"Gespenster" Verlorene Seelen in Berlin


Françoise sucht nach ihrem Kind, das als Baby vor vielen Jahren entführt wurde. Als ihr in Berlin die "sozial auffällige" Nina begegnet, glaubt sie, ihre Tochter gefunden zu haben.

Mit "Gespenster" präsentiert Christian Petzold wohl einen der anspruchsvollsten Kinospielfilme dieses Jahres nicht nur der nationalen, sondern ebenso der internationalen Produktion. Auf stilistisch überaus eigenwillige Weise schildert der seit "Pilotinnen" (1995) mit Filmen wie "Die innere Sicherheit" (2000) und "Wolfsburg" (2002) auf Erfolg abonnierte Regisseur in seinem neuen Streifen ein gegenwärtig weit verbreitetes Lebensgefühl.

Petzold, der auch das Drehbuch schrieb, ließ sich zu der hintergründigen Geschichte vom Grimm-Märchen "Das Totenhemdchen" inspirieren. Ausgangspunkt ist die Suche Françoises (Marianne Basler) nach ihrer einst als Kleinkind entführten Tochter. Jahr für Jahr reist die Verzweifelte deshalb von Paris nach Berlin. Eines Tages glaubt sie, die Vermisste in der Halbwüchsigen Nina (Julia Hummer) wieder zu erkennen. Die ziellos durchs Leben streunende junge Frau aber wird vollkommen davon beansprucht, eine Freundschaft zur ebenfalls wurzellosen Toni (Sabine Timoteo) aufzubauen. Jede der drei ringt um Nähe und Vertrautheit. Doch sie können nicht zueinander kommen.

Innere Leere in einer lauten Welt

Die durchweg in einem Schwebezustand zwischen Wachen und Wahn ablaufende Handlung am Potsdamer Platz und Tiergarten beeindruckt als facettenreicher Spiegel deutscher Gegenwart. Der in Bildgestaltung und Dialogführung strenge, fast asketisch anmutende Film reflektiert in den scheinbar kleinen privaten Tragödien allgemeine Nöte wie Zukunftsangst, materielle Unsicherheit, die innere Leere angesichts einer lauten, hektischen, allein von Äußerlichkeiten geprägten Welt.

Petzolds tiefer Blick in die Seelen einsamer Menschen auf der fast zwanghaften Suche nach Liebe und Geborgenheit macht es dem Publikum nicht einfach. Fern von Gefälligkeit verlangt er vom Zuschauer ein hohes Maß an Konzentration und die Bereitschaft, sich auf den ruhigen Fluss einer hintergründigen Erzählung über die Unruhe des Hier und Heute einzulassen. Wer dies kann, erlebt einen ebenso aufregenden wie anregenden Kinoabend.

Peter Claus/DPA DPA

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