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"Irak - Im Tal der Wölfe": Action, diesmal islamische

Rocky kennt man, den Terminator auch, jetzt kommt Agent Polant, ein smarter Türke. Weil er eine islamische Mission hat und Amerikaner tötet, gilt er in den Feuilletons als Ungeheuer. stern.de hat sich eine Kinokarte gekauft.

Von Lutz Kinkel

Wer unter Kollegen sagt, er müsse jetzt in den Berliner Bezirk Wedding, erntet ein ebenso erstauntes wie mitleidiges "Au Weia". Sicher: Der Wedding ist nicht der "place to be", die angesagten Events finden auf der Berlinale statt, also rund um den Potsdamer Platz, wo die Architektur New York anhimmelt und der Latte Macchiato in Strömen fließt. Aber dorthin verirrt sich das türkische Publikum nur selten. Es bleibt lieber unter sich im Wedding und geht in das "Alhambra", einen Glasklotz an der Hauptverkehrsstraße. Dort wird "Irak - Im Tal der Wölfe" gegeben, original türkisch mit deutschen Untertiteln. Ein Film, der angeblich den Kampf der Kulturen anheizt.

Nachmittags gegen 15 Uhr ist vom "Kampf der Kulturen" wenig zu sehen, zur ersten Vorstellung an diesem Tag kommen gerade mal zehn bis fünfzehn Leute, zwei junge türkische Frauen, ein paar Deutsche und ein Amerikaner, der offenkundig weit über fünfzig Jahre ist, aber einen Ring in der Nase trägt. Er wird sich später als "Bush-Flüchtling" outen und seine Deutsch-Englisch Übersetzungsdienste anbieten. Aber jetzt knautscht er sich erstmal in seinen Kinosessel und freut sich, dass man die Welt auch ganz anders betrachten kann als aus der Sicht seines Vaterlandes.

Kapuzen übergestülpt

"Irak - Im Tal der Wölfe" ist zunächst ein typischer Actionfilm. Es gibt einen Helden, der gut aussieht und weiß, wo es langgeht: Agent Polat Ademar. Natürlich wird er bei seinen cineastischen Aufräumarbeiten von tapferen Buddys begleitet, auch eine schöne Frau darf nicht fehlen. Die Bösen sind auf den ersten Blick zu erkennen, sie haben fiese Gesichter und sind wahlweise skrupellos oder skrupellos. Die Story stützt sich auf das tausendmal durchgenudelte Motiv der Rache, es gibt Verfolgungsjagden, Schießereien und pyrotechnische Einlagen. Da der Regisseur mit einem Budget von zehn Millionen Dollar auskommen musste, konnte er zwar keine Massenszenen inszenieren und Helikopter zerschrotten, aber für ein bisschen Hollywood-Appeal reichte es allemal.

Allerdings nur formal - der Stoff legt Perspektiven an, die in Hollywood kein Asyl bekämen. Ausgangspunkt der Story ist ein reales Ereignis: Am 4. Juli 2003 umstellten US-Soldaten einen Außenposten der türkischen Armee im Nordirak und nahmen elf Offiziere fest. Sie wurden mit Kapuzen über den Köpfen abgeführt und des Landes verwiesen als wären sie Terroristen. Offenbar war diese Aktion eine Vergeltung für die Unbotmäßigkeit der türkischen Regierung, die ihre Flughäfen nicht für den Angriff auf den Irak freigegeben hatte. Aber diese Vergeltung hatte einen fatalen Effekt: Pressefotos der verhafteten Offiziere gingen durch die türkischen Zeitungen und lösten helle Empörung aus. Eine Nation fühlte sich in ihrer Ehre verletzt.

Kirchen in Bagdad?

Agent Polat tritt im Kino an, diese Ehre wieder herzustellen. Die Figur Polats (Necati Şaşmaz) ist den türkischen Zuschauern bestens bekannt, er ist der Protagonist der überaus erfolgreichen TV-Serie "Tal der Wölfe", in der er gegen die Mafia fightet. Nun hat er die Amerikaner vor sich, und sein Ziel ist klar: Sam Marshall (Billy Zane), der US-Statthalter, der die Kapuzenaktion verantwortet, soll büßen. Polat will kein Geld, er will keine politischen Zugeständnisse, er will auch keine Entschuldigung. Aber er will, dass Marshall mit einer Kapuze auf dem Kopf an Pressefotografen vorbeigeführt wird. Auge um Auge, Demütigung um Demütigung. Diese Motivation lässt den westlichen Kinobesucher erstmals die Stirn runzeln - was in aller Welt soll das bluternste Gewese um die Ehre?

Doch das ist noch lange nicht alles. Sam Marshall - sein Name trägt das Amerikanische vielleicht etwas zu dick auf - hat auch eine Mission. Er ist zwar ein völlig inhumaner, ultrabrutaler Machtmensch, aber auch ein gläubiger Christ. In einer Schlüsselszene beschreibt er, wie er in die Geschichtsbücher eingehen möchte: Als Mann, der den Irak für das Christentum erobert hat, als großer Diener des Herrn. Auch dieser Gedanke ist in der Wahrnehmung eines im Westen erzogenen Zuschauers völlig bizarr. Man hat sich daran gewöhnt, den Amerikanern zu unterstellen, sie hätten mit dem Irak-Krieg den Ölnachschub für ihr Land sichern wollen. Alternativ sind auch noch die Interpretationen mehrheitsfähig, die Neocons hätten in ihrem Weltbeglückungswahn einen demokratischen Musterstaat errichten wollen und George W. Bush habe Saddam Hussein, den Erzfeind seines Vaters, aus persönlichen Gründen erledigen wollen. Aber eine religiöse Mission? Wird denn Bagdad derzeit mit Kirchenneubauten gepflastert?

Lynndie Englands Schatten

Polat jagt Sam und Sam jagt Polat. Dabei durchstreifen sie jeweils ihre eigene Welt, sprechen mit Freunden, suchen Verbündete, machen ihren Job. Sams Welt ist widerwärtig: Er lässt seine Leute wahllos zuschlagen, die Iraker sind für ihn nur Freiwild, das jederzeit unter dem Vorwand des Terrorismusverdachts abgeschlachtet werden kann. In einer besonders üblen Szene lässt Sam seine kahlgeschorenen Muskelmännern eine muslimische Hochzeit stürmen. Dort erschießt ein Soldat zunächst ein Kind, dann weitere Gäste, der Rest der Menschen wird in einen Lastwagen gepfercht. Als der Fahrer nach stundenlanger Tour zu dem Soldaten neben ihm meint, die Menschen im geschlossenen Laderaum würden ersticken, lässt der Soldat den LKW stoppen, steigt aus und feuert wahllos auf die Außenwand. Die Kamera taucht ins Innere des Laderaums und zeigt, wie Frauen und Kinder bluttriefend zusammenbrechen; auf der Tonspur liegen Schreie, Wimmern und Stöhnen. "Jetzt bekommen sie wenigstens Luft", meint der Soldat und schaut zufrieden auf die Einschusslöcher.

Der Transport bringt die Menschen nach Abu Ghreib, ein Schild zeigt im Film das berüchtigte Lager unmissverständlich an. Dort arbeitet ein Verbündeter von Sam, ein jüdischer Arzt, der den lebenden Ankömmlingen Organe entnimmt, um sie nach Tel Aviv, London oder Washington zu verschicken. Die Figur des Arztes ist dem Regisseur zu einer geradezu perversen antisemitischen Karikatur geraden, denn der Mann im Kittel erinnert in seiner Menschenverachtung deutlich an KZ-Ärzte wie Josef Mengele. Auch das übrige Lager-Personal kommt nicht gut weg. In einer Szene, die als Reenactment gelten darf, treten brüllende Wärter auf, die Gefangene zwingen, sich nackt auszuziehen und eine menschliche Pyramide zu bilden. Eine Soldatin, die unschwer als die reale Übeltäterin Lynndie England zu erkennen ist, drischt wahllos auf die Menschen ein. So aktiviert der Film Key-Visuals aus dem kulturellen Gedächtnis seiner Zuschauer, zweifellos in der Absicht, die Amerikaner maximal zu diskreditieren.

Sams Welt ist dagegen viel nuancierter, auch überraschender. Die interessanteste Figur ist Scheich Kerkuki (Ghassan Massoud), ein schlanker, hoch gewachsener Mann mit durchdringendem Blick - das religiöse Gewissen im "Tal der Wölfe". Als seine Ziehtochter Leyla ihn um Erlaubnis bittet, als Selbstmordattentäterin Sam erledigen zu dürfen, hält er ein flammendes Plädoyer gegen diese Form der Rache: Es sei mit dem Islam grundsätzlich nicht vereinbar, wenn Unschuldige mit in den Tod gerissen würden. In einer anderen Szene platzt er in die Exekution eines entführten amerikanischen Journalisten. Das Set folgt den realen Fällen auch hier bis ins Detail: In einem schäbigen Raum kniet das geschundene Opfer auf dem Boden, hinter ihm steht eine Phalanx vermummter Extremisten, im Vordergrund filmt ein Mittäter die Szene auf Video. Just als der Henker mit dem Schwert ausholt, mahnt ihn Scheich Kerkuki, das zu lassen, und rettet damit die Geisel. Durch solche Szenen stellt sich der Islam sufistischer Prägung, wie ihn Kerkuki repräsentiert, als moralischer und philosophischer Superlativ dar - was freilich nicht ausschließt, echte Gegner zu töten. Im Showdown fällt der Satz "Allah ist groß" und Polat rammt Sam den Dolch ins Herz. Dann dreht er die Klinge im Leib seines Gegners noch einmal um.

Applaus und Allah

"Abu Ghreib war richtig dargestellt", sagt der Bush-Flüchtling im Publikum, der sich erstaunlich schnell vom Horror erholt hat und seine Visitenkarte zückt, um dezent auf seine Dienste hinzuweisen. Der Platzanweiser, der auch gleich registriert hat, dass hier ein Journalist im Publikum sitzt, entschuldigt sich beinahe, dass es während der Vorstellung kein Remmi-Demmi gab. Abends, wenn es so richtig knackevoll sei, würde das türkische Publikum Szenenapplaus spenden und "Allah ist groß" rufen, wenn es den Amerikanern auf der Leinwand an den Kragen ginge. Nach der Premiere im Wedding habe es eine richtige Party mit Bier und Fahnenschwenken im Foyer gegeben. Passiert sei allerdings nichts.

Das bestätigt auch Mike Ponndorf, der Leiter des Alhambra. Dennoch ist ihm unwohl. "Wenn ich persönlich das Sagen hätte, würde ich den Film nicht weiter zeigen. Das ist eine üble Geschichte. Und gerade vor dem Hintergrund der Mohammed-Karikaturen peitscht der Film nur weiter auf. Mich erschrecken die Reaktionen der Besucher", sagt er. Andererseits sind die Abendvorstellungen seinen Angaben zufolge seit einer Woche ausverkauft, rund 5000 Leute waren schon da. "Das hatten wir seit Monaten, nein, seit Jahren nicht mehr. Es ist definitiv ein wirtschaftlicher Erfolg." In der Türkei, wo der Film trotz seiner Hardcore-Gewalt-Szenen ohne Altersbeschränkung frei gegeben ist, läuft "Irak - im Tal der Wölfe" ebenfalls hervorragend. Die Kinobesucher, so kann man der Presse entnehmen, freuen sich darüber, dass auch mal die allmächtigen Amerikaner vorgeführt werden.

Leaving the Wedding

Jedem westlichen Normalo dürfte der Film eher quer im Magen liegen - diese wüste Polemik gegen Amerikaner, Juden und das Christentum ist schwer verdaulich. Andererseits bietet gerade dieser Film die Chance, die mentale Ausstattung ihrer Macher zu studieren und dabei einige, vielleicht repräsentative Erkenntnisse zu gewinnen. Wer in sonnigen deutschen Kurstädtchen aufgewachsen ist, weiß nicht, was Ehre im arabischen Raum bedeutet, wie unversöhnlich der Hass auf Juden sein kann, und wie tief sich das Feindbild USA schon in die Hirne gebrannt hat. Man mag dagegen argumentieren - aber der erste Schritt ist, diese Realität überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Schade, dass "Irak - Tal der Wölfe" nicht auch in den Kinos am Potsdamer Platz gespielt wird.