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1000-jährige Jüdische Geschichte Polens Polin-Museum eröffnet in Warschau


In Warschau eröffnet eine Ausstellung zur jüdischen Geschichte in Polen. Dabei ist die NS-Zeit nur ein kleines Kapitel. Juden sind seit dem Mittelalter in Land und gaben dem Land sogar seinen Namen.

Die jüdische Geschichte Polens ist lang. Sie beginnt im Mittelalter, als die ersten Juden der Legende nach durch die weiten polnischen Wälder zogen und eine Stimme vom Himmel ihnen sagte, "Po lin" (hebräisch: "Bleibt hier"), und das Land somit seinen Namen erhielt. Mit Beginn der NS-Herrschaft in Deutschland erfuhr jüdisches Leben in Polen eine jähe Zäsur: Tausend Jahre jüdischer Geschichte in Polen wurden von Nazi-Deutschland ausgemerzt. Ein neues Museum in Warschau will an die einst größte jüdische Gemeinde der Welt erinnern.

"Wir rekonstruieren etwas, das vollkommen zerstört worden ist", sagt Dariusz Stola, Direktor des Polin-Museums der Geschichte der Polnischen Juden, in dem am Dienstag die Hauptausstellung eröffnet wird. "Die Leere ist das größte Denkmal des jüdischen Warschaus - leere Orte - und dieses Museum wird sie füllen", sagt Stola. Während die größten Jüdischen Museen weltweit sich vor allem auf den Holocaust konzentrierten, sei das Polin ein Museum des Lebens.

"Der Holocaust nimmt einen absolut verhängnisvollen, entscheidenden Platz ein", sagt die Kuratorin der Hauptausstellung, Barbara Kirshenblatt-Gimblett. "Aber es ist nicht der Anfang der Geschichte, und es ist nicht das Ende der Geschichte." Die Geschichte sei viel umfangreicher. "Wir haben eine moralische Verpflichtung, sie zu erzählen", sagt die Kuratorin.

Museumsgebäude schon jetzt Ikone moderner Architektur

Das Polin-Museum steht auf dem Gelände des früheren Warschauer Ghettos. Das Gebäude der finnischen Architekten Rainer Mahlamäki und Ilmar Lahdelma strahlt eine Helligkeit aus, die in scharfem Kontrast zu dem gegenüberliegenden schwarzen Granit-Denkmal für die Helden des Aufstands im Warschauer Ghetto steht. Schon jetzt gilt das Gebäude als Ikone moderner Architektur. Die klare Glasfassade wird nur durch eine breite, unregelmäßige Öffnung unterbrochen, die als Eingang und Haupthalle dient. Nach Aussage der Architekten symbolisiert sie die Durchquerung des Roten Meeres durch die Juden beim Auszug aus Ägypten.

Museumsdirektor Stola zufolge lebten Jahrhunderte hindurch rund 80 Prozent der Juden weltweit in Polen. Anhand von Multimediainstallationen, Texten, Musik, Gemälden und rekonstruierten Alltagssituationen können die Besucher die umfangreiche Geschichte nachvollziehen. Ein Highlight der Hauptausstellung ist eine Replik der buntbemalten Kuppel einer aus Holz gebauten Synagoge aus dem 19. Jahrhundert aus dem Ort Gwozdziec, der heute zur Ukraine gehört.

Polen als Zufluchtsort für verfolgte Juden

Kamen die ersten Juden im Mittelalter nach Polen, wurde das Land später zum Zufluchtsort für verfolgte Juden aus Frankreich, dem Rheinland und Spanien. Im Jahr 1765 lebten bereits 750.000 von ihnen im damaligen Königreich Polen-Litauen. Im Jahr 1939 betrug ihre Zahl 3,3 Millionen, womit die Juden etwa zehn Prozent der polnischen Bevölkerung ausmachten. Nur zwischen 200.000 und 300.000 überlebten den Holocaust. Die meisten wanderten aus, zuletzt in einer großen Welle nach antisemitischen Maßnahmen der kommunistischen Führung 1968. Auch diese dunklen Kapitel werden in dem Museum thematisiert.

Heute gehören etwa 7000 Polen den rund 30 jüdischen Gemeinden im Land an. Es ist aber davon auszugehen, dass mehrere tausend weitere Polen jüdische Wurzeln haben. "Heute gibt es ein Klima der Toleranz und der Empathie", sagt der Auschwitz-Überlebende und Mitinitiator des Museums, Marian Turski. Dieses Klima mache den Weg frei für "eine neue dauerhafte jüdische Präsenz in Polen".

Seit Eröffnung des Museums im April 2013 zählte das Haus bereits rund 400.000 Besucher. Die Hauptausstellung, die ab Dienstag zu sehen ist, kostete 33 Millionen Euro und wurde vom Jüdischen Historischen Institut in Warschau und seinen Unterstützern finanziert.

Bernard Osser, AFP AFP

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