»SEXY BEAST« Tiefschwarze Komödie über Gangster im Ruhestand


Der ehemalige Safeknacker Gary Dove genießt seinen »Ruhestand«, bis er von der Vergangenheit eingeholt wird: Ein Profikiller verlangt von ihm den Einbruch in eine Londoner Bank.

Er besaß einmal die sanftesten braunen Augen und spielte den friedfertigsten Mann der Welt. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Ex-»Gandhi« Ben Kingsley den psychopathischsten Gangster der Saison verkörpern würde? Im tiefschwarzen Krimifilm »Sexy Beast« ist er der Mann, vor dem alle zittern, selbst seine Chefs. Als Don Logan platzt er in eine Idylle von Gangster-Rentnern und ihrer Ehefrauen, die an der spanischen Costa del Sol die Früchte ihres kriminellen Tuns genießen wollen.

Logan soll für einen Einbruch in eine Londoner Bank ein Team zusammen stellen und muss Ex-Gangster Dove, genannt »Gal«, dazu bringen, ein letztes Mal als Tresorknacker auszuhelfen. Mit seinem tadellosen Debüt gewinnt der Brite Jonathan Glazer, der sich als Regisseur preisgekrönter Werbefilme einen Namen gemacht hat, dem altbekannten Schema des ehrbar gewordenen Schurken, der gezwungen wird, in sein kriminelles Metier zurück zu kehren, frische Akzente ab.

Und dabei ist der Coup selbst das unwichtigste Handlungselement, er geschieht wie nebenbei. Dass der braun gebrannte Gal allerdings ohne den bösartigen Logan nach London zurückkehrt, lässt die Bandenchefs Verrat wittern. Was geschah am azurblauen Pool in Gals luxuriöser weißer Villa? Nicht Action treibt diesen coolen kleinen Gangsterfilm voran, sondern das Psychogramm zweier Charaktere, die sich in knappen Rückblenden entfalten - unterstützt von einem flotten Britpop-Soundtrack und surrealen Perspektiven.

Gänsehaut trotz andalusischer Hitze erzeugt schon der komisch-bedrohliche Beginn: entspannt, wenn auch krebsrot liegt der grunzende Gal am Pool, mit Goldkettchen um den feisten Nacken und Bierflasche in der Hand, und man wartet darauf, dass er sich am Schritt kratzt. Bis ein Felsbrocken vom Berg in den Pool herunterrollt und ihn um Haaresbreite verfehlt, eine der bizarrsten Filmszenen der letzten Zeit. Ein böses Omen für die Ankunft Logans, ein Psychopath vor dem Herrn: grandios, wie Kingsley, dafür zu Recht für einen Oscar nominiert, gegen sein sanftmütiges Image anspielt.

Logan ist so etwas wie der stinkende Verwandte aus einer unappetitlichen Vergangenheit, die Gal, seine Frau Deedee und das befreundete Ehepaar Aich und Jackie, ebenfalls aus dem Milieu, vor neun Jahren hinter sich ließen. Ein tollwütiger Hund, der einem zu nahe auf die Pelle rückt, der jeden Satz zweimal ausspricht, nein, ausspuckt und der kaum seine Fäuste bändigen kann - ein Selbstgespräche vorm Spiegel führender und ins Waschbecken pinkelnder unberechenbarer Irrer.

Gal will keinen Schweißbrenner mehr in die Hand nehmen und lässt den tobenden Logan ins Leere laufen. Doch als Logan unflätig über Deedees Pornostar-Vergangenheit herzieht, dreht Gal den Spieß um. Steht Logan etwa nicht auf Jackie, die gut erhaltene Blondine und Ehefrau von Aich? Als die Fassade des brutalen Machos Logans durch etwaige romantische Gefühle Risse zu bekommen droht, reist dieser sofort ab. Großes Aufatmen, doch der Quälgeist kommt zurück, giftiger denn je.

Schade, dass Kingsleys brillanter Widerpart Ray Winstone als weich gewordener schwerer Junge angesichts Kingsleys mephistophelischer Performance etwas untergeht. Glazers größtes Talent ist es, die Konfrontation der beiden psychologisch stimmig zu verdichten und nicht nur für Gal Mitgefühl zu erzeugen, sondern sogar ein kleines bisschen für Logan, den ungeliebten, von Neid zerfressenen Gangster-Büttel. Und weil das Böse stets interessanter als das Gute ist, macht der Ex-Gandhi als Giftnickel entschieden mehr Spaß.


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