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"I'm not there": Dylan geteilt durch sechs

Mit "I'm not there" legt Regisseur Todd Haynes eine Biographie von Bob Dylan hin, die sich jeder einfachen Deutung entzieht. Dafür garantiert schon, dass die amerikanische Rock- und Folk-Legende gleich von sechs verschiedenen Schauspielern gespielt wird. Inklusive einer Frau.

Von Julian Weber

Bob Dylan stellt alle seine Chronisten vor große Schwierigkeiten. Er ist zweifelsohne der größte lebende amerikanische Popstar, gleichzeitig aber extrem öffentlichkeitsscheu. Die Frage, wer oder was sich hinter seinem Mythos versteckt, treibt seit bald fünf Jahrzehnten eine ganze Nation zu immer neuen Mutmaßungen an. Daran ändern weder Dylans "Neverending" Tour, noch seine unzähligen Schallplatten. Denn seit Anbeginn seiner Karriere ist Bob Dylan zwar präsent, aber er schlüpft wie ein Chamäleon wahlweise in die Rolle eines Singer-Songwriter, macht als Dichter von sich reden, als Schauspieler, christlicher Prediger oder Bandleader mit E-Gitarre. Nur auf ein bestimmtes Image lässt er sich nicht reduzieren. Dieses Rätsel kann auch Todd Haynes mit "I'm not there" nicht lösen. Er will es auch gar nicht, es hat seine Kreativität als Filmemacher nur angetrieben. Stattdessen wird Bob Dylan in seinem Film von sechs verschiedenen Schauspielern in unterschiedlichen Episoden dargestellt.

Da ist der zwölfjährige Afroamerikaner "Woody" (Carl Markus Franklin), ein kindlicher Blues-Sänger, der im Güterzug durch die USA trampt. Genau wie sein großes Vorbild, der weiße Folksänger Woody Guthrie, hat Woody auf dem Gitarrenkoffer den Slogan "This machines kills fascists" angebracht. Schon wortgewandter ist Dylan in Gestalt des 19-jährigen "Arthur Rimbaud" (Ben Wishaw), der vor einem Untersuchungsausschuss aussagen muss, warum er mit dem Schreiben aufgehört hat. Stattdessen verrät dieser Jungliterat die "sieben einfachen Regeln des Untertauchens". Seine Regel Nummer sechs, "Sage nichts, was irgendjemand missverstehen kann", hat der launische Protestsänger "Jack Rollins" (Christian Bale) verinnerlicht. Rollins tritt im New York der frühen Sechziger als "Troubadour des Gewissens" auf. Seine sozialkritischen Songs werden von den Fans umjubelt, Medien bezeichnen ihn als "Stimme einer Generation". Seine damalige Freundin "Alice Fabian" (Julianne Moore) wird in einem Interview Jahre später zu Jack Rollins befragt. Der hatte sich 1964 von ihr abgewandt, inszenierte im betrunkenen Zustand lieber Skandale und machte statt Protestsongs plötzlich kommerziell erfolgreiche Popmusik. Später in "I'm not there" wird er nochmal als wiedergeborener Christenprediger auftreten.

Heath Ledger spielt Jack Rollins

In der nächsten Inkarnation spielt der Schauspieler "Robbie Clark" (Heath Ledger) dann ausgerechnet Jack Rollins in einem Film über seine Karriere. Auch dieser Film im Film wird von Regisseur Todd Haynes retrospektiv inszeniert. Denn Robbie Clarks Ex-Frau "Claire" (Charlotte Gainsbourg) erinnert sich an die Zeit mit ihrem Mann Mitte der Sechziger Jahre, als sie vor dem Fernseher die Endphase des Krieges der USA in Vietnam, 1973, verfolgt. Sie sieht ihren Mann in der Rückschau als zerknirschten Star, der ständig von den Medien belauert wird, erinnert sich aber auch an gemeinsame ungestörte Spaziergänge im East Village oder Ausflüge auf einem Motorrad. Nach einer Party, auf der Claire ihren Mann beim Flirten beobachtet, verlässt dieser seine Familie. "Jude Quinn" (Cate Blanchett), ganz der androgyne Rocker mit Lockenkopf und cooler schwarzer Sonnenbrille, löst seine Verbindung mit der Folk-Szene auf, als er bei einem Auftritt auf einem Festival mit Bandbegleitung und Gitarrenverstärkern von den Fans niedergebuht wird.

"This machine kills fascists"

Im Swinging London von 1966 stößt er auf mehr Verständnis und trifft auf die Beatles und den Beatpoeten Allen Ginsberg, einen seiner größten Fürsprecher. Dem Auge der Öffentlichkeit versucht sich Jude mit noch mehr Drogen zu entziehen, der Presse gibt er verwirrende Interviews. Am Ende seiner Karriere lebt Dylan als Billy the Kid (Richard Gere) zurückgezogen im amerikanischen Hinterland in einer Spätwestern-Landschaft. Als er von einem Highway erfährt, der durch sein Gebiet gebaut werden soll, beschließt er in die nächste Stadt zu reiten. Dort trifft Billy the Kid auf den kleinen Woody. Weil er gegen den Highway protestiert, muss er fliehen, springt auf einen Zug und findet Woodys Gitarrenkoffer mit der Aufschrift "This machine kills fascists".

Dylans kraftvolle Songs, ob im Original oder als Coverversionen ausgesuchter Künstler und Bands von Catpower bis Sonic Youth, liefern zu "I'm not there" den Soundtrack auf der Tonspur. Sie bilden auch das Gerüst, das die verschiedenen Episoden zusammenhält. Denn Haynes Film entzieht sich jeder einfachen Deutung. Jede Episode sieht anders aus. Jeder Schauspieler in diesem Allstar-Cast Mal fächert eine andere Facette aus Dylans Vorstellungswelten auf. Mal glaubt man einen Dokumentarfilm anzusehen, in dem Cate Blanchett in bestechenden Schwarzweiß-Bildern auftritt, mal gibt "I'm not there" den Anschein einer naturalistischen Traumsequenz, wenn der mysteriöse Billy the Kid wie ein Fremdkörper durch das idylle Hinterland reitet. Es wird nie klar, was ist Fakt, wann beginnt die Fiktion. Todd Haynes hat seinen Gegenstand zwar genau untersucht, aber er lässt ihm dennoch seine Geheimnisse und so überhöht er Bob Dylan auch nicht künstlich. Denn Dylan ist in seiner Karriere auch kläglich gescheitert, sein Scheitern hat ihm aber immer wieder zu neuen Rollen verholfen. Insofern ist er ein Popstar mit filmischen Ausmaßen und Haynes hat diesem anspruchsvollem Künstler-Phänomen mit "I'm not there" zu seinem Recht verholfen.