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Rache-Comedy Ein Bonbon gefüllt mit Gift: Warum "Promising Young Woman" der beste Film des Jahres ist

Carey Mulligan in "Promising Young Woman"
Carey Mulligan in "Promising Young Woman"
© Courtesy Of Focus Features / Picture Alliance
In "Promising Young Woman" spielt Carey Mulligan eine Frau auf der Suche nach Rache. Von der Musik, über die Kostüme bis zur unglaublich guten Storyline ist der Film ein großartiges Meisterwerk. Nicht ohne Grund wurde er jetzt für vier Golden Globes nominiert.

Es passiert nur selten, doch manchmal lässt ein Film seine Zuschauer*innen sprachlos zurück. Sprachlos, weil er einerseits so großartig war, dass es traurig ist, nun am Ende angelangt zu sein. Oder auch sprachlos, weil die Thematik so nahe geht, dass danach nur hilft, ihn entweder noch mal zu gucken oder aber einen doppelten Vodka-Shot zu trinken. 

"Promising Young Woman": Carey Mulligan auf Rache-Mission

"Promising Young Woman" ist genau so ein Film und es ist fast zum Verzweifeln schade, dass dieses Meisterwerk wegen der Pandemie so lange verschoben werden musste. 

Zum Plot: Carey Mulligan spielt Cassandra, eine 30-jährige Coffee-Shop-Mitarbeitern, die eine vielversprechende Karriere als Ärztin vor sich hatte, die sie nie verfolgte, weil sie die Universität schmiss. Jetzt lebt die junge Frau noch immer in ihrem mädchenhaften Kinderzimmer bei ihren Eltern, die langsam verzweifeln, weil sie nicht verstehen, warum ihre Tochter, die doch so viel Potenzial hatte, nicht endlich auszieht, oder besser noch: einen Mann findet. 

Aber "Cassie" hat ein Geheimnis. Jede Woche schmeißt sie sich in Schale und tingelt durch Nachtclubs und Bars. Dort tut sie so, als hätte sie sich ins Delirium getrunken. Und ausnahmslos jede Nacht kommt ein sogenannter "netter Typ" auf sie zu und bietet seine Hilfe an, geleitet sie wie ein Gentleman vor die Tür, dann zu sich nach Hause, dann auf sein Bett, wo er versucht, die fast bewusstlose Frau zu küssen. Und es ist genau dieser Moment, zu dem Cassie gelangen will. Denn genau dann offenbart sie, eigentlich völlig nüchtern zu sein. 

Vergewaltigung als zentrales Thema

Nach und nach versteht man, wieso Cassie auf Rache aus ist, warum sie damals ihre Ausbildung abbrach und wieso die Gesellschaft so oft daran scheitert, junge Frauen zu schützen. Ohne zu viel zu verraten: Natürlich geht es um Vergewaltigung. Doch schon da zeigt sich einer der großen Unterschiede zwischen "Promising Young Woman" und vielen anderen Filmen, die die gleiche Thematik behandeln: Autorin und Regisseurin Emerald Fennell (für zwei Golden Globes nominiert, Beste Regie und Bestes Drehbuch) zeigt den tatsächlichen Akt nicht einmal. Und das ist gut so, denn es ist in keinem Moment des Filmes nötig.

Viel zu oft wird Vergewaltigung in Filmen so dargestellt, dass sie einzig die voyeuristischen Triebe der Zuschauer*innen bedient, statt wirklich einen Mehrwert zu liefern. Zweifelsohne war es eine bewusste Entscheidung mit Hintergedanken von Fennell, es diesmal anders zu machen. Die Autorin, aus deren Feder schon die zweite Staffel von "Killing Eve" stammte, nimmt in "Promising Young Woman" all jene Sätze auseinander, die immer wieder gesagt werden, wenn es um die Anschuldigungen von Frauen geht: "Was soll ich denn machen? Das Leben eines jungen Mannes ruinieren?", oder auch "Es ist der Albtraum eines jeden Mannes, für so etwas beschuldigt zu werden!" Und so hält Fennell der Gesellschaft filmisch den Spiegel vor.

"Shining"-Zwillinge

Outfits und Musik werden zum Statement

Doch nicht nur das Drehbuch ist phänomenal. Auch mit den Kostümen und der Musikauswahl setzt "Promising Young Woman" ein Zeichen. Cassie trägt vornehmlich Pastellfarben, hat perfekt manikürte bunte Fingernägel, steht auf pink-roten Lippenstift und die Haare trägt sie oft im lockeren geflochtenen Zopf. Aber abends, auf ihrer Rache-Mission, wechselt sie dafür in andere Outfits. Mal sind es Business-Anzüge, mal kurze Röcke. Fennell wollte damit zeigen, dass es ganz egal ist, was eine Frau trägt. 

Die pinke Mädchenwelt, die Fennell inszeniert, gepaart mit Musik von Britney Spears und Paris Hilton, hat für die Filmemacherin eine essenzielle Bedeutung. "Irgendjemand hat einfach vor einer Weile entschieden, wahrscheinlich ein Mann, was unseren Respekt und unser Interesse und unsere Zeit verdient, und die Dinge, die das nicht sind, sind Klamotten und Pink und Haare und Maniküre und Britney Spears", erklärte sie gegenüber dem Portal "Den of Geek". "Daran glaube ich nicht. Ich denke, es ist Unsinn. Ich denke, es ist herablassend", sagte sie. 

Mulligan selbst, deren Performance jeden Filmaward verdient hätte, beschrieb den Film in einem Interview mit "Variety" als "ein wunderschön verpacktes Bonbon, und wenn man es isst, merkt man, dass es giftig ist". 

Treffender kann man "Promising Young Woman" wohl kaum umschreiben. Ohne Zweifel: Es ist Gift, das jede*r zu sich nehmen sollte. 

Verwendete Quellen: "Variety" / "Den of Geek"


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