatz reißen Bagger die Uni-Gebäude ein, einst Kaderschmiede des Spitzbarts mit der Fistelstimme. Sozialistische Aufbruchstimmung mit Karl-Marx-Denkmal und einem Wandgemälde des DDR-Stars Werner Tübke, "Arbeiterklasse und Intelligenz", beides derzeit eingelagert mit ungewissem Schicksal. Der Studentenrat teilt mit, er möchte die Reliquien in den Neubau integriert sehen, Dichter Loest, Ehrenbürger der Stadt, ärgert sich über den "bildhaften Triumph der SED über die Universität" und erinnert an vertriebene Professoren wie Hans Mayer und Ernst Bloch oder inhaftierte Studenten.

Sachsen sind verträglich und keine Anhänger der Streitkultur, weil sie fast alle ihre Kriege verloren haben, nur Christian Führer von St. Nikolai hat so was Lutherisches, "Hier stehe ich", er hat Honi und Stasi getrotzt und ist doch nie mehr als ein kleiner Gemeindepfarrer gewesen, nächstes Jahr geht er in Rente. Friedlich sieht der Nikolaikirchhof aus, wo kurz vor der Wende die Stasi auf Demonstranten losging, aber noch heute staunt Pfarrer Führer über "ein Wunder biblischen Ausmaßes, dass Menschen, die ohne Religionsunterricht aufgewachsen sind, inmitten einer militant atheistischen Gesellschaftsordnung den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt durchbrochen haben". Kerzen hat er seinen Demonstranten in beide Hände gedrückt, damit sie keine Knüppel halten oder Steine werfen konnten. Wenn der Pfarrer Führer erzählt, werden die dramatischen Tage von Leipzig noch einmal lebendig, die 1982 mit Friedensgebeten anfingen und die Kirchen füllten, wo die Menschen Kraft tankten und ihre Angst überwanden, während draußen die Stasi Personalien notierte und Personen "zuführte", bis es der Demonstranten zu viele wurden, 70.000 am berühmten 9. Oktober 1989, hätte man die alle festnehmen sollen? "Die haben uns anfangs unterschätzt", sagt Führer. Wenn er heute durch die renovierte Stadt geht, muss er an die Lkws der Staatsmacht denken, die schon vormittags an den Ecken auf die Verhafteten warteten - "und heute wissen die Jungen nicht mal, was die DDR war".

Hier ist die Neue Leipziger Schule zuhause

Spazieren in Leipzig. In die Südvorstadt, Leipzigs Schwabing und fast schon genauso arriviert? Oder Richtung Osten, Eisenbahnstraße, wo blinde Fensterhöhlen daran erinnern, dass von den sanierten Gründerzeitwohnungen jede vierte leer steht und von den unsanierten fast drei Viertel? Da wird noch vieles zusammenfallen. Hier weht die kalte Wirklichkeit, während durch die Innenstadt ein Großkotz-Bahntunnel gegraben wird, von dem man heute nicht mal weiß, was er außer einer S-Bahn aufnehmen soll. Dann doch lieber raus nach Plagwitz und Lindenau, im Volksmund einst "Piependorf". Hier liegen die Backsteinfabriken des Prekariats, die daran erinnern, dass Leipzig eine Industriemetropole war wie Berlin. Die Luft brennt auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei, wo sich zur Kaiserzeit 240 000 Spindeln drehten, denn hier ist die Neue Leipziger Schule zu Hause, von der sie weltweit reden, begeistert in New York, eher neidisch ("Kitsch") in Westdeutschland.

Keine 200.000 Euro für einen Neo Rauch zur Hand? Würde sowieso nichts nützen, Museen und Kunstsammler reihen sich auf der Warteliste. Die Neue Leipziger Schule, ein Hype, ein Trend, dabei gab es noch 1996 so gut wie keine Nachfrage, sagt der Maler Tom Fabritius, der auf dem Areal sein Atelier hat, einer von 100 Künstlern, die keineswegs alle gleich malen, wie Kritiker der Neuen Leipziger Schule suggerieren. Die Hochschule für Grafik und Buchkunst war schon zu DDR-Zeiten ein Hort fürs Gegenständliche, aber bald nach der Wende sollte auch die Schule gewendet werden. Medienkunst statt der Maler mit Rotwein und Fellwesten. "Das Handwerkliche des Zeichnens ist als Lehrprinzip gegen den erbitterten Widerstand neu berufener Professoren zum Glück bis heute erhalten geblieben", sagt der Hotelier und Sammler Professor Klaus Eberhard, der schon von 1990 an Neue Leipziger Schule kaufte und heute die Wände seines Hauses mit berühmten Namen schmücken kann. Wäre die Begeisterung in den USA für "The hottest thing on earth" ("New York Times") nicht gewesen und nicht auch der Wessi des Abstrakten müde, nie wären Rauch & Co. in die Galerien und zu Sotheby's oder Christie's vorgedrungen.

Heute jonglieren Kunstsammler weltweit mit Namen wie Rosa Loy, Matthias Weischer, Michael Triegel, Christoph Ruckhäberle, Tim Eitel, und weil die Stars der Szene gar nicht so schnell malen können, wie ihnen die Bilder aus den Händen gerissen werden, machen sich die Galeristen schon früh an die Studenten heran, "wenn ich nicht, dann ein anderer", sagt Galerist Matthias Kleindienst. Wer nach dem Vordiplom keine Galerie gefunden hat, sei arm dran, witzelt Maler Fabritius.

"40 Jahre sind nicht aufzuholen"

"Natürlich ist der Markt überhitzt", sagt Sammler Eberhard, "Leute bezahlen im Voraus Bilder, ohne zu wissen, was sie in drei Jahren bekommen." Auch wenn der Rausch verfliegt - "von den heutigen Namen, die gerade Furore machen, bleiben sicher zehn bis zwanzig, die ihren Stellenwert behalten". Ein Abend im Museum der Bildenden Künste. Die Gäste stehen in kleinen Gruppen zusammen, die einen sprechen sächsisch, die anderen nicht. Nicht nur hörbare, sondern auch sichtbare Distanz. Auch Erich Loest bedauert "die absolute Trennung zwischen den Wessis und den Eingeborenen. Die leben hier nebeneinander her. 40 Jahre sind nicht aufzuholen." Leipzig, bunt und munter wie keine andere ostdeutsche Stadt, wird sich arrangieren. Manchester-Kapitalismus und fast jeder Fünfte arbeitslos. Wird schon werden. Der Sachse, sagt Loest, sei nun mal fischeland - helle, wendig und pfiffig. "Trauernde Rückschau", hat der Pfarrer Führer gesagt, "erzeugt Bitterkeit." Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt.

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