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Europäischer Tag der jüdischen Kultur "Die Welt zu einem besseren Ort machen"


Am Sonntag ist der Europäische Tag der jüdischen Kultur. Wie lebt es sich heute als Jude in Deutschland? Drei Menschen jüdischen Glaubens aus Berlin erzählen, wie sie mit ihrer Religion leben.
Von Judith Hoppermann

Seit 1999 wird der Europäische Tag der jüdischen Kultur jährlich im September von jüdischen und nichtjüdischen Organisationen gemeinsam veranstaltet. Der Aktionstag am 4. September dient dazu, das europäische Judentum mit seinen Sitten und Gebräuchen besser kennenzulernen.

Drei Mitglieder der jüdischen Einheitsgemeinde in Berlin, die nach eigenen Angaben rund 10.000 Mitglieder zählt und sowohl liberal, als auch orthodoxe und konservative Strömungen des Judentums vereinigt, berichten aus ihrem Alltag.

Yehuda Teichtal
Rabbiner Yehuda Teichtal, 43, Gemeinderabbiner der jüdischen Einheitsgemeinde in Berlin und Vorsitzender des Jüdischen Bildungszentrums Chabad Lubawitsch. Er gehört zu einer orthodoxen jüdischen Strömung, ist verheiratet und hat sechs Kinder.
© Judith Hoppermann

Rabbiner Yehuda Teichtal: 63 Mitglieder meiner Familie, darunter mein Urgroßvater, sind in Ausschwitz gestorben. Daran denke ich jeden Tag. Trotzdem will ich der Dunkelheit mit Licht antworten, deshalb bin ich in Deutschland. Vor 20 Jahren bin ich aus New York nach Deutschland gekommen, um die jüdische Gemeinde in Berlin aufzubauen. Dazu hat mich Rabbiner Schneersohn aus New York inspiriert.

Mein Ziel ist, dass in Deutschland ein positives, aktives jüdisches Leben möglich ist. Dazu müssen wir alle mithelfen, es zu einem pluralistischen und toleranten Land zu machen. Wir versuchen deshalb, unsere Gemeinde zu öffnen, damit die Menschen sehen: Wir sind ganz normal, mit uns kann man reden. Das ist der erste Schritt. Der zweite ist Respekt, den die Menschen haben müssen, auch wenn sie etwas wie Beschneidung ablehnen.

Am jüdischen Glauben gefällt mir besonders, dass es das Wichtigste im Leben ist, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Heute will ich etwas Gutes tun, durch eine positive Einstellung kann man so viel erreichen. Deshalb bin ich auch in Deutschland. Ich selbst habe keine Angst, wenn ich auf die Straße gehe, als Jude erkannt und beschimpft zu werden. Viele in meiner Gemeinde sind aber schon besorgt. Das kann ich verstehen, aber es wäre besser wenn es anders wäre.

Manchmal, wenn ich auf der Straße oder der U-Bahn angeschrien und beschimpft werde, würde ich mir wünschen, die Menschen würden mehr Zivilcourage zeigen und sagen: Das ist mein Land, das geht nicht. Wir brauchen mehr Toleranz, nicht nur gegenüber Juden, sondern auch gegenüber anderen Minderheiten wie zum Beispiel Homosexuellen. Besonders in Deutschland mit seiner Geschichte sollte so etwas nicht passieren.

David, 16, Mitglied der orthodoxen Synagoge Chabad Lubawitsch
David, 16, Mitglied der orthodoxen Synagoge Chabad Lubawitsch
© Judith Hoppermann

David: Der Schabbat ist ein wichtiger Tag für mich in der Woche. Ich finde es toll, dass es einen Ruhetag gibt, an dem man das Handy weglegt, sich hinsetzt, ein Buch liest oder schläft soviel man will. Es ist ein Tag, an dem die ganze Familie zu Hause beisammen ist. Familie ist auch ein sehr wichtiger Aspekt im Judentum. Wir sind keine Aliens, sondern ganz normale Leute. Da braucht man keine Berührungsängste haben.

Auf der Straße sieht man mir nicht an, dass ich jüdisch bin. Ich trage zwar immer eine Kipa, darüber aber eine Mütze. Ein paar Mal bin ich auch ohne die Mütze darüber rumgelaufen,  da hatte ich aber keine Probleme. Nur einmal haben mich arabische Jugendliche angesprochen. Sie wollten wissen, ob ich aus Israel komme. Das habe ich verneint, obwohl ich dort geboren bin. Dann war es für sie in Ordnung.

Ich gehe auf die "Jüdische Traditionsschule“ in Berlin  und habe nur jüdische Mitschüler – 80 insgesamt. Zusätzlich zum Schulunterricht haben wir auch Religionsstunden, in denen wir die jüdischen Gesetze lernen und Tora lesen. Fast acht Stunden dauert ein Schultag, danach machen wir noch Hausaufgaben. Im nächsten Jahr mache ich dann mein Abitur. Etwas schade finde ich, dass wir dort nicht Französisch oder Spanisch lernen, weil als zweite Sprache Hebräisch angeboten wird. Dass ich schon im kommenden Jahr mein Abitur machen werde, ist lustig. Vor zwei Jahren hat meine Schule angefangen, die Klassen nach Geschlechtern zu trennen. Ich war der einzige Junge in der neunten Klasse, also bin ich dann irgendwie in die zehnte gerutscht.

In meiner Freizeit gehe ich noch zum Russischunterricht, weil meine Mutter aus Russland kommt, und in den Judo-Verein. Am Anfang ist den anderen in der Umkleide meine Kipa aufgefallen. Da waren sie schon neugierig und haben ein paar Fragen gestellt, danach war das Thema Religion aber erledigt.

Nach der Schule würde ich gerne für ein Jahr nach Israel gehen und an einer Jeschiwa, einer religiösen Schule, lernen. Danach will ich vielleicht Politik und Wirtschaft studieren, mal sehen.

Die Religion war schon immer ein wichtiger Teil in meinem Leben. Im Sommer war ich in einem jüdischen Sommercamp in Amerika, da habe ich gemerkt, wie die amerikanischen Jugendlichen ihre Religion gesehen haben, die nicht auf einer jüdischen Schule waren. Viele haben ihre Religion abgelehnt, weil sie sie von ihren Klassenkameraden unterschieden hat. Das will ich nicht. Wenn ich später Kinder habe, sollen sie auch auf eine jüdische Schule gehen, auch wenn ich dafür umziehen muss. 

Sara Nachama,
Sara Nachama, Rektorin des jüdisch-amerikanischen Touro-Colleges in Berlin und Kulturdezernentin der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Sie ist auch im Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.
© privat

Sara Nachama: Menschen in meinem Umfeld sind oft neugierig über meine Religion und fragen, ob ich sie mal mit in die Synagoge nehmen. Oder sie fragen über Feiertage oder den Mondkalender. Ich erkläre das dann immer gerne, so viele Juden gibt es in Berlin schließlich nicht.

Ich bin Mitglied einer liberalen, jüdischen Gemeinde. Generell mag ich am Judentum, dass jeder selbst bestimmen kann, wie er mit der Religion lebt, weil wir keine Autorität wie einen Papst haben. Ich habe viel zu tun und bin ehrenamtlich sehr engagiert. Ich gehe nicht jeden Freitag in die Synagoge. Als Frau bin ich dazu aber auch nicht verpflichtet, ich kann auch alleine beten. Am Schabbat, dem jüdischen Ruhetag, fahre ich auch Auto. Das wäre in einigen orthodoxen Vierteln in Israel undenkbar. Da würde das Auto dann mit Steinen beworfen.

Vor fast 40 Jahren bin ich aus Israel nach Deutschland gekommen, der Liebe wegen. Gerade hat das einen großen Unterschied gemacht: Ich sehe nicht gerade Deutsch aus. Oft wenn ich mit meinen kleinen Kindern in der U-Bahn stand, haben mich die Leute gefragt, woher ich denn komme. Wenn ich dann Israel geantwortet habe, hatten sie das Bedürfnis, mir zu versichern, dass ihre Familie auch jüdische Menschen gerettet hat. Und das ohne, dass ich danach gefragt habe.

Heute ist das anders. Da fragen die Menschen eher, ob es ein Problem mit den muslimischen Flüchtlingen gibt. Ich antworte dann, ich weiß es nicht. Das muss man beobachten. Diesen Sommer habe ich mit amerikanischen Studenten eine „Summer School“ gemacht und sie wollten unbedingt ein Flüchtlingsheim besuchen. Sie haben eingekauft und den Menschen, Afghanen, Syrer, Libyer, etwas mitgebracht. Die waren dann ganz erstaunt, dass jüdische Menschen ihnen etwas Gutes tun. Ich glaube aber, die meisten haben vor allem Angst, was andere denken, wenn sie sich mit Juden abgeben. 


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