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"Königreich der Himmel": Gemetzel unter Kreuz und Halbmond

Nach "Gladiator" verfilmt der Meister des modernen Heldenepos, Ridley Scott, die grausame Geschichte der Kreuzzüge: "Königreich der Himmel" setzt auf aufwändig inszenierte Bilder, blutige Kampfszenen - und weniger auf Historientreue.

Osama bin Laden verteufelt seine westlichen Feinde mit Vorliebe als "Kreuzritter". Es ist also von aktueller Brisanz, wenn eine amerikanische Großproduktion mit vorwiegend britischen Darstellern als Historiendrama um die Kreuzzüge des Mittelalters in die Kinos kommt. "Königreich der Himmel" ist der Titel des Films von Starregisseur Ridley Scott, der ab dem 5. Mai in Deutschland startet. Mit diesem Werk hat sich Scott einen Jungentraum erfüllt. Doch sieht man dessen späte Realisierung mit sehr gemischten Gefühlen zu.

Erzählt wird die Geschichte eines von privatem Unglück und Glaubenszweifeln gepeinigten französischen Schmieds namens Balian. Er ist der illegitime Sohn des Kreuzritters Godfrey von Ibelin, der, von plötzlichen Vatergefühlen ergriffen, Balian überredet, mit ins Heilige Land zu ziehen. Dort herrscht in Jerusalem ein junger, von Lepra grausam angefressener christlicher König. Geschrieben wird das Jahr 1186: Es ist die Zeit zwischen dem zweiten und dritten von insgesamt acht Kreuzzügen, die in religiöser und machtpolitischer Verblendung geführt wurden.

Von einer Prinzessin verführt

Godfrey stirbt noch in Sizilien an einer Kampfwunde. Doch Balian erreicht nach einem Schiffbruch die Küste des heutigen Israel und schlägt sich bis Jerusalem durch. Dort wird ihm als Godfreys Sohn unerwartet viel Ehre zuteil. Auch der nur mit einer Gesichtsmaske auftretende König Baldwin zeigt sich dem tapferen jungen Mann gewogen, der so gut mit dem Schwert umgehen kann. Das lässt sich keinesfalls von dem macht- und kriegslüsternen Guy de Lusignan sagen, der mit der schönen Prinzessin Sibylla vermählt ist. Als Schwager des todkranken Königs macht er sich berechtigte Aussichten auf die Thronfolge.

Sybilla allerdings verführt den schmucken Balian, der vom neuen Mädchenschwarm Orlando Bloom passabel gespielt wird. Für Liebe bleibt wenig Zeit, steht doch bald der legendäre Moslemherrscher Saladin mit einer riesigen Streitmacht vor den Mauern Jerusalems. Dort ist der König gestorben, sein verblendeter Nachfolger Guy in der Hand Saladins. Nun muss Balian die Verteidigung der belagerten Stadt übernehmen. Doch so heldenhaft er das mit seinen Getreuen auch tut, am Ende behält Saladin die Oberhand, erweist sich aber als großmütiger Sieger. Und so ist das glückliche Ende für Balian und Sibylla gesichert.

Nur oberflächlich ein Plädoyer für Toleranz

Man mag über diesen typischen Kinokitsch lächeln oder sich ärgern. Wichtiger ist natürlich die Frage, wie der fast siebzigjährige Scott und sein Drehbuchautor William Monahan mit dem mörderischen Konflikt zwischen Christen und Moslems umgehen. Oberflächlich betrachtet haben sie den Film trotz der Metzeleien, die den Gutteil der mehr als zweistündigen Laufzeit beanspruchen, auf die Propagierung von Toleranz getrimmt. Das ist politisch korrekt und soll keiner Seite sonderlich weh tun. Betrachtet man aber die Szenen genauer, dann wird das Geschehen doch stets aus westlicher Sicht mit einer unverkennbaren Tendenz zum Loblied europäischen Kampfesmutes in Szene gesetzt.

So hat die von Eva Green verkörperte Prinzessin Sybilla zwar orientalische Gewänder an, benimmt sich aber wie eine Frau aus dem London oder Paris der Gegenwart. Und bei den blutigen Schlachten sterben sichtlich viel mehr Araber als europäische Eroberer. Wenn letztere schließlich doch kapitulieren müssen, dann in der Gewissheit, dem Gegner viel mehr Opfer abverlangt zu haben als sich selbst. Und solche Bilanzen erinnern dann doch fatal an Afghanistan und den Irak.

Viel Gemetzel, wenig Erotik

Filmgrößen wie Liam Neeson und Jeremy Irons sind in kleineren Rollen als edle Charaktere zu sehen. Ein wackerer blonder Germane tritt auch in Aktion, endet aber schnell mit durchbohrtem Hals. Die einzige Liebesszene des Films ist von ausgesuchter Lieblosigkeit und absolut erotikfrei. Saladin wird von dem syrischen Filmstar Ghassan Massoud mit Würde und Hintergründigkeit gespielt. Nur seine Vorstellung vermittelt eine Ahnung, was aus diesem Stoff hätte werden können, wenn er nicht allein zum exotischen Hintergrund für Schlachtenszenen und Action gewählt worden wäre. Ridley Scott war allerdings mit dem ähnlich gestrickten "Gladiator" weltweit erfolgreich, warum sollte sein erprobtes Rezept nicht noch einmal viele Millionen in die Kinokassen locken?

Wolfgang Hübner/AP / AP