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Hamburg-Wahl Genossen im Siegesrausch


Sie wussten kaum noch, wie das Feiern geht . Als es in Hamburg aber so weit war mit dem Wahltriumph, brach es heraus aus den SPD-Genossen. Woanders herrschte Katzenjammer.
P. Elsbrock, F. Güßgen, L. Himmelreich, L. Kinkel, H. Schütz

Der erste Balken, der sich bei der ZDF-Prognose um 18 Uhr bewegt, ist der für die Hamburger CDU. Und als er auf den Monitoren in der Berliner SPD-Parteizentrale, dem Willy-Brandt-Haus, bei 20 Prozent stoppt, bricht die Menge in Jubel aus. 20 Prozent! Und dann der zweite Balken: 50 Prozent für die SPD! So einen turmhohen Sieg haben die Genossen gefühlt seit Jahrzehnten nicht mehr errungen. Einer schwenkt wild eine Stange, an der zwei Fahnen montiert sind: Unten die SPD-Fahne, darüber jene des Hamburger Fußballclubs FC St. Pauli. Der Verein, ein Underdog in der Bundesliga, hatte just im Lokalderby erstmals seit Ewigkeiten den HSV geschlagen. Treffender lässt sich die Gefühlslage der Sozialdemokraten nicht darstellen.

Um 18.21 Uhr und 20 Sekunden füllt sich die Bühne im Willy-Brandt-Haus mit glücklichen Menschen. Wer hat nicht alles mit gewonnen: Ganz links Nils Schmid, SPD-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, daneben Manuela Schwesig, Hartz-IV-Verhandlungsführerin, Parteichef Sigmar Gabriel, Schatzmeisterin Barbara Hendricks, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, sein Vize Hubertus Heil, und ganz rechts Thomas Oppermann, parlamentarischer Geschäftsführer. Mehr Genossen passen auf das Berliner Siegerfoto beim besten Willen nicht. Gabriel, bestens gelaunt, spottet: "Das ist ein historisches Ergebnis. Nicht nur für uns, sondern auch für die anderen." Dann sagt er, die SPD sei immer dann stark, wenn sie nah bei den Menschen sei und sich im Alltag gut auskenne. Das habe Olaf Scholz demonstriert. Ein überschwängliches Triumphgeheul verkneift sich Gabriel, er weiß, dass Hamburg nicht Baden-Württemberg oder Berlin ist. Das war ein lokaler Etappensieg in diesem Superwahljahr 2011, keine Trendwende für die SPD insgesamt. Aber, und da hat Gabriel Recht: "Das ist guter Rückenwind aus Hamburg."

"Ein historisches Ergebnis. Nicht nur für uns"

Kurz nur dauert seine Ansprache, die Berliner Musik spielt eigentlich anderswo, nämlich in der Landesvertretung Sachsen-Anhalts, wo Regierung und Opposition über das Hartz-IV-Paket verhandeln. Sie haben sich kollektiv zwischen 17.30 und 20.30 Uhr eine Auszeit gegönnt, gleich stehen wieder Bildungspakete, Aufstocker und Mindestlöhne auf dem Programm. Thomas Oppermann bleibt noch ein Weilchen neben der Bühne stehen. Scholz habe die Mitte für die Sozialdemokraten zurückerobert, wirtschaftliche Vernunft mit sozialer Gerechtigkeit gepaart, das sei der richtige Kurs, sagt er stern.de. Nils Schmid aus Baden-Württemberg, dessen Partei in den Umfragen bei erbärmlichen 19 bis 20 Prozent liegt, hat gleich sein gesamtes Wahlkampfteam mit nach Berlin gebracht, um sich ein wenig im Siegerglanz zu sonnen. "Das stärkt die SPD in der ganzen Republik", frohlockt er - und kündigt an, Olaf Scholz häufiger für den Wahlkampf ins Ländle einfliegen zu lassen.

Der lässt sich derweil zuhause in Hamburg feiern. "Olaf, Olaf, Olaf", skandieren die Genossen im Veranstaltungszentrum "Fabrik", bevor Scholz da ist. Einer ruft: "Macht doch mal 'ne Gasse frei". Die Hamburger SPD feiert endlich einmal wieder eine Wahlparty im wahrsten Wortsinn. Es ist rappelvoll. "Wahnsinn", ruft einer. Und dann zieht er ein, er, der Sieger, der Triumphator, Olaf Scholz, der Zurückeroberer, der SPD-Held von der Elbe. "Olaf, Olaf, Olaf". Sie halten rote Schilder hoch. Und Scholz, seine Frau Britta Ernst im Gefolge, strebt der Bühne entgegen. Was für ein Erfolg. Absolute Mehrheit. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch erlebe", schreit eine Juso-Frau im Lärm. Sie ist nicht älter als Mitte zwanzig.

Es drängt sich ein Vergleich mit Barack Obama auf

Hier, in Altona, da ist Scholz zu Hause. Hierher kommt er zuerst, bevor er weiterzieht zu den TV-Studios und dem Pressezentrum. Als er sich in dem Trubel auf der Bühne das Mikro greift, wirkt der Genosse mit dunklem Anzug und tiefroter Krawatte schon fast überparteilich seriös. Und dann ist er, im Moment seines größten Erfolgs, wieder ganz Scholz. "Das ist ein sehr, sehr beeindruckendes Ergebnis," sagt er. Und: Das Resultat sei eine große Verantwortung, die er sehr Ernst nehme. Ernst! Da drängt sich sogar ein Vergleich mit Barack Obama auf. Als der das Weiße Haus erobert hatte und von der Welt wie ein Messias bejubelt wurde, gab er sich auch betont nüchtern. Scholz ist jetzt sowas wie der sozialdemokratische Messias aus Altona.

Seit 1997 hat die Hamburger SPD nicht mehr feiern dürfen, so haben sie es wohl noch nie getan. Das Bier fließt, auch wenn dafür gezahlt werden muss, später gibt's ein kleines Buffet. Die Sozialdemokraten sind zurück."Endlich ist die SPD mal wieder dran", sagt Marianne Monden, ein älteres SPD-Mitglied. "Jetzt kann sie endlich mal wieder zeigen, was sie kann."

Ein Minierfolg, der sich wie eine Niederlage anfühlt

Ein paar Kilometer weiter östlich, der Ballsaal im Millerntorstadion. Wo normalerweise der FC. St. Pauli gefeiert wird, machen die Grünen lange Gesichter. Stimmung will auf der Wahlparty der GAL, wie die Partei in Hamburg heißt, nicht aufkommen. Vom Ausstieg aus der Koalition hätten die Grünen bei der Wahl gerne stärker profitiert. Sie verbessern sich laut Hochrechnung zwar leicht, hatten aber auf deutlich mehr gehofft. Schließlich wurden den Grünen durch die letzten Umfragen Hoffnung gemacht. Nun jedoch liegen sie deutlich unter dem bundesweiten Trend. Und zum Regieren in der Hansestadt, so zeichnet sich ab, werden sie künftig nicht gebraucht.

So kündigt der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, an, dass die GAL eine "harte Opposition" sein werde. Und lobt zugleich: "Wir haben zugelegt aus einer schwierigen Situation, wo der ehemalige Koalitionspartner dramatisch verloren hat." Beim auf dem Kiez üblichen Astra-Bier, Currywurst und Kartoffelsalat feiert die GAL ihren Minierfolg, der sich allerdings wie eine Niederlage anfühlt.

CDU: Allgegenwärtiger Guttenberg

Dass die CDU etwas kann, traut ihr an Alster und Elbe dagegen offenbar kaum jemand zu. Und so hat die Berliner CDU-Zentrale einen trüberen Wahlabend seit Jahrzehnten nicht erlebt. Schlechtestes Wahlergebnis aller Zeiten in Hamburg, das Resultat von 2008 mehr als halbiert. Der Staatsminister im Kanzleramt, Eckhart von Klaeden, analysiert laut, Hamburg sei "nicht so wichtig", um dann über die aus CDU-Sicht ungewisse politische Zukunft von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zu flüstern.

Der Name des Politstars aus Bayern fällt häufiger an diesem Abend. Nachdem CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe eine schwere Niederlage seiner Partei eingeräumt und von "schmerzhaften Verlusten" gesprochen hat, wird auch er mit Guttenberg konfrontiert. Ob sich das Bundeskabinett demnächst mit der Personalie Guttenberg beschäftigen müsse? "Davon gehe ich nicht aus." Abseits der Fernsehkameras beschwört das an diesem Abend kein CDU-Funktionär.

FDP: Neue Bescheidenheit

Ganz neue Töne gibt es bei der FDP. Dort zeigt sich Parteichef Guido Westerwelle ungewohnt bescheiden. "Es ist ein schöner Abend für die liberale Familie", sagt er und fügt demütig hinzu: "Die FDP hat aus dem, was Anfang letzten Jahres nicht funktioniert hat, gelernt." Als die Kameras aus sind, stellt ein Liberaler im Publikum erstaunt fest: "Da war sogar ein bisschen Selbstkritik dabei."

Doch so ganz lässt sich dann die Euphorie im Dehler-Haus doch nicht bremsen. "Das Loser-Image ist weg", sagt der FDP-Bundestagsabgeordnete Florian Toncer, der in seiner Heimat Baden-Württemberg bereits im nächsten Wahlkampf steckt. Westerwelle bahnt sich den Weg durch die Menge und zeigt dann doch, dass Bescheidenheit nicht zu seinen Stärken zählt: "Zwei Landtagswahlen haben wir gehabt seit der Bundestagswahl", sagt er. "Bei beiden haben wir gewonnen." Sprichts und macht den Ackermann mit Victoryzeichen, während er in der rechten Hand ein Pils hielt.

Die Linke hält einmal den Mund

In Berlin hat Gregor Gysi schon alles erklärt - lange bevor die beiden Parteivorsitzenden kommen. Es ist kurz nach sechs, vor ein paar Minuten ist die Prognose der Hamburg-Wahl über die Leinwand gelaufen. Der Fraktionsvorsitzende der Linken steht im Berliner Karl-Liebknecht-Haus und kommentiert für die Fernseh-Teams. "Das Ergebnis ist eine Quittung für Angela Merkel", sagt er, eine starke SPD brauche ein soziales Korrektiv - die Linken. Jetzt werde in der Partei auch wieder Ruhe und Zufriedenheit einkehren. Die Scheinwerfer an den Wänden tauchen den Saal in rotes Licht, und die Genossen demonstrieren schon mal, was Gysi gemeint hat: Zufrieden stoßen sie mit Sekt und Bier auf den erneuten Einzug in die Hamburger Bürgerschaft an.

Von der Parteiprominenz hat sich um diese Zeit sonst niemand hergewagt. Erst um sieben Uhr wollten die Vorsitzenden Klaus Ernst und Gesine Lötzsch auftreten, ist zu hören. Als sie schließlich doch schon eine halbe Stunde früher ihre Kommentare abgeben, bekommen sie Applaus und Jubelrufe. Und noch jemand ist gekommen, um den Sieg auszukosten: Oskar Lafontaine, der langjährige Parteichef, tritt mit breitem Grinsen vor die Kameras. Vor der Wahl sei die Partei "ordentlich runtergemacht" worden, sagt Lafontaine. Jetzt habe man den anderen doch wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dann noch ein Satz, den man als Ermahnung verstehen kann: "Einmal drei Wochen den Mund halten, schon haben wir ein halbes Prozent mehr." Das war allerdings, bevor die "Fraktionsstärke vorläufig ermittelt" wurde, wie es im Wahlleiter-Deutsch heißt - denn nach diesem Ergebnis hat sich für die Linke gar nichts geändert.


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