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Workshop Schreiben und Trinken: Saufen, bis die Inspiration kommt - ein Selbstversuch

Dicht, dichter, dichten. Viele Große der Literatur waren auch große Säufer. Doch besoffen schreiben ist aus der Mode gekommen. Ein Workshop in Hamburg belebt die Tradition wieder. Unser Autor trank mit.

Von Mark Stöhr

Trinker

Trinken und schreiben - im Paris der 60er Jahre keine Seltenheit

Sonntagmittag. In Klagenfurt ging der Bachmannpreis gerade an die Lyrikerin Nora Gomringer, als wir in Hamburg unseren ersten Drink schlürften. Gin Tonic. Ein geschmeidiger Startschuss zum Blauwerden. Draußen war es schwül, drinnen stickig. Der Gin nahm den direkten Weg. Bis zum Abend gab es ab jetzt zu jeder vollen Stunde einen Hochprozenter. Dazwischen Bier. Gegen den Durst.

Zugegeben, meine Mutter klang etwas besorgt am Telefon, als ich ihr erzählte, dass ich an einem Schreib- und Saufseminar teilnehme. Trinken am hellichten Tag ist mittlerweile sogar unter Maurern verpönt. Schriftsteller gehen heute joggen und haben Traumbodys wie Fahrradkuriere. So gesehen, war unser Workshop auch eine Reminiszenz an eine Zeit, als Alkoholismus noch "writer's disease" hieß. "Schriftstellerkrankheit".

Hemingway trank 51 Martinis

Faulkner, Fitzgerald, Fontane - alles mordsmäßige Trinker. Baudelaire und Rimbaud – knallten sich mit Absinth voll. Hemingway trank an einem Abend in Paris mal 51 Martinis. Ihr Dichterdasein hatte viel mit Dicht-Sein zu tun. Frei nach der alten Otto-Zeile: "Ist uns auch speiübel, bringt den nächsten Kübel."

Auch Ingeborg Bachmann, die Säulenheilige des berühmten Literaturwettbewerbs, hat gesoffen. Doch was machen die Autoren und Juroren in Klagenfurt Jahr für Jahr? Predigen Wein und trinken Wasser. Wir dagegen pfiffen uns gerade den Rest eines Highballs rein. Scotch and Soda. Ein echter Heißmacher. Ready for Rumspinnen! Wann wird denn eigentlich endlich gedichtet hier?

Noch waren wir nämlich beim theoretischen Teil der Schreiberei. Regelkunde Storytelling. Von dem legendären Animationsstudio Pixar - "Toys", "Findet Nemo", "Ratatouille" - gibt es 22 "rules". Wer die drauf hat, verdient den Titel "Gott der Geschichte". Jörg Ehrnsberger nahm einen kräftigen Schluck von seinem Cascade, irgendwas mit Cranberry, pappsüß. Ich musste mit einem Bier nachspülen, um wieder schmecken zu können. Ehrnsberger war unser Schreibcoach und Vortrinker. Er schreibt selber Geschichten und weiß, wie das geht. Wir nicht. Wir waren alle blutige Anfänger. Aber langsam breit genug, um heute noch poetisch zu werden. 

Doing statt Denken dank Alkohol

"Mit dem Trinken wird eine zusätzliche Schwierigkeit in den Schreibprozess eingebaut", sagt Ehrnsberger über sein ungewöhnliches Format. Dafür fallen andere Hürden: die Scheu vor der schöpferischen Courage, die oft endlose Grübelei. Doing statt Denken dank Alkohol sozusagen. Und der Ort war wie gemacht für unseren Promille Slam: Deichdiele, eine Kneipe im Stadtteil Wilhelmsburg. Vom Zentrum einmal über die Elbe rüber.

Die Flussinsel ist das ewige Sorgenkind der Hamburger Stadtplanung. Ein Schmuddelparadies für die Abgehängten und Rumhänger, auch wenn die Hornbrillen mehr werden. Hier wird noch öffentlich gebechert, bis tatsächlich der Arzt kommt. Wir setzten uns mit unseren Laptops raus vor den Laden und kippten einen Dark & Stormy. Rum mit Ingwerbier. Sausüffig. Ich musste kurz überlegen, wie mein Rechner angeht.

"Wirf die erste Idee weg"

Und dann hat man halt mal so gar keine Idee. Nullkommanull. Neben mir hauten sie in die Tasten, ich guckte nur rum. Mathias Lintl, der Ex-Betreiber des Ex-Clubs Soulkitchen – aus dem Film von Fatih Akin – wuchtete vor uns einen Bierkasten auf den Gepäckträger seines Rads. "Wo geht's hin?" – "An die Elbe, Sandburgen verteidigen." Das ist ein Spiel, bei dem man eine Sandburg baut und sie durch Deicharbeiten vor den Wellen schützt. Stoff für eine Geschichte? Pixar rule #12 sagt: "Wirf die erste Idee weg." Ich guckte weiter.

Ein neuer Dark & Stormy wurde serviert. Jörg Ehrnsberger tadelnd: "Hatten wir schon." Im selben Moment setzte sich R.J. Schlagseite an den Nebentisch, ein lokaler Liedermacher, der eigentlich Ralf Junker heißt. Einziger Vertreter der von ihm gegründeten "Neuen Wilhelmsburger Schule“. Ich wusste gleich: Das ist mein Held. Und so schrieb ich die ersten drei Sätze meiner ersten Kurzgeschichte: "Ich bin M.C. Stirnfrontal und ich schreibe Songs. Gute Songs. Ehrlich gesagt, kenne ich keine besseren." M.C. Stirnfrontal hat nur ein Problem: Er bleibt manchmal auf a-moll hängen. Wie eine Platte, die springt. Er kann nichts dagegen tun. Das ist schlecht für die Auftragslage.

Nachdem ich kurz vor sechs einen Pimm's No. 1 geleert hatte, dachte ich kurz, ich müsste kotzen. Aber ich brachte meine Geschichte zu Ende. Den Bachmannpreis gewinne ich damit nicht. Egal. Dafür hatte ich den besten Schreibrausch meines Lebens.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(