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Zaun gegen Hamburger Obdachlose: Kampf den Pennern

Sie schlafen unter Brücken und schrecken Touristen ab: Obdachlose sind für viele Städte ein Problem. Das vermeintlich weltoffene Hamburg geht nun rigoros gegen Freischläfer vor - und erntet Protest.

Von Mareike Rehberg

Vertreiben statt helfen: Wenn es darum geht, Obdachlose aus den Innenstädten fernzuhalten, und sie den Blicken konsumfreudiger Touristen und Passanten zu entziehen, sind Behörden und Immobilienbesitzer oft erfinderisch. In Paris wurden im Kampf gegen Clochards sogar einmal der Einsatz von Stinkbomben erwogen, im hessischen Bensheim sollten vor einigen Jahren grelle Scheinwerfer an zwei Flutlichtmasten ungebetene Wohnungslose vergraulen.

Spitzenreiter der Bettler-Schikane aber ist die Hansestadt Hamburg. Schon länger wird der Hauptbahnhof ständig mit klassischer Musik beschallt, damit sich Obdachlose und Drogenabhängige hier nicht allzu lange aufhalten. Auf dem Spielbudenplatz an der Reeperbahn sorgten zeitweise Wasserdüsen dafür, dass sich unter zwei überdachten, nachts leerstehenden Bühnen niemand zur Ruhe bettet.

Bezirkschef zieht Zorn der Bürger auf sich

Neuester Coup des zuständigen Bezirksamtes Hamburg-Mitte ist ein massiver Stahlzaun. Rund 20 Meter lang und 2,80 Meter hoch, versperrt die 18.000 Euro teure Barrikade seit gut einer Woche den Zugang zur wind- und regengeschützten "Platte" unter der Kersten-Miles-Brücke an den Landungsbrücken zwischen Hamburgs Amüsierviertel und dem Hafen.

Schon zu Jahresbeginn hatte die Stadt 100.000 Euro investiert, um alte Bunker an der Brücke abzureißen und große Wackersteine in den Boden einzulassen. Genützt hatte es wenig, kurz darauf schliefen wieder Menschen unter der Brücke. Mit dem meterhohen Stahlgitter schuf das Bezirksamt nun Tatsachen - übernachten wird hier so bald keiner mehr. Mit dem massiven Protest zahlreicher Demonstranten hatten die Verantwortlichen aber wohl nicht gerechnet. Tausende Menschen versammelten sich am "Sperrgebiet" und ließen Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD) wissen, was sie von seiner Aktion hielten: gar nichts. Viele legten Blumen und Kerzen nieder und beklagten auf Plakaten Ausgrenzung und den Tod der "Hamburger Nächstenliebe".

Überraschende Koalition aus GAL, Linke und CDU

Das Ärgernis wurde nun in der Hamburger Bürgerschaft debattiert. Ergebnis: eine überraschende Anti-Zaun-Koalition aus GAL (Grüne), Linke und CDU. Für die Union war die Errichtung der Absperrung gar "menschenunwürdig", zumal sie auch das Problem nicht löse. Ein Sprecher des Bezirksamtes Mitte hält dagegen: Bis zu 40 Obdachlose hätten unter der Brücke "gehaust", viele Touristen und Bewohner hätten sich über Müll und Geruchsbelästigung beschwert. Die Polizei kann zwar nicht bestätigen, dass sich zahlreiche Anwohner beklagt haben sollen, allerdings hätten Beamte selbst eine "erhebliche Vermüllung und Verdreckung" festgestellt und sich ans Bezirksamt gewandt.

Der massiv in die Ecke gedrängte Bezirksamtchef musste sich zudem von der Union vorwerfen lassen, mit alten Zahlen und Beschwerden zu argumentieren. Der Zaun, so CDU-Mann Jörn Frommmann, "gefährdet den sozialen Frieden und muss unverzüglich abgebaut werden". Damit schloss sich die Union den Forderungen der GAL und der Linke an. Markus Schreiber scheint die Diskussion leid zu sein, ermattet gab er nun zu Protokoll: "Der Zaun kann weg. Aber nur, wenn es Alternativen gibt, die zum gleichen Ergebnis kommen."

Andere Großstädte reagieren gelassener

In anderen deutschen Großstädten sorgt der Hamburger Aktionismus für Unverständnis. "So hart sind wir hier nicht drauf", kommentierte eine Angestellte aus der Berliner Senatsverwaltung zu den Maßnahmen der Hansestadt. In der Hauptstadt löse die Polizei zwar Obdachlosengruppen auf, wenn Müll und Lärm überhand nähmen, die einzelnen Wohnungslosen kämen aber bald wieder zurück. Einzige Maßnahme: In den drei U-Bahnhöfen, die im Winter zum Aufwärmen geöffnet bleiben, sind die Sitze zweigeteilt, so dass sich niemand hinlegen kann.

In Köln, München, Frankfurt und Dortmund sieht es ähnlich aus. "Punks und Obdachlose lümmeln rum, sind lästig und es ist nicht schön, aber das gehört eben zu einer Stadt", stellt der Frankfurter Pressesprecher klar, und sein Kollege vom Sozialdezernat betont, dass in seiner Stadt nichts eingezäunt werde. Auch dem Münchner Sozialreferat sind keine Maßnahmen gegen Obdachlose bekannt, statt auf eine "abwehrende Strategie wie in Hamburg" setze die Stadt auf Hilfsangebote.

Schreiber bereitet schon nächsten Streich vor

Der Hamburger Bezirksamtsleiter Schreiber hat derweil schon die nächste Maßnahme gegen unliebsame Bettler, Trinker und Obdachlose im öffentlichen Raum in petto. Die klassische Musik reicht am Hauptbahnhof offenbar nicht aus, um die Unerwünschten zu vertreiben. Das Bezirksamt will das Hausrecht für den überdachten Vorplatz in einer dreimonatigen Testphase an die Deutsche Bahn übertragen. Deren Sicherheitskräfte könnten dann gegen "Streitereien und Trinkgelage" vorgehen, so der Bezirksamtssprecher gegenüber stern.de. Ob die Menschen auf diese Weise verschwinden oder nur ein paar Straßen weiter ziehen, wird sich zeigen. Und ob der weichgekochte Bezirksamtsleiter seine Pläne überhaupt weiterverfolgen wird, ebenso.

mit Agenturen
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