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Nikolaikirche: Vopos gegen Wachskerzen

Nach einem Gottesdienst in der Leipziger Nikolaikirche am 9. Oktober 1989 demonstrierten 70.000 Menschen gegen das SED-Regime. Die Staatsmacht griff nicht ein. Das Ende der DDR nahm seinen Anfang.

Für 130 "Abweichler" war die Nikolaikirche in Leipzig schon 1981 die Rettung. Hier konnten sie erstmals ohne Zensur aussprechen, was sie dachten. Für den damaligen und heutigen Pfarrer Christian Führer eine "Stunde der Befreiung". Damals entschied die Kirchgemeinde, die Türen des Gotteshauses an 365 Tagen im Jahr für mehrere Stunden und für alle zu öffnen. "Unsere Schwelle ist ganz niedrig - für Rollstuhlfahrer und Atheisten", sagt Führer, dessen Kirche als Symbol der friedlichen Revolution gilt. Von 1985 an prangte über dem Eingang der Spruch "Nikolaikirche - Offen für alle".

"In der Kirche ist die Macht des Staates zu Ende"

Das Gebäude wurde lange vor dem öffentlichen Protest zum Ort der Freiheit, auf den kein staatlicher Zugriff möglich war. "In der Kirche ist die Macht des Staates zu Ende", sagt Führer. Montägliche Friedensgebete etwa für die polnische Solidarnosc-Bewegung wurden seit September 1982 zur Tradition. "Zunächst waren es nur wenige, 1988 immer mehr, vor allem traf sich die große Gruppe der Ausreisewilligen hier", erzählt Führer. Dabei gab es weitere Anlässe für stummen Protest wie Verhaftungen von Bürgerrechtlern wie Stefan Krawczyk, Freya Klier oder Bärbel Bohley.

Anderthalb Jahre vor der Wende kamen etwa 100 Menschen täglich zum Fürbittgebet für Inhaftierte, die mit dem Luxemburg-Zitat "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden" am Gedenken für die Politikerin teilgenommen hatten. Am 19. Februar 1988 versammelten sich 600 Ausreisewillige in der Kirche, Anfang Mai 1989 trugen rund 1000 Menschen ihren Protest gegen die Fälschung der Kommunalwahlen aus dem Kirchgebäude hinaus. Sie gingen durch von Polizei abgesperrte Zufahrtswege zum Friedensgebet. "Wir waren keine Helden. Wir hatten Angst, aber der Glaube war größer als die Angst", sagt Führer.

"Je mehr die machten, desto mehr Leute kamen in die Kirche." Im Januar hatten sich rund 500 Menschen zu einer ersten ungenehmigten Demonstration gegen das SED-Regime auf dem Hauptmarkt versammelt. Die Gegensätze zwischen Volk und DDR-Staat waren in den Monaten zuvor angesichts der Reformpolitik des sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow immer deutlich geworden. Immer mehr Bürger kehrten sich von der staatlich verordneten Politik ab.

Beginn der Montagsdemonstrationen

Nach der Fluchtwelle von DDR-Bürgern über die bundesdeutschen Botschaften kommt es am 4. September 1989 erstmals nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche zu einer Menschenansammlung auf dem Vorplatz - der Beginn der Montagsdemonstrationen. Etwa 1000 Menschen fordern "Stasi raus" und "Reisefreiheit statt Massenflucht". Danach kommen jeden Montag mehr und mehr Bürger, die von den Sicherheitskräften beobachtet und behindert werden. So versuchen Stasi und Polizei am 11. und 18. September mit brutaler Gewalt und Verhaftungen weitere Ansammlungen zu verhindern.

Sieben Tage später sind etwa 8000 Menschen auf der Straße, die Sicherheitsbehörden überfordert. Als am 2. Oktober etwa 20 000 Menschen durch die Stadt ziehen, kommt es erneut zu brutalen Ausschreitungen. Eine Woche später wird in Kirchen und Stadtfunk zu Gewaltlosigkeit aufgerufen. An diesem 9. Oktober ziehen trotz großer Angst vor einem Schusswaffeneinsatz über 70 000 Menschen über den Innenstadtring. Statt "Wir wollen raus!" skandieren sie "Wir bleiben hier!", "Wir sind das Volk", "Keine Gewalt" und "Freiheit, freie Wahlen" und fordern Meinungsfreiheit und politische Reformen.

"Gegen die Kerzen war die Polizei machtlos"

Rund 8000 bewaffnete Volkspolizisten, Angehörige der Kampfgruppen und Soldaten der Nationalen Volksarmee standen bereit, um den Aufstand des Volkes gegen die Machthaber gewaltsam zu zerschlagen. Aus Dresden, wo am Vorabend eine Eskalation verhindert wurde, kommt die Botschaft, dass es ohne Gewalt geht. In Leipzig bleibt der Einsatzbefehl für die Vertreter der Staatsmacht aus. Fast erleichtert legen junge Männer in Uniform die Waffen ab. "Das war der alles entscheidende Tag. Sonst hätte ein Massaker wie auf dem Platz der himmlischen Friedens in China gedroht", meint Führer im Rückblick. "Gegen die Kerzen war die Polizei machtlos."

Erik Nebel und Simona Block/DPA / DPA