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Kandidatin für Köhler-Nachfolge: Nicht alle lieben von der Leyen

Die Niedersächsin Ursula von der Leyen gilt als Favoritin für Schloss Bellevue. Der Politprofi mit Hang zur Selbstdarstellung hat aber auch Feinde.

Von Monika Dunkel

Kurz vor 14 Uhr fährt Ursula von der Leyen im Kanzleramt vor. Sie trägt den schwarzen Hosenanzug. Prompt läuft die Gerüchteküche über. Die Kanzlerin, ist zu hören, werde die CDU-Politikerin gleich offiziell als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten ausrufen. Die zarte Frau mit dem perfekten Strahlen soll dem geflüchteten Bundespräsidenten Horst Köhler nachfolgen. Kurz drauf kommt raus - es ist eine Ente. Von der Leyen hat nur einen Routinetermin mit Angela Merkel. Die Chefgespräche zum Haushalt stehen an. Auch Norbert Röttgen und Rainer Brüderle müssen bei Merkel antanzen.

Zwei Frauen an der Spitze Deutschlands

Egal, wo sie gerade steht und geht, es scharren sich noch ein paar Kamerateams und Fotografen mehr um sie als gewöhnlich.

Tags zuvor machte die Nachricht zum ersten Mal die Runde. Die Kanzlerin strebe eine Kandidatur von der Leyens an. Aus der Union und von den Liberalen gebe es zustimmende Signale für die Frau aus Niedersachsen. Die Sensation schien perfekt. Erstmals stünden damit zwei Frauen an der Spitze Deutschlands. Die von Männern dominierte Führungsriege in Politik und Wirtschaft schluckte hörbar. Sicherheitshalber warfen Spin-Doktoren gleich ein paar männliche Testballons hinterher. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff tauchte plötzlich als heißer Kandidat auf.

Von der Leyen lächelt alle Gerüchte weg. Es sei zwar derzeit die "Zeit der Spekulationen", hat sie sich zurecht gelegt, "aber es muss jetzt unter hohem Zeitdruck eine gute Lösung für dieses Land gefunden werden." Auf den letzten Metern im Rennen ums höchste Amt der Republik scheint noch fast alles drin. Auch dass es am Ende ein Mann wird. Denn Merkels "Mädchen for president" hat neben vielen Fans eben auch jede Menge Widersacher - und das nicht nur in der SPD.

Zu modern für erzkonservative Lederhosenträger

Vor allem die bayerischen Unionsleute bringen der norddeutschen Protestantin eine gehörige Portion Misstrauen entgegen. Die Frau ist erzkonservativen Lederhosenträgern schlicht eine Spur zu modern. Ihnen ist unheimlich, wie die Mutter von sieben Kindern, die mit fremder Hilfe noch den demenzkranken Vater zu Hause pflegt - den früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht - das alles unter einen Hut bringt. Und dabei nie gestresst wirkt. Dass ihr Mann den Haushalt schmeißt, sie die Karriere macht, geht denen, die das Modell Alleinverdiener mit Frau und Kindern in Ehren halten, gegen den Strich.

Laut würden sie das nie sagen, stattdessen streuen sie hämische Kommentare über eine überehrgeizige und magersüchtige Ministerin. Als von der Leyen nach den Bundestagswahlen durchblicken ließ, sie würde gerne Gesundheitsministerin, begannen die ersten zu fürchten, dass die Frau auch das erfolgreich managen könnte, ohne vom Volk gehasst zu werden.

Verkraftet die Union zwei Frauen?

Am Ende wird Merkel sich fragen, ob die Union zwei Frauen verkraftet, die eine Politik mit hohem SPD-Anteil machen und für die das Etikett konservativ nicht mehr passt.

Für Merkel selbst ist die studierte Volkswirtin und Ärztin ein Pfund, mit dem sie wuchern kann. Von der Leyen verkörpert vieles, was der nüchternen Naturwissenschaftlerin abgeht. Sie strahlt Wärme und Mütterlichkeit aus. Die attraktive Frau fällt auf im Männerbetrieb, sie wirkt fröhlich, schwungvoll und versteht es, fast jeden Macho um den Finger zu wickeln. Außerdem schätzt Merkel, dass von Leyen hundertprozentig loyal ist. In Talkshows schwärmt die Ministerin gern von ihrer Chefin. Wird sie Präsidentin, wird Merkel ganz nebenbei noch eine Nebenbuhlerin los. Von der Leyens größtes Verdienst: Sie hat die CDU wieder wählbar gemacht für junge berufstätige Frauen in Städten. Sie setzte das Elterngeld durch und führte Vätermonate ein - das von SPD-Kanzler Gerhard Schröder als Gedöns abgewatschte Ministerium stieg im Ansehen. Da machte es nichts, dass die Idee bei der SPD-Vorgängerin geklaut war und bislang die Geburtenrate gar nicht stieg.

Niemand sonst besetzt so unverfroren öffentlichkeitswirksam Themen. Superwoman beherrscht das Spiel mit den Medien perfekt. Dahinter steckt eine ausgeklügelte PR-Maschine. Auch ein Scheitern versteht sie meist noch in einen Erfolg umzumünzen. Beispiel: Internet-Sperre von Kinderporno-Seiten. Sie scheiterte politisch. Viele technik-affine Nutzer unterstellten ihr, ein Zensursystem einrichten zu wollen und fielen über "Zensurula" her. Unter dem Motto "Not my president" machen die Nutzer von Facebook, Twitter und Co. nun sogar gegen ihre Wahl im Netz mobil.

Eine Riesenfamilie als Handicap

Ihrer Beliebtheit hat das nicht geschadet. In Umfragen liegt sie stets weit vorne, vor kurzem überholte sie die Kanzlerin und thront nun auf Platz zwei - vor ihr nur noch das andere Wunderkind der Politik, Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Dass sie unangenehme Seiten hat, berichten die, die für sie arbeiten, von Wutanfällen ist die Rede, wenn einer nicht schnell genug kapiert.

Das kleinere Handicap ist die Riesenfamilie. Bislang pendelt die Ministerin so oft sie kann nach Hause, lässt Termine in Berlin sausen, um ein paar Stunden bei Mann, Kindern und ihrem demenzkranken Vater in der Villa bei Hannover zu verbringen. Als Bundespräsidentin könnte sie nicht mehr ausbüchsen. Das Amt verlangt Präsenz - im Schloss Bellevue oder in der Dienstvilla in Dahlem. Eine von der Leyen dürfte das nicht schrecken. Sie hat noch jedes Haus in ein Mehrgenerationenhaus verwandelt.

FTD