Tibet Die große Traurigkeit hinter dem Lächeln


Hinter dem Lächeln der Tibeter verbirgt sich eine große Traurigkeit - doch das erkennt man erst nach einigen Tagen im größten Hochland der Erde.

Hinter dem Lächeln der Tibeter verbirgt sich eine große Traurigkeit - doch das erkennt man erst nach einigen Tagen im größten Hochland der Erde. Denn egal ob man in Tibet auf Nomaden, Straßenverkäufer, Hotelangestellte oder Landarbeiter trifft, überall schenken einem die Menschen ein freundliches Lächeln.

Fast könnte man den Eindruck gewinnen, als seien die Tibeter ein glückliches und zufriedenes Volk. Doch nicht nur die bittere Armut, die hohe Arbeitslosigkeit, das harte Leben in Höhen um 4000 Meter, sondern auch die chinesische Kontrolle setzen den Menschen arg zu.

Zehntausende von Tibetern starben

1950 begann die schleichende Besetzung Tibets durch die Chinesen. Zehntausende von Tibetern starben im Kampf gegen die Volksbefreiungsarmee, Mönche und Nonnen wurden festgenommen, Hunderte von Klöstern wurden zerstört. Inzwischen sind die Tibeter durch die von Peking angeordnete Ansiedlung von Han-Chinesen längst zu einer Minderheit im eigenen Lande geworden. Offiziell heißt das Gebiet zwar Autonome Region Tibet, in Wirklichkeit aber ist Tibet alles andere als autonom - der Einfluss Pekings ist überall zu spüren.

Bilder des Dalai Lama sind verboten

Am offensichtlichsten wird dies im Potala-Palast in Lhasa, aus dem der 14. Dalai Lama 1959 nach einem erfolglosen Aufstand geflohen ist. Das Kloster ist heute ein Museum. Ein Foto des im indischen Exil lebenden Dalai Lama, den die Tibeter als ihr geistliches und weltliches Oberhaupt ansehen, gibt es nicht - Bilder von "Seiner Heiligkeit" sind in Tibet verboten. Die Pilger, die aus dem ganzen Lande anreisen, werden von chinesischen Soldaten im Potala-Palast kritisch beäugt; von Statuen herunter gerutschte weiße Gebetsschals werden von den Uniformierten oft achtlos in die Ecke geworfen.

Auch in den anderen Klöstern des Landes kontrolliert Peking das religiöse Leben. Einheimische warnen Touristen vor verdeckt arbeitenden "Mönchen", die sich mehr den chinesischen als den buddhistischen Lehren verschrieben haben. "Nehmt Euch vor allem vor jungen Mönchen in acht, die gut Englisch sprechen", sagt ein Reiseführer.

Ein Land im Würgegriff der Geheimpolizei

Auch ein junger Mann in Lhasa warnt. "Keiner weiß, wer ein Spitzel ist und wer für die chinesische Regierung arbeitet." Bei einem Bier erzählt der 22-Jährige, dass er im Alter von 13 Jahren nach Indien geflohen und erst vor kurzem wieder nach Tibet zurückgekehrt ist.

Der junge Mann berichtet von Niedriglöhnen für tibetische Bauarbeiter, die für Cent-Beträge den ganzen Tag lang Sandsäcke schleppen. Er erzählt von den schlechten Beschäftigungs-Chancen für junge Tibeter, wenn sie nicht gut genug Chinesisch sprechen, von der Veränderung der Stadt, in der immer mehr Hochhäuser und blau verglaste Kaufhäuser hochgezogen werden. Die traditionellen Wohnhäuser der Tibeter verschwinden dagegen mehr und mehr aus den Zentren der Städte.

China betont hingegen, dass es ohne Peking noch immer keine ausgebauten Straßen, keinen Farbfernsehgeräte und kein Internet in Tibet geben würde. Doch die Menschen betrachten dies als einen schlechten Tausch. "Es ist verboten, sein Gehirn zu benutzen", sagt der 22-Jährige.

Die Schätze der Gläubigen

Gerade weil die Bilder von Seiner Heiligkeit" verboten sind, hüten die Menschen Fotos des Dalai Lama wie einen Schatz. Eine Familie, die in ihr Haus eingeladen hat, kramt - ängstlich und stolz zugleich - ein Foto hervor. Sie halten den Zeigefinger vor den Mund: "Pst, pst." Sie wissen, dass sie Schwierigkeiten bekommen, wenn das Bild des Dalai Lama bei ihnen entdeckt wird. Immer wieder sprechen Tibeter Touristen auf der Straße an und möchten, in der Hoffnung, ein Bild des Dalai Lama zu sehen, in den fremdsprachigen Reiseführern blättern.

Tibeter kritisieren, dass vor allem die Chinesen von dem Fortschritt profitieren. Unterwegs im Lande sieht man überall Straßenbauarbeiten - die Ingenieure und die Arbeiter sind Saisonarbeiter aus China. "Die Tibeter in den umliegenden Dörfern könnten diese Bauarbeiten auch machen, aber die Chinesen bringen lieber ihre eigenen Leute mit", sagt ein Tibeter resigniert.

Auch viele Führungspositionen sind mit Chinesen besetzt. Eine junge Hotelangestellte in Lhasa sagt in holprigem Englisch und - wie immer - mit einem Lächeln: "Das ist ein tibetisches Hotel, nur die Managerin ist Chinesin - das ist das Problem."

Claudia Steiner/DPA


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