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"Die Ludolfs - der Film": Ein Haufen Schrott und das kleine Glück

Vier Brüder, die im Westerwald eine Autoverwertung betreiben, werden zu Kinohelden. Von den Ludolfs lernen heißt leben lernen: Gelassenheit ist ihr oberstes Gebot.

Von Alexander Kühn

Links am Tisch sitzt Günter Ludolf, mit Latzhose und Karohemd. Von neun bis fünf hält er die Stellung, als wären sie eins, der Stuhl und er. Günter trinkt Kaffee, also gefriergetrocknete Körnchen aus dem Glas, übergossen mit Heißwasser, dazu raucht er übern Tag bis zu drei Schachteln "Neue Ernte". Nach dreimal Läuten geht er ans Telefon, dafür ist er da.

Rechts am Tisch, in Pulli und Schlabberhose, sitzt Peter Ludolf. Manchmal nickt er ein, dann dotzt sein Kopf nach hinten gegen die Tür oder fällt nach vorn. Wenn Günter ihn fragt, ob er für den Kunden am Telefon ein Handschuhfach auf Lager hat, Zweier Golf, Baujahr 97, oder einen besonderen Auspuff, ist Peter zurück im Hier und Jetzt: Hab ich, macht 40 Euro; hab ich nicht; soll in zwei Stunden noch mal anrufen.

Bisweilen bewegt Peter sich tatsächlich in sein Lager und zieht aus einem mehrere Meter hohen Ersatzteilberg die gewünschte Stoßstange, Steckachse oder einen Türheber hervor. Manni und Uwe bestreiten derweil den Außendienst, sie schleppen Unfallautos ab, zerlegen sie später in der Werkstatt. Nebenbei erklärt Manni, wie ein Atomkraftwerk funktioniert, das Meer oder die globale Erwärmung, so etwas weiß er aus der "Sendung mit der Maus", Manni sagt: "Neugierigkeit ist wichtig im Leben."

Soap ohne Höhen und Tiefen

Von dieser Art sind die dramaturgischen Höhepunkte der Dokusoap, die von den vier Brüdern und ihrem Schrotthandel erzählt. Viel mehr ereignet sich auch nicht, wenn man die Ludolfs einen Werktag lang besucht in Dernbach im Westerwald. Dabei spielt es keine Rolle, an welchem Tag man vorbeischaut. Einer verläuft wie der andere in dem minzgrünen Haus, in dem es aussieht wie Flohmarkt, riecht wie Oma, und ein Ölofen wärmt die Stube. Wenn die Ludolfs die Cartwrights von Dernbach sind, ist das ihre Ponderosa Ranch.

Peter Ludolf, der Sprecher des Quartetts, stellt zur Begrüßung die entscheidende Frage: "Sag ehrlich, wie findest du uns? Findest du uns blöd?" Die Ludolfs scheren sich nicht um ihre Frisuren, Figuren oder Klamotten, sie ernähren sich von Nudeln mit Zigeunersoße und sagen: "Ich tu mal rauchen" oder "Ich tu mal essen"; eine Schneeballschlacht entzückt sie, als wären sie nicht zwischen Mitte 40 und Ende 50, sondern weit vor der Pubertät; sie werkeln, plappern, kichern wie eine Abordnung von Disneys sieben Zwergen. Aber blöd finden? "Unsinn, Peter!"

Als er die Welt einrichtete, muss Gott sich den Menschen vorgestellt haben wie einen Ludolf. Ein wenig gepflegter womöglich, aber von exakt dieser Freundlichkeit und Genügsamkeit. Ein Ludolf ist für den andern da. Den von den Eltern aufgebauten Schrotthandel weiterzuführen ist den Brüdern Lebensaufgabe. Vater und Mutter ehren sie über deren Tod hinaus. So sehr, dass sie nicht einmal neu tapezieren, die nikotinvergilbten Blümchen im Büro hat schließlich Vattichen geklebt, in den 70er Jahren. Dass sie Muttichen jahrelang pflegen durften, empfinden sie als Geschenk.

Märchenhafte Erfolgsgeschichte

Ins Fernsehen kamen die Ludolfs so: Ein Kamerateam drehte einen Bericht über Derndorf, der Bürgermeister lotste es zu den vier Brüdern, diese Originale müsse man gesehen haben. Fortan kamen Fernsehteams im Gänsemarsch. In Serie gingen die Ludolfs auf DMax, einem Ableger des Discovery Channels mit Programm für Männer, die auf Motorräder, Flugzeuge und Autos stehen. Gerade ist die sechste Staffel angelaufen, und dass man überhaupt über diesen Sender redet, liegt allein an den Brüdern vom Schrottplatz. In dieser Woche kommt ein Film ins Kino, der die Ludolfs in den ersten gemeinsamen Urlaub begleitet: eine Reise nach Italien, der unerfüllte Traum der Eltern, von den Söhnen verwirklicht.

Auf die Ludolfs schaut man nicht herab wie auf jene armen Teufel, denen RTL die Super Nanny in die Sozialwohnung schickt oder den Schuldenberater. Sein ist wichtiger als Haben, das wissen die Ludolfs auch ohne Erich Fromm. Und wir Nichtludolfe lernen: Es gibt ein heiles Leben im Kaputten, ein heileres womöglich als das vieler Schlipsträger, die von der Dynamik des eigenen Lebens gehetzt werden.

Die Post von den Fans füllt Kisten, manche schicken Geschenke: selbst gebastelte Ludolfpuppen, ein Modell vom Ludolfhaus oder ein paar Tüten Nudeln; Peter soll sie für seine Brüder kochen. Als die Ludolfs einmal ein Wochenende lang ihre Türen zur Besichtigung öffneten, kamen 20.000 Menschen gepilgert. Jetzt, zur Kaffeezeit, steht ein junges Ehepaar aus Holland vor der Tür, die beiden machen hier in der Nähe Ferien und wollen mit den Ludolfs plaudern, sie kennen sie aus dem holländischen Fernsehen. Die junge Frau zeigt auf ihren Dickbauch: "Vielleicht nennen wir den Kleinen Ludolf." Die Brüder freuen sich einen Keks.

Die Ludolfs und die Frauen

Der einzige Ludolf mit Frau und Kindern ist Uwe. Günter war mal mit Uwes Schwägerin verheiratet, dann hat sie ihn betrogen, er hat sie verlassen, seither ist er in sich gekehrt. Peter sagt, man müsse die Frauen ehren, jedes Mädchen sei eine Prinzessin, er selbst hatte vor 30 Jahren seine letzte Freundin, an die denkt er noch immer. Manni, das Nesthäkchen, wohnt mit Peter zusammen im Elternhaus und wartet bis heute auf die Richtige. Stolz zeigt er eine Wand in der Werkstatt, voll mit Pinup-Fotos, der Fotograf und der Reporter sollen sich eine aussuchen.

Schwer zu sagen, was aus jedem Einzelnen geworden wäre ohne den Schutz dieser Gemeinschaft. Im Mittelalter, das sagt Manni über sich, hätte man ihn vielleicht zum Hofnarren gemacht. So aber sind die Brüder Ludolf ein Organismus mit vier Köpfen. Selbe Sprache, selber Beruf, selbe Einstellung zum Leben: "Wir sind zu allen Menschen gut." Ein Männerbund, in dem jeder seinen Platz gefunden hat. Und innerhalb dessen alles irgendwie Sinn ergibt.

Eine ganz eigene Betriebsphilosophie

Peters Haufenprinzip im Lager zum Beispiel. Geschätzte vier Millionen Ersatzteile. Aber keine Regale, keine Listen, kein Computer. Peter weiß auswendig, was wo liegt. Er sagt: "Der Mensch ist viel schlauer als der Computer. Der Mensch tut doch den Computer erfinden, also hat er ihn in seinem Kopf drin."

Oder Manni und seine Gartenzwerge. Jeder steht für einen der Brüder. Nicht vorrangig der Ähnlichkeit wegen, sondern weil Manni ungern streitet, aber natürlich muss auch er irgendwie Dampf ablassen. Wenn er mit einem Bruder Ärger hat, schimpft er stellvertretend mit dessen Zwerg, danach ist gut. Manni sagt: "Vielleicht sollte ich meine Zwerge an die Menschen im Gazastreifen verleihen."

Ein paarmal waren die Ludolfs jetzt in Fernsehshows zu Gast, die Gage haben sie kranken Kindern gespendet. Beim Zuschauen hatte man jedes Mal Angst, dass sie als Freakshow herhalten müssen. Dass sie vorgeführt werden wie die afrikanischen Ureinwohner, die noch Anfang des vergangenen Jahrhunderts in deutschen Zoos zu begaffen waren. Aber Raab, Schmidt, selbst Pocher, alle sind mit ihnen anständig umgegangen. Peter, Manni und Uwe haben die Auftritte viel Spaß gemacht. Nur Günter ist immer zu Hause geblieben. Weil er im Studio nicht rauchen darf, sagt er. Aber vielleicht ist das nur eine Ausrede.

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