"Lissi und der wilde Kaiser" Echte Lacher sind selten


Warum verkleidet sich Kurt Beck als Yeti? Warum schießt Kaiser Franz Schokoladenkugeln in den Mund seiner zuckersüßen Gattin? Antworten auf diese wahrhaft drängenden Fragen gibt Bully Herbigs Animationskomödie "Lissi und der wilde Kaiser". Leider nur ein mäßig unterhaltsamer Film.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Ausgerechnet Kurt Beck. Man müsste glauben, der SPD-Chef hätte genug damit zu tun, die eigene Partei aufzumischen. Doch Arbeitslosengeld I hin oder her, ab Donnerstag, 25. Oktober werden es alle wissen: Kurt Beck hatte einen heimlichen Job in der Filmbranche. Kein Geringerer als der Comedian Michael Bully Herbig hat ihn dorthin geholt, wo er längst hingehört, auf die große Kinoleinwand. Im 3D-Animationsfilm "Lissi und der wilde Kaiser" zeigt Kumpel Kurt, dass er - wer hätte es nicht geahnt - ein echter Haudegen ist: er entführt höchstselbst die Wimpern klimpernde Kaiserin Lissi, just in dem Moment, als die in sexy Dessous, mit Rose im Mund und Zylinder auf dem Kopf, für den badenden Ehemann Kaiser Franz einen Strip hinlegen will. Das hat Rambo-Charakter. Respekt.

Wer jetzt glaubt, Franz Müntefering hat auch noch seinen großen Kinoauftritt, etwa, indem er Lissi aus Kurts Klauen mit archaischem Tarzangebrüll befreit, der macht sich falsche Hoffnungen. Mag auch sein, dass der eine oder andere enttäuscht sein wird, dass, wenn er genau hinguckt, eigentlich gar nicht Kurt Beck sein Schauspielerdebüt gibt, sondern ein computergenerierter Yeti, der Kurt Beck einfach nur verdammt ähnlich sieht. Wo wir gerade bei den Ähnlichkeiten sind: auch andere Animationsfiguren finden ihre Entsprechung in der Realität, zum Beispiel in ihren Synchronsprechern. Die zuckersüße Lissi hat die Wangen und die Augen inklusive koketter Augenaufschläge von Bully, der mit Donauwalzer-Schmäh infizierte Franz die Stirn und das Kinn von Christian Tramitz und der erotisch verklemmte Feldmarschall die Augenbrauen und die Nase von Rick Kavanian.

Ein "S" für ein "L" verkaufen

Bully, der nach den Kassenknüllern "Der Schuh des Manitu" und "Traumschiff Surprise" nun seinen ersten Animationsfilm zeigt, hat sich damit einen großen Kindheitstraum erfüllt. "Mit zehn Jahren habe ich mich hingesetzt, um einen Animationsfilm zu zeichnen", erzählte er am Premierenabend vor zwei Wochen in München. "Bis ich feststellte, dass man für eine Sekunde Film 24 Bilder braucht und mir irgendwann die Stifte ausgegangen sind. Deshalb war das Projekt erstmal knapp 30 Jahre auf Eis gelegt." Außerdem sieht sich Bully nicht nur im Auftrag "Rettet den deutschen Humor", sondern als Aufklärer deutsch-österreichischer Geschichte: "Es gilt endlich, historische Wahrheiten wieder herzustellen", sagte er. "Es war in Wirklichkeit so, dass Sissi immer mit "Lissi" unterschrieb, aber das "L" war so schön geschwungen, dass es alle für ein "S" hielten."

"Ein Eichhörnchen kommt vor"

130 Trick-Spezialisten, die auch schon für Walt-Disney-Produktionen und Peter Jacksons "King Kong" im Einsatz waren, haben an der Sissi-Persiflage mitgewerkelt. Das genaue Genre bezeichnet Bully so: " Wir zeigen eine Romantic-Action-Drama-Kitsch-Komödie mit fast keinen Tierchen." Vor allem: es wird keine Pinguine geben, weder solche, die tanzen, noch solche, die singen. "Die haben in letzter Zeit einfach überhand genommen", rechtfertigt sich Bully. "Aber: Ein Eichhörnchen kommt vor."

Wem das Eichhörnchen als Argument nicht reicht, um sofort zur Kinokasse zu rennen, den überzeugt vielleicht, dass Thomas Gottschalk, Reinhold Messner und Co. am Münchner Premierenabend vor Begeisterung schier aus dem Häuschen gerieten. Ein minutenlanges Gejohle und Geklatsche. Andererseits: was ein Thomas Gottschalk für saukomisch hält, muss nicht jeder lustig finden. Tatsächlich ist es ratsam, sich vor der Vorstellung mindestens einen Energydrink reinzukippen, um wenigstens ein bisschen in Stimmung zu kommen. Echte Lacher, also solche, bei denen man seine Oberschenkel grün und blau schlägt, sind relativ selten. Hier und da ist ein Schmunzeln angesagt oder Freude über innovative Verbalakrobatik, etwa als der Kaiser warnt: "Im Wald verstecken sich die Freischwimmer! Abtrünnige Nudisten transpirieren gemeinsam mit den Partisanen!"

Im besten Fall unterhaltsam

Einen absoluten Treffer landet Regisseur Bully mit dem 3D-Auftritt von Ignaz Huber und Franz Schwaiger, den Figuren aus der alten Hörfunk-Serie von 1992, die Bayern-Cops "Männer von Isar 3". Auch wenn man nicht immer versteht, was die in ihren Bart nuscheln - vor allem jenseits des Weißwurst-Äquators. Als merkwürdige Waldschrate jagen sie den Kurt-Beckschen Yeti, der Lissi entführt hat und stellen sich dabei nicht nur an wie die letzten Volltrottel, sondern sind dabei auch noch gewiefter als der wilde Kaiser, der sich mit der Frau Mama per Navigationssystem gesteuerter Kutsche auf die Suche nach seiner "Turtel"-Lissi macht. Spaß machen auch die eigenwilligen Interpretation der Szenen aus "Troja", "James Bond", "Titanic" und "Herr der Ringe". Andere Ideen, wie beispielsweise das ungewöhnliche Hobby des wilden Kaisers - er puttet Schokoladenkugeln per Golfschläger in Lissis Mund ein - nimmt man hingegen einfach nur zur Kenntnis, im besten Fall findet man sie unterhaltsam.

"Angst vor der Kussszene mit Christian Tramitz"

Wer sich beim Wochenendspaziergang mit der Familie nicht die Lippen blau frieren will, wer in diesen kalten Novembertagen niemanden hat, der ihn mit heißen Küssen ablenkt oder wer einfach mal wieder einen Grund braucht, um Popcorn zu essen, der sollte sich ruhig "Lissi und der wilde Kaiser" angucken. Falsch ist die Entscheidung nicht, mehr als durchschnittlich gute Unterhaltung ist aber nicht zu erwarten. Auch die Bully-Fans, die diesen Film sicher wieder an die Spitze der Kinocharts hieven werden, werden vielleicht merken: ein bisschen ist der Lack von Bullys typischer Lachnummern-Revue ab. Und, das muss einfach abschließend gesagt werden: viele hätten sicher lieber die Real-Variante des 3D-Streifens gesehen. Also wie bereits aus den TV-Sketchen gewohnt und lieb gewonnen: Bully als Lissi und Christian Tramitz als Franz. Eine Horrorvorstellung für Bully: "Mit fast 40 kann ich mich doch nicht mehr in dieses enge Sissi-Kostüm zwängen und diese Perücke aufsetzen, die sich wie ein Klotz Beton auf dem Kopf anfühlt." Und: "Natürlich hatte ich auch Angst vor einer Kussszene mit Christian Tramitz." Schade, wir hätten darüber gelacht.


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