Nationalfeiertag Nachdenken über die Nation


Seit 1990 wird der "Tag der Deutschen Einheit" - von beiden deutschen Staaten im Einigungsvertrag festgelegt - am 3. Oktober gefeiert. Dieses Datum will weder in Ost noch in West bei den Bürgern so recht ankommen.

Knapp 15 Jahre nach dem Fall der Mauer hat sich Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erneut für ein Nachdenken über einen deutschen Nationalfeiertag eingesetzt. "Nicht der 3., sondern der 9. Oktober wäre dafür ein geeignetes Datum", sagte Thierse in der ersten Septemberwoche in Leipzig bei einer Podiumsdiskussion über die friedliche Revolution von 1989. Mit dem 9. Oktober hätte vor allem auch der Beitrag der Ostdeutschen zur deutschen Geschichte gewürdigt werden können, erläuterte der SPD-Politiker.

Am 9. Oktober 1989 hatten rund 70.000 Menschen in Leipzig friedlich gegen das DDR-Regime protestiert. Ein angesichts der aufgezogenen bewaffneten Kräfte von Polizei, Armee und Betriebskampfgruppen von vielen erwartetes Blutbad blieb aus. Nach Thierses Erinnerung hat die "entschlossene Friedfertigkeit" der Leipziger Montagsdemonstranten damals die SED-Führung derartig irritiert, dass sie nicht mehr wusste, was sie tun sollte.

"An jenem Tag saß die gesamte DDR in der Nikolaikirche"

Auch der Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, Christian Führer, sprach sich für den 9. Oktober als geeigneten Tag aus, an dem an die Vorgänge im Wendeherbst und die sich daraus ergebende deutsche Einheit erinnert werden könnte. "An jenem Tag saß die gesamte DDR in der Nikolaikirche", fand Führer ein überzeugendes Bild. Der 9. Oktober sei zum Tag des Volkes und der Gewaltlosigkeit geworden, unterstrich Führer. Weder in Ost noch in West hätten an jenem Tag Politiker ihre Stimme erhoben. Zur Erheiterung des Publikums im ehemaligen Kinosaal der Stasi-Bezirksverwaltung Leipzig fügte der Pfarrer hinzu: "Stellen Sie sich vor, Politiker sollen einen Tag feiern und Reden auf ihn halten, an dem sie gar nicht da waren".

Der Grünen-Abgeordnete Werner Schulz kritisierte ebenfalls, dass der 3. Oktober als "Tag der Deutschen Einheit" begangen wird. "Der Tag wird als Feiertag, als Nationalfeiertag von den Menschen doch gar nicht wahrgenommen", sagte Schulz. Den 9. Oktober jedoch hielt er ebenfalls nicht für geeignet. "Dieser Tag hat sicher für Leipzig eine besondere Bedeutung, in Rostock, Berlin oder Schwerin und anderen Städten der DDR gibt es jeweils andere Tage", erläuterte er. Schulz sprach sich für den Tag der Maueröffnung, den 9. November, als Nationalfeiertag aus. "Als deutscher Schicksals- und Gedenktag wäre er es wert, gefeiert zu werden", sagte der Politiker.

Unterstützung erhielt Schulz von Paul Oestreich. Der in England lebende Geistliche meinte auch, dass man den 9. November durchaus als Nationalfeiertag begehen könnte. "An dem Tag wäre es möglich, zum Beispiel in den Schulen die gesamte deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erzählen", so Oestreich. Auch wenn sich die Reichspogromnacht, in der die "schlimmste Verfolgung der Juden" in der Geschichte begonnen habe, ebenfalls am 9. November ereignet hätte, könne man dies zum Anlass des Gedenkens und Erinnerns nehmen.

Feier mit Köhler und Schröder

Zum zentralen Fest am Tag der deutschen Einheit erwartet Thüringens Landeshauptstadt Erfurt bis zu 300.000 Gäste. Nach Angaben der Staatskanzlei werden neben Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder unter anderem CDU-Chefin Angela Merkel, der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering sowie mehrere Ministerpräsidenten zum Festakt kommen. Voraussichtlich wird der Bundespräsident auch zum Stand der deutschen Einheit Stellung nehmen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verließen im vergangenen Jahr 155 400 Menschen Ostdeutschland gen Westen. Die Abwanderung hat sich damit abgeschwächt. 2002 hatten 176 700 Menschen den neuen Ländern den Rücken gekehrt.

Die Besucher erwartet ein großes Angebot an Informationen und Unterhaltung in der Erfurter Innenstadt. Alle Bundesländer präsentieren sich: Baden-Würtemberg macht eine Zeitreise in das Leben bei Hofe, Bayern zeigt oberfränkische Bierkultur, Berlin einen Spree-Strand, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz präsentieren sich als Reiseland, Bremen und das Saarland kulinarisch. Hamburg zeigt sich als Luftfahrtstandort, Hessen mit Rheingauer Wein, Niedersachsen von der sportlichen Seite. Nordrhein-Westfalen feiert eine "Einheitsfete", Sachsen zeigt sich mit Porzellan, Sachsen-Anhalt mit der Gastgeberin 2005 Magdeburg, Schleswig-Holstein setzt auf das Meer und Thüringen auf Technik und Bratwurst. Erstmals ist auch ein Europazelt mit den zehn neuen EU-Staaten dabei.

Organisatoren von Protesten gegen die Arbeitsmarktreform aus ganz Deutschland planen in Berlin ein politisches Kontrastprogramm zu den Einheitsfeiern. Für Samstag haben sie zu Protesten unter dem Motto "Soziale Gerechtigkeit statt Hartz IV - Wir haben Alternativen" in der Bundeshauptstadt aufgerufen.

Jörg Aberger/AP AP

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