HOME

"Saint Ralph": Süßes für den Advent

Leicht hat es der 14-jährige Klosterschüler Ralph nicht. Sein Vater ist tot, und seine Mutter liegt im Koma. Er glaubt, sie durch ein Wunder wieder aufwecken zu können: Ralph will den Boston-Marathon gewinnen.

Spätestens in dem Moment, in dem Gott auftaucht und in einem Nikolauskostüm steckt, schießt Michael McGowan übers Ziel hinaus. "Saint Ralph" heißt sein hoffnungslos sentimentaler Film, in dem er einen 14-jährigen Jungen zu Höchstform auflaufen lässt, um ein Wunder zu vollbringen. Aber die Zuschauer verlässt schon lange vor dem großen Finale der Glaube.

Der Vater ist im Krieg gefallen, die Mutter liegt im Krankenhaus, und der Rektor seiner katholischen Jungenschule will ihm eine Lektion erteilen. Ralph hat es schwer. Er steckt mitten in der Pubertät, und niemand unterstützt ihn beim Heranwachsen - außer einem einzigen Freund, der durch große Brillengläser verschreckt in die Welt schaut. Seine Unsicherheiten übertönt er mit einem großen Mundwerk, er raucht und denkt pausenlos an nackte Mädchen.

Ärzte beim Wort genommen

Aber wenn Ralph seine Mutter besucht, wird er ein braver Bub. Als sie ins Koma fällt, nimmt er vor lauter Verzweiflung die Aussage der Ärzte wortwörtlich: Nur ein Wunder kann die Frau wieder aufwecken. Im Unterricht geht er den Voraussetzungen für die Wundervollbringung auf den Grund. Und als er dann zur Strafe im Laufteam der Schule mitrennen muss, ergibt alles einen höheren Sinn. "Es wäre ein Wunder, wenn einer von euch den Boston Marathon gewinnen würde", sagt der Trainer.

Von diesem Moment an gönnt sich der Junge keine Verschnaufpause mehr. Der Film spielt 1954, und er wirkt, als wäre er genau für diese Zeit gemacht worden: so süß und so klebrig wie billige Bonbons. Der beinahe verwaiste Ralph strapaziert schamlos die Tränendrüse. Jedes noch so naive Schäfchen kann der vorhersehbaren Handlung mühelos folgen, die Figuren sind so unverwechselbar in Gut und Böse eingeteilt, dass Verwirrung ausgeschlossen ist. Ein Heiligenschein schimmert durch jede Einstellung, mal in Ralphs hoffenden Augen, mal im Antlitz seiner engelsgleichen Mutter oder dem gütigen Blick eines Paters. Höchstens die stark zur Schau gestellten unreinen Gedanken des Jungen hätten die Moralvorstellungen von Anno dazumal heftig durcheinander gebracht.

Langstreckenlauf als Befreiungsschlag

Adam Butcher spielt einen lebhaften, sympathischen Ralph und mimt mit größter Gelassenheit auch die peinlichsten Szenen. Sein Auftritt ist der natürlichste im gesamten Film. Campbell Scott, einst an der Seite von Julia Roberts aktiv, mittlerweile hauptsächlich auf Nebenrollen beschränkt, gibt den rebellischen Pater Hibbert, was man vor allem daran erkennen kann, dass er seiner Klasse Nietzsche zu lesen gibt. Der Befreiungsschlag von der strengen katholischen Kirche besteht für ihn darin, einen Langstreckenlauf zu absolvieren.

Das größte Klischee des Films muss allerdings Gordon Pinsent als Father Fitzpatrick auf sich nehmen: Als Dogmatiker in Reinform spioniert er hinter seinen Schülern mit dem Fernglas her und gibt auch dann nicht nach, wenn Gottes Wille für alle Beteiligten längst sichtbar ist. Bleiben noch zwei Frauengestalten, Jennifer Tilly als patente Krankenschwester Alice, die Maria Magdalena des Films, und Tamara Hope als Claire, die erste Liebe von Ralph, die aber leider Nonne werden will, schwachsinnige spirituelle Weisheiten von sich gibt und schließlich doch von der Versuchung in Gestalt ihres Verehrers heimgesucht wird.

Besessen von seiner Idee, trainiert der Bub unermüdlich. Es gibt die üblichen Rückschläge (jungenhafter Übermut), die schwer erarbeiteten Loyalitätsbekenntnisse (von Pater Hibbert, dem bebrillten Freund, der Möchtegernnonne und der hilfsbereiten Krankenschwester) und die klassischen Steine im Weg (Father Fitzpatricks sportliche Seite). Als Ralph tatsächlich beim Boston Marathon von 1954 antritt, braucht er nur noch göttlichen Beistand. Und dieser erscheint eben im Nikolauskostüm. Dass er nicht die Rute auspackt, um den Jungen anzutreiben, kommt einem Wunder gleich.

Kathrin Haasis/AP / AP
Themen in diesem Artikel