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Presseschau zum Tod Reich-Ranickis: Ende einer Epoche

Unersetzbar: Die Nachrufe auf Marcel Reich-Ranicki zeigen, welch großen Respekt sich der Literaturkritiker zu Lebzeiten erarbeitet hatte. Eine Auswahl.

Trauer, Bewunderung und Respekt: Mit großer Anteilnahme hat die Presse auf den Tod von Marcel Reich-Ranicki reagiert. Der berühmte Kritiker und Intellektuelle, der über Jahrzehnte hinweg die literarischen Debatten der Nachkriegszeit prägte, starb am Mittwoch im Alter von 93 Jahren nach längerer Krankheit in Frankfurt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Wir werden lesen, und zu Recht lesen, dass mit ihm eine Epoche zu Ende geht. Richtig deuten können wird man lange nicht, was das für eine Epoche war. (...) Dieser Mann war in Verfolgung und Ruhm die Personifikation des zwanzigsten Jahrhunderts. (...) Einen wie ihn werden wir nicht wiedersehen. Es stimmt nicht, dass jeder ersetzbar ist. Manche werden im Tod zur dauernden Abwesenheit, und er ist nun eine solche. Ob die deutschen Autoren, die unter ihm litten, wissen, dass dieser Schmerz eine Art Existenzbestätigung war? Es ist nicht schön, verrissen zu werden. Aber es bedeutet unendlich viel, wenn eine Gesellschaft der Meinung ist, nichts sei gerade wichtiger als das neue Buch von Günter Grass, Martin Walser oder Wolfgang Koeppen.

Die Tageszeitung

Alles, was sich Avantgarde nannte oder vermeintlich unsinnlich auf ihn wirkte, prallte an Reich-Ranicki geradezu lüstern ab. In Zuspitzung und Abwehr war er ein Meister, immer bereit, sich um der Pointe willen dümmer zu stellen, als er war. (...) Nicht ausschließlich subtiler Geschmack, nicht unbedingt ästhetischer Wagemut haben Marcel Reich-Ranickis unglaublicher Karriere den Weg gewiesen, sondern sein schier ungeheurer Fleiß, seine Brillanz und der unbedingte Wille, Einfluss zu nehmen auf das literarische Geschehen in Deutschland, vor allem aber seine polarisierende, geschickt vereinfachende Rhetorik.

Welt

Wie kein zweiter beherrschte er die Dialektik von Lob und Tadel, er konnte hymnische Liebeserklärungen anstimmen und – mit knappem, wohl nicht immer aufrichtigem Bedauern – ungemein nüchterne, zuweilen zynisch formulierte Totenscheine ausstellen. Es liegt in der Natur der Sache und in der menschlichen Natur, dass seine Sammlung "Lauter Verrisse" beim Publikum erfolgreicher war als jene, die "Lauter Lobreden" enthielt.

Süddeutsche Zeitung

Marcel Reich-Ranicki hatte sich, als Jugendlicher schon, ein polnischer Jude im Dritten Reich, wie Heinrich Heine für die Literatur als transportable Heimat entschieden. Im Aufstieg des Kritikers zur höchsten Instanz ds öffentlichen Lebens verwandelte sich diese Heimat in ein Königreich. (...) "Gibt's was Neues?" war eine seiner stehenden Redewendungen. Sie bedeutete auch: Gibt es hier Widerstand? Ist einer da, mit dem man sich streiten kann, und sei es im Scherz, als mutwilliges Geplänkel. Man durfte ihn nicht zu milde anfassen. Er brauchte den Widerstand, Womöglich war dies die einzge Form der Anerkennung, die er wirklich respektierte.

Spiegel online

Literaturkritiker gab und gibt es viele - aber es gab nur einen, der mit pointierten Kritiken ein breites Publikum dazu brachte, sich auch für Autoren zu interessieren, die mit der üblichen Bestseller-Stapelware nichts zu tun haben. Marcel Reich-Ranicki war, ungewöhnlich genug für einen Literaturkritiker, ein Star. Und das, obwohl er sich mit dem Mainstream viel weniger gemein machte, als diejenigen glaubten, die ihm unterstellten, allzu popularitätsheischend zu urteilen. Auch als Star aber ist er immer ein Außenseiter geblieben.

Bild

Er nahm die Literatur ernst, beachtete jedes Wort, jeden Rhythmus- und Sprachwechsel. Schriftstellerei war für MRR kein Job im Reich der Phantasie, sondern Vermessung der Wirklichkeit und Zukunft. Nicht Spinnerei, sondern exakte Wissenschaft. Das ist seine größte Leistung: Zu zeigen, dass Romane und Novellen nicht Flucht aus, sondern in die Wirklichkeit sind. Dass sie das Laboratorium bilden, in dem die Gegenwart und unser Leben gewogen wird. Und dass man sie sehr ernst nehmen muss, ohne darüber die Lust und den Spaß am Lesen zu verlieren.

Frankfurter Rundschau

Dieser Kritiker war nicht nur Anwalt der Leser, er war sein Komplize, sein Tribun und bisweilen auch sein Kumpan. Reich-Ranicki interessierte sein Ansehen unter Schriftstellern ganz zuletzt, auch die akademische Fachwelt war ihm egal – er buhlte um die Liebe des Publikums, das er mit Pointen umwarb und mit einem rhetorischen Wechselbad aus Clownerien, Selbstparodien, mit Aggressivität und Melancholie in Bann hielt. Der Beifall, der auf ihn einprasselte, je älter er wurde, erschien ihm stets aufs Neue wie ein Wunder, denn er war der festen Überzeugung, in Deutschland hasse man die Kritik, hier käme es schlecht an, so polemisch zu streiten, wie er es tat.

Hamburger Abendblatt

Marcel Reich-Ranicki war in all seiner Leidenschaft ein begnadeter Schauspieler und trat stets in der Rolle seines Lebens auf: der des unermüdlichen Kämpfers für eine seriöse und deshalb oft schwierige Literatur, die er einem breiteren Publikum nahezubringen hoffte. So wurde er als Literaturkritiker fast ein Pop-Star. (...) Mit dem Tod Reich-Ranickis stirbt ein Vorbild. So einen wie ihn wird es nicht mehr geben.

cjf