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"Dänische Delikatessen": Eine Leiche zum Verzehr

Wieder eine verschrobene schwarze Komödie aus Dänemark: Zwei Fleischer eröffnen ihren eigenen Laden. Als die beiden Menschenfleisch in ihr Sortiment nehmen, können sie sich vor Kundschaft kaum noch retten.

Von Carsten Heidböhmer

Bjarne (Nikolaj Lie Kaas) und Svend (Mads Mikkelsen) haben ihre eigene Fleischerei eröffnet

Bjarne (Nikolaj Lie Kaas) und Svend (Mads Mikkelsen) haben ihre eigene Fleischerei eröffnet

In Skandinavien haben schrullige Komödien über am Rande der Gesellschaft stehende Menschen ein festes Zuhause: das Muttersöhnchen Elling, der in Oslo erste zaghafte Schritte in die Unabhängigkeit unternimmt, die chaotische Hippie-WG aus dem schwedischen Film "Zusammen" oder der sympathische, aber lebensuntüchtige Hlynur, der in "101 Reykjavik" seine Zeit lieber in Bars totschlägt als zu arbeiten. Speziell in Dänemark würzt man diese Form von Außenseiterkomödie gerne mit einer großen Prise schwarzen Humors. So geschehen bei "In China essen sie Hunde" oder "Flickering Lights". An diese Tradition schließt "Dänische Delikatessen" nahtlos an.

Die beiden Metzgergesellen Bjarne (Nikolaj Lie Kaas) und Svend (Mads Mikkelsen) sind es leid, von ihrem Chef Holger tyrannisiert zu werden. Sie wollen einen eigenen Laden aufmachen. Seinen Anteil am Startkapital besorgt Bjarne, indem er die lebenserhaltenden Maschinen für seinen im Koma liegenden Zwillingsbruder Egil (Nikolaj Lie Kaas) abschalten lässt und damit auf das Familienerbe zugreifen kann. Die beiden eröffnen eine eigene Biometzgerei in einer tristen dänischen Vorstadt. Doch anfangs scheint sich niemand für ihr Geschäft zu interessieren.

"Hähnchenhappen" sind der Renner

Erst als Svend versehentlich einen Elektriker über Nacht im Kühlraum einschließt, wendet sich das Blatt zu ihren Gunsten. Um die Leiche nämlich zu beseitigen, verarbeitet er sie zu "Hähnchenhappen". Plötzlich brummt der Laden, und die beiden Schlächter werden schnell zu lokalen Berühmtheiten. Doch leider neigt sich die begehrte Fleischquelle dem Ende zu. Wenn die beiden weiterhin im Geschäft bleiben wollen, müssen sie also schleunigst für Nachschub sorgen. Nach und nach verlieren sie jeglichen Skrupel.

Kompliziert wird die Sache, als Egil, Bjarnes tot geglaubter Bruder, auf einmal in der Fleischerei erscheint. Gleichzeitig schöpft Holger, der frühere Boss von Bjarne und Svend, Verdacht: Wie können diese beiden Taugenichtse auf einmal so einen Erfolg haben?

Aus der dänischen Kader-Schmiede

Nach "Flickering Lights" hat Anders Thomas Jensen bereits seinen zweiten Film vorgelegt. Zuvor hatte der aus der erfolgreichen Kader-Schmiede der Dänischen Filmschule in Kopenhagen hervorgegangene Regisseur schon die Drehbücher für "In China essen sie Hunde" und den Dogma-Film "Mifune" geschrieben.

Von verschrobenen Außenseitern

Vordergründig handelt es sich um eine höchst amüsante rabenschwarze Komödie. Doch der Film bietet mehr: "Dänische Delikatessen" ist darüber hinaus ein liebevolles Porträt seiner Hauptfiguren, die - allesamt verschrobene Außenseiter - ungeliebt und unbeachtet ihr Dasein fristen. Bjarne scheint nach einem Unfall, bei dem seine Frau und seine Eltern ums Leben kamen, zu keiner tieferen Bindung fähig. Seine Freizeit verbringt er damit, sich in seiner Bude mit Haschisch zuzudröhnen.

Nicht viel besser steht es um seinen Kompagnon Svend. Dieser ist von der Manie besessen, von allem Menschen geliebt werden zu wollen. Da ist der mit seinem Geschäftserfolg verbundene gesellschaftliche Aufstieg natürlich Balsam für seine Seele.

Auf die Marinade kommt es an

Auch die ebenso schöne wie verschrobene Astrid (Line Kruse), die Bjarne auf dem Friedhof kennen lernt, führt ein merkwürdiges Einzelgängerdasein. Mit seinem Film setzt Anders Thomas Jensen diesen Außenseitern ein liebevolles Denkmal. Man lacht mit ihnen, nicht über sie. Dass dem Zuschauer bisweilen ob der makabren Szenen das Lachen im Halse stecken bleibt, gibt dem Film die besondere Würze, bildet gewissermaßen die Marinade für das Fleisch.