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Hartz-IV-Streit Schön trocken - Manuela Schwesig


Die Hartz-IV-Verhandlungen haben Manuela Schwesig, 36, auf die große Berliner Bühne gehoben. Wer ist diese Frau?
Von Lutz Kinkel und Hans Peter Schütz

Manuela Schwesig sieht aus wie immer: blond, frisch, lächelnd. Als käme sie gerade von der Beauty-Farm. Tatsächlich hat sie zähe, nächtliche Verhandlungen hinter sich, zehn Stunden haben sie gedauert. Schwesig ist erst um fünf Uhr ins Bett gekommen, eine Stunde später musste sie schon wieder raus, um der Nation im TV zu erklären, warum die Hartz-IV-Gespräche gescheitert sind. Interviews, Interviews, Interviews, jetzt, um 11.30 Uhr, sitzt sie in der Berliner SPD-Parteizentrale und erläutert der Hauptstadtpresse ihren Standpunkt.

Vorab eine persönliche Frage: Wie geht es Ihnen, Frau Schwesig? Antwort: "Ich fühle mich mit mir im reinen." Eine politische Antwort auf eine persönliche Frage, so macht sie das gerne. Nahbar ist diese Norddeutsche nicht. Aber, auf einer professionellen Ebene, ungewöhnlich zugewandt. Sie begrüßt jeden der etwa 50 Journalisten, die ins Willy-Brandt-Haus gekommen sind, mit Handschlag. Das hat sie auch in den vergangenen Wochen so getan, obwohl ihr gute Bekannte davon abgeraten haben. Das sähe doch provinziell aus.

Kein Kokettieren, kein Kosename

Vielleicht findet sie den Handschlag gerade deswegen so gut: Weil er nicht nach Berliner Abgeklärtheit aussieht. Schwesig hat eine Ausnahmekarriere hingelegt - Einser-Abiturientin, Finanzwirtin, 2003 Eintritt in die SPD, Sozial- und Gesundheitsministerin in Schwerin, 2009 stellvertretende Parteivorsitzende - und könnte sich als kommender Star der Sozialdemokratie feiern lassen. Die Berliner Fotografen hoffen, dass sie sich mal unter die Willy-Brandt-Statue in der SPD-Zentrale stellt, unter die segnenden Hände des Altvorderen, um ein Symbolfoto ihres Ehrgeizes zu schießen. Aber Schwesig spielt nicht mit.

Sie vermeidet triumphalistische Gesten. Sie kokettiert nicht. Sie charmiert nicht. Ihre Art wirkt wie eine Komplementärfarbe zu Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. Unvergessen, wie sich von der Leyen mit einer einzigen Geste - einem lächelnd mit den Fingern angedeuteten "Pssst" - als vermeintliche Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten in Szene setzte. Solche Auftritte leistet sich Schwesig nicht. Es wäre auch unklug. Sie agiert noch nicht lange auf dem Berliner Spielfeld, und in ihrer Partei gibt es viele natürliche Konkurrenten, die die Sozialpolitik für ihr ureigenes Terrain halten. Von Elke Ferner über Hubertus Heil bis Andrea Nahles. Aber wer darf die publicityträchtigen Hartz-IV-Verhandlungen führen? Manuela Schwesig, 36.

"Merkel ist eine eiskalte Machtpolitikerin."

Weil sie so nüchtern, so sachlich auftritt, hat sie keinen - der in Berlin so schnell vergebenen - Spitznamen. "Steinmeiers Mädchen" wird sie manchmal genannt, eine Anspielung auf Angela Merkel, die "Kohls Mädchen" war. Aber das Bild ist schief, Schwesig hat nichts von der Tapsigkeit der Jungpolitikerin Merkel, und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier nichts von der patriarchalen Gönnerhaftigkeit eines Helmut Kohl. Richtig ist, dass Steinmeier sie, nach einer Empfehlung von Matthias Platzeck, für die Bundespartei entdeckt hat. "Ich dachte, Mensch, die Frau ist ein Glücksfall: Jung, intelligent, hübsch, zielstrebig - sie entsprach gar nicht dem Bild der vermeintlichen Macho-Partei SPD", erinnert sich Steinmeier im stern. Er holte sie 2009 in sein Kompetenzteam für die Bundestagswahl. Viel zu melden hatte das Kompetenzteam nicht, aber Schwesig fiel auf - auch deshalb, weil sie so ungemein fotogen ist.

Nun absolviert sie mit den Hartz-IV-Verhandlungen, die noch lange nicht beendet sind, die erste große fachpolitische Probe in Berlin. Bislang hat sie sich noch keine großen Patzer erlaubt, obwohl ihre Rhetorik alles andere als ausgefeilt ist. Ihr Umgangsstil gilt parteiintern als kollegial. "Sie sagt, wo es langgeht, lässt aber allen einen eigenen Spielraum", lobte ein Insider in der "Süddeutschen Zeitung" jüngst ihre Verhandlungsführung. Tatsächlich strahlt Schwesig so etwas wie eine natürliche Autorität aus. Sie muss sich nicht aufpumpen, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Tut sie es trotzdem, um vor Kameras Attacken zu reiten, wirkt es immer etwas künstlich. Glatt über die Lippen kommt ihr eine Erfahrung, die sie in den vergangenen zwei Jahren gewonnen hat: "Merkel ist eine eiskalte Machtpolitikerin."

Mathe und Emanzipation

Schwesig, geboren in Frankfurt (Oder), Tochter eines Schlossers und einer Statistikerin, war 15 Jahre, als die Mauer fiel. "Im Osten hieß es nie: Mädchen können kein Mathe. Und es war normal, dass Mütter arbeiten", sagte sie dem stern. So hält es Schwesig, Mutter eines kleinen Sohnes, nun auch. Sortiert, selbstbewusst, klar heraus, ihren Ehrgeiz eher verbergend. Es heißt, Ursula von der Leyen nähme Schwesig inzwischen ernst. Ihre Partei tut das auch. Wer waren doch gleich noch mal die drei anderen stellvertretenden Parteivorsitzenden neben Schwesig?

Ach ja. Klaus Wowereit, Olaf Scholz und Hannelore Kraft.

Mitarbeit: David Bedürftig, Johanna Biedermann

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